Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228263--54349-3290473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-- 56 - genossen kenne. Mir soll es ganz recht sein, wenn irgend ein Anderer, 7 der zur Agitation und zur Führung von allerlei Verhandlungen mehr > Zeit hat als ich, die Sache in die Hand nimmt, vorausgesetzt, daß er über die nöthige Ruhe, Besonnenheit, Routine und Erfahrung; verfügt. So dachte ich im Jahre 1890, als ich diesen Vorschlag zum ersten Mal machte, so dachte ich fünf Jahre nachher, als ich den Plan dem Herrn Dr. Herzl zur Beachtung vorlegte, und so werde j ich auch in aller Zukunft denken. Wie ernst es mir allezeit um die ■ Sache war, möge daraus erhellen, daß ich. ohne Tamtam zu schlagen, volle sieben Jahren auf einen paffenden Zeitpunkt gewartet habe, bis ich nunmehr, lediglich gezwungen durch die verhängnißvolle Agitation für Palästina, den Plan, vielleicht vorzeitig, an die Oeffentlichkeit bringen mußte, wodurch er der Judenheit, der Türkei und sämmtlichen anderen Mächten bekannt wird. Es ist ein Kolonisationsplan, nichts weiter, also keine direkte Staatsgründung. Das Nähere kann natürlich hier, wenigstens heute, nicht erörtert werden. Aber es ist ein Plan, an welchem sich die gesammte Judenheit betheiligen kann, ohne daß der Einzelne nöthig hat, sein Vaterland ode» seine persönlichen Interessen irgendwie hintanzusetzen, die Anhänger der angeblichen Mission des Judenthums unter den Völkern ebenso gut wie die enragirtesten „Zionisten". Nur lichtscheue Skribenten und jene Gruppe, welche sich einbildet, sie müffe ü tout prix die gesammte Judenheit in eine Aktiengesellschaft umwandeln, werden bei diesem Plan ebenso wenig wie schließlich bei anderen Plänen ihre Rechnung finden. Diesen Plan werden auch — und das ist das Wichtigste — die Staatsmänner Europas diskutabel finden, vielleicht auch Herzl und Nordau. München, am 16. Januar 1898. Soziale Bilder aus Nußland. Beiträge zur Psychologie und Ethnographie der Juden. Von R. Brainin. enn elementare Gewalten, wie Feuersbrünste und Hochwaffer, ganze Städte und Dörfer zerstören, so bleiben Hunderte von Familien ohne Existenzmittel und gehen über Land. In solcher Zeit wollen alle Bettler „Abgebrannte" oder vom Hochwasser Geschädigte sein. Gar Manche geben sich als fromme Pilger aus, die nach der heiligen Stadt wallen, um dort ihr Leben zu beschließen, damit ihr Leib von Würmern verschont bleibe; Andere zeigen eine Bescheinigung vom Rabbiner vor, daß sie eine innere Krankheit haben und von einem berühmten Professor operirt werden müssen. Meist lassen sich die Juden solche Ausreden gefallen, wenn auch ihr Ort nicht auf dem Wege nach Jerusalem oder zum berühmten Professor liegt. Die gelegentlichen Bettler lassen ihr Geschäftchen in Obhut ihrer treuen Ehehälfte zurück und gehen nach einer Gegend, die sie nie vorher gesehen. Nach einiger Zeit kehren sie zum heimathlichen Herd zurück und nehmen ihre alte Beschäftigung wieder auf. Sie sind mit festen Banden an ihre Familie gebunden, in der Fremde leiden sie an Heimweh und fluchen dem Geschick, das sie zum Wandern genöthigt. So bald als irgend thunlich, kehren sie nach Hause zurück. Manche von ihnen gewöhnen sich ans Bettlerleben; nachdem sie sich ans Nehmen einmal gewöhnt haben, verliert es für sie seine Schrecken, und sie kehren nicht mehr zur früheren Arbeit zurück. Die Meisten aber greifen, wenn sie die Erniedrigungen und Leiden des Bettlers einmal gekostet haben, nie wieder zu dieser Aushilfe, und wenn sie mit Frau und Kindern darüber