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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-04 · Heft 5 (4.2.1898) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 5 (4.2.1898)
Date
1898-02-04
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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=-— 57 jijji!J,ii)iJra werter, die sich kümmerlich nähren. Von den verdorbenen Resten leben diese von Freitag zu Freitag. Oft kaufen auch die Reichen von ihnen die Brodreste als Futter für ihr Vieh. Bettler, die etwas mehr gelernt haben oder von besserer Herkunft sind, tragen keinen Bettelsack und nehmen auch keine Speisereste und alte Sachen. Anstatt dessen giebt man ihnen einen Kopeken bis hinunter zu einem Viertel Kopeken. Oft gehen auch zwei oder drei Bettler zusammen, um Almosen zu sammeln. Oft ist das Paar gesund, oft besitzt Einer von ihnen irgend einen Fehler öder eine Kkankheit und mliß geführt werden. Das Haupt einer solchen Gesellschaft ist gewöhnlich ein redegewandter Unverschämter, die Anderen sind seine Schüler, die er praktisch in die Schnorrerei einführt. Oft bilden sie eine Genossenschaft und führen eine gemeinsame Kaffe, oft aber gehen sie ohne „innere Zusammengehörigkeit" nur zusammen, wobei jeder Einzelne seinem Glück, seiner Geschicklichkeit und seiner Erfahrung vertraut. Der Wanderplan beruht auf einer eigenthümlichen geographischen Eintheilung oder auf einer Tradition, welche die ökonomischen Verhältnisse der Landstriche und Städte berücksichtigt, und an der Nichtbettler ke.nen Antheil haben. Es giebt aber auch Ausnahmen von der Regel. Wenn sie erfahren, — und sie erfahren alles, als würden die Lüfte es ihnen zuführen, — daß in jener Stadt der reiche Herr X die Hochzeit seines Sohnes oder seiner Tochter feiert, bei der er den Armen ein Festessen giebt und sie mit einer Geldspende bedenkt, so strömen sie von Nah und Fern herbei, indem sie den ursprünglichen Reiseplan wegen des einzigen Festessens aufgeben. Sie laufen sich die geschwollenen Füße wund und wandern ohne Rast, um nicht das Hochzeitsmahl zu versäumen, bei dem sie ein Geldgeschenk, das einen Rubel übersteigt, erhalten. In den meisten Fällen geben die reichen Verwandten der Neuvermählten eine Silber¬ oder auch nur eine Kupfermünze. Ein Festessen, bei dem die Armen gefüllte Fische, Braten, fette Suppe nebst Gemüse und viel Branntwein bekommen, gehört heute zu den Seltenheiten und wird von ihnen nicht so bald vergessen. Bei solcher Gelegenheit essen die Armen mehr als ihnen gut thut, als wollten sie ihrem elastischen Magen eine alte Schuld abtragen. Dabei pflegen sie einander aufzumuntern und zum löblichen Thuu anzuspornen. „Iß und trink, denn morgen sind wir todt!" Die Folgen bleiben denn auch nicht aus; Manche nehmen es zu wörtlich und sterben wirklich. Wie gesagt, werden solche Hochzeitsschmäuse immer seltener, bald werden sie der Geschichte angehören. Auch zu anderen Familienfestlichkeiten, mit denen eine Mahlzeit verbunden ist, wie zu Verlobungen, Beschneidungen u. s. w., erscheinen die Bettler als ungeladene Gäste und setzen sich mit dem Hausherrn und seinen reichen Gästen an denselben Tisch. Sie sprechen den Speisen und Getränken mit gutem Appetit zu, so daß die harte Anstrengung der Kaumuskeln ihnen den Schweiß auf die Stirn treibt. Etwaige Speisereste nehmen sie selbstverständlich mit. Erzählungen von Festen mit „Speisung der Armen" werden von Bettler zu Bettler überliefert, wobei jeder sein Theil freigebig hinzufügt. Solche Erzählungen hören die Bettler mit großem Vergnügen, der Speichel fließt ihnen im Munde zusammen, und seufzend erinnern sie sich der guten alten Zeit, in der jeder angesehene Mann bei Beschneidungen und Hochzeiten den Armen eine Mahlzeit zu geben pflegte. Ihre