Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-02-04 · Heft 5 (4.2.1898) · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 5 (4.2.1898)
Date
1898-02-04
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228257-3228263--54348-3290472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freilich war in dem Memorandum Palästina mit guten Gründen abgelehnt, und ich habe auch seither keine Veranlassung gefunden, diese meine auf Sachkenntniß beruhende Ueberzeugung fallen zu kaffen, was ich Herrn Dr. Herzl gegenüber in wiederholten Briefen immer wieder aufs Neue betonte. Daß die Schwierigkeiten betreffs Palästinas unüberwindlich sind, habe ich nicht nur in den Briefen an Herrn Dr. Herzl, sondern in diesen letzten Wochen, wie bereits Eingangs bemerkt, auch in Zeitschriften, also öffentlich, nachgewiesen. Ich glaubte, das genüge. Nun erklärt aber im „Berliner Tageblatt" vom 4. Januar Herr Dr. Nordau mit Bezug auf die sich aufthürmenden Schwierigkeiten, daß „deren Gewaltigkeit Herr Dr. Glaser nicht einmal ahnt". Das glaube ich! Wenn man sich in den Kopf gesetzt zu haben scheint, ein Großgriechenland, ein Großarnienien und Gott weiß was noch zu schaffen, dann sind das allerdings größere Schwierigkeiten als die, welche ich im „Berliner Tageblatt" vom 28. Dezember angedeutet hatte. Also sie sind, nach Herrn Nordau, noch weit gigantischer, als selbst ich annahm, der ich schon auf Grund der von mir beleuchteten politischen Verhältniffe die Unausführbarkeit des palästinensischen Projektes behauptete. Wären die Herren einem Rathschlag zugänglich, dann wäre es wahrscheinlich überhaupt zu keiner öffentlichen Auseinandersetzung gekommen. Jin Prinzip stehe ich nämlich schon seit 1881 ans einem Standpunkt, den die Zionisten erst August 1897 fanden. Aber Prinzipien sind leichter aufgestellt als durchgeführt. „Im Prinzip" beschlossen 1870 die französischen Heerführer auch, direkt nach