verhungern sollten. Alle gelegentlichen Bettler gehen nach einer Gegend, in der man sie nicht kennt, während zu Hause das Geheimniß sorgsam gewahrt wird. Dort sind sie Bettler, hier aber achtbare Leute, die selbst einem Bettler ein Almosen reichen. Bettler, die sich ihres häßlichen Gewerbes nicht schämen und sich nicht scheuen, in ihrem eigenen Wohnorte oder dem ihrer Verwandten zu betteln, giebt es nicht viele, und sie gehören sämmtlich zur Hefe der Gesellschaft. Dieselben sind Künstler der Schnorrerei, sie kennen alle Schliche und Wege, die zu einem Almosen führen, so daß sie mit Beute abziehen, wo Andere verschlossene Thüren finden. Andere Bettler geben sich für unglückliche Kranke aus. Ihre Fertigkeit, sich körperliche Fehler und Gebrechen beizulegen und dieselben nach Bedarf abzulegen und gegen andere zu vertauschen, ist staunenerregend. Mit großer Sachkenntniß wissen sie diesen oder jenen Muskel zu spannen und die Gesichtsfarbe je nach Bedarf zu ändern, als wären sie geborene Schauspieler. Schon der Neuling macht seinen ersten Versuch des Simulirens ohne besondere Anstrengung nicht übel. Ist ja das Aussehen des Juden im Ansiedelungsbezirk schon elend genug, es fehlt nur, das ohnehin faltige Gesicht noch etwas in Falten zu legen und den Rücken noch mehr zu krümmen. Die Wohnung derjenigen Bettler, die in ihrem Heimathsorte betteln, dient für die fremden Bettler als Absteigequartier und Sammelpunkt. Diese Gastfreundlichkeit ist aber nicht ein Erbtheil des Erzvaters Abraham, denn sie wird vollauf bezahlt. Manche wiederum ziehen bettelnd in der Welt umher, nicht weil die Noth sie dahin gebracht hat, sondern weil sie mit ihrem Hausdrachen nicht mehr hausen können. Um seiner nur los zu sein, gehen sie, wohin ihre Füße sie tragen. Viele verlassen ihr Heim nicht aus Noth, noch hat ihre bessere Hälfte sie aus demselben verjagt — sie sind gegangen, das Glück zu suchen, welches nicht zu ihnen kommen wollte. Auf welche Art, mit welchen Mitteln es ihnen gelingen sollte, das Widerspenstige an sich zu fesseln, wissen sie selber nicht. Sie machen sich eben keine klaren Gedanken. „Vielleicht werde auch ich Glück haben, mit dem Orte wechselt das Glück — das ist ja bekannt." Die Leute sind es überdrüssig geworden, ihr ganzes Leben hindurch auf derselben Scholle, in denselben Verhältnissen und mit derselben Aussichtslosigkeit den schweren Kampf ums Dasein zu kämpfen. „Was kann ich verlieren, wenn ich den Schauplatz meiner Leiden verlasse? Viele meiner Brüder sind nach dem neuen Erdtheil, nach dem Goldlande und nach Kanada gegangen — wozu soll ich zu Hause hocken?" — Zu Hause? Hat er denn ein Haus? Der ärmste Bauer besitzt einen Acker, ein Pferd und eine Kuh oder ist an den Acker, das Pferd und seinen Brodherrn gebunden, wenn er selbst nichts besitzt. Was aber hält den Juden zurück? Was nennt er sein? — Sorgen, Unglück und einen wüsten Kopf! Diese schönen Gottesgaben, denkt er, sind hoffentlich überall zu haben, und wenn nicht, so wird das Unglück auch nicht so groß sein. Gesagt — gethan. Den Bettlern, die mit ihrem Schnappsack von Haus zu Haus gehen, giebt man ein Stück Brod, Reste vom Sabbathbrod, einen HeringSrest und dergleichen. Den Frauen giebt man am Freitag auch kleine, dünne Talglichte, über welche sie am Abend den Segen sprechen sollen. Arme Handwerker, die..sich selbst im Schweiße ihres Angesichts ernähren, geben ihnen auch warmes Effen und abgelegte Kleider. Die Brodreste, die sich in ihrem Sacke aufsammeln, verkaufen die Bettler an herabgekommeue Leute oder an Hand-