Wanderungen führen die Bettler gewöhnlich zu Fuß aus, nur die Kinder oder die Kranken fahren. Bei einem jüdischen Kruge wird Halt gemacht; da erhalten sie Speise lind Trank, auch wohl ein baares Geldgeschenk, und werden nach der nächsten Stadt gefahren. In früheren Zeiten waren die jüdischen Krüger auf dem Lande sehr freigebig, in ihren Häusern pflegte es von Bettlern nicht zu ruhen. Die neuen Ausnahmegesetze, welche den Juden den Aufenthalt außerhalb des Weichbildes der Stadt verbieten, haben schon so manchen Geber zum Nehmer gemacht. Manche jüdische Bettler pochen auf ihrer Wanderung auch an die Thüren der christlichen Dorfbewohner. Auch Diejenigen, die im Hause eines Juden den Mund "nicht aufthun können, umschmeicheln den Bauer lind betteln ihn an, bis er ihnen etwas giebt. In den letzten Jahren aber giebt es Aufpasser und Knüttel, welche den Bettlern den Eingang in die Hütten der Bauern wehren. Der Landgendarm hat sein Auge überall. Die wirklichen Kranken und mit Gebrechen aller Art Behafteten sowie die Frauen und Kinder legen ihre Tour, dicht an einander gedrängt, in einem zerbrochenen Wagen zurück, der von einer mageren Mähre — von den Bettlern ironisch „der Adler" genannt — gezogen wird. Passiren sie ein Dorf, so läuft die Dorfjugend ihnen lärmend nnd fluchend nach, bewirft sie mit Straßenschmutz und Steinen und spuckt ihnen ins Gesicht. Wenn ich ein Maler wäre und ein Bild von den Leiden der Juden im Exil geben wollte, ich hätte einen zerbrochenen, wackeligen Wagen gemalt iinb im Wagen kranke, unglückliche, von Schicksalsmacht gebeugte Gestalten. Am Jahrestage der Zerstörung Jerusalems und vor dem jüdischen Neujahr, wenn Viele die Gräber ihrer Lieben aufsuchen, finden sich auch die Bettler auf dem Friedhofe ein und strecken den Besuchern die Hand oder einen Lehmteller entgegen. Dann ist für sie Erntezeit. Unter den Bettlern giebt es wenig Fromme. An Wochentagen verrichten die Meisten ihr kurzes, hastig heruntergesagtes Gebet zu Hause; an Sonnabenden und Festtagen gehen sie zwar nach der Synagoge, doch sind sie nicht von den Ersten. Dort halten sie sich beständig in der Nähe der Thür und am Ofen auf, flüstern mit einander, zanken nnd stoßen sich, erzählen einander Vertraulichkeiten, lachen, witzeln oder seufzen. Nach dem Gebete bitten sie Einen aus der Gemeinde, sie auf eine Mahlzeit mitzunehmen. Am Tische des Fremden fühlt sich der Bettler wie bei sich zu Hause und ißt ungenirt. Bettler mit mehrjähriger Erfahrung erkennen auf den ersten Blick die Eigenheiten ihres Gastgebers und wissen, ob es angebracht sei, zu sprechen und Witze zu machen oder .den Mund zu halten. Meist schweigen sie, um desto mehr essen zu können. Nach dem Essen sprechen sie leise und hastig den Tischsegen, stehen auf und verlassen mit einem „gut Schabbes" oder „gut Jomtow" (vergnügte Feiertage) das Haus. Auch die geheiligten Gesetze und die althergebrachten Sitten und Gebräuche werden von den Bettlern vernachlässigt. ^Die.Liebe zu den Ihrigen ist bei ihnen »lichtstark, aus dem Familienleben machen sie sich nicht viel. Die Ursache daran ist ihr, absonderliches Wanderleben. Im Munde der Bettler haben sich Erzählungen und Sagen erhalten, die tief aus dem jüdischen Leben geschöpft sind. Gesammelt und geordnet, würden sie einen überaus ^wichtigen,Beitrag zur Ethnologie der Juden, die noch in den^ersten Anfängen steckt, abgeben. Im Verkehr, mit einander bedienen sie sich einer eigenen, nur ihnen verständlichen Sprache, eines durch Verwechselung'^nnd Ver-; setzung der Buchstaben noch mehr verdorbenen Jüdisch-deutsch. In I dieser ihrer Bettlersprache haben sie allgemein übliche technische Ausj drücke für das ganze Gebiet des Schnorrens.! .. j ' C-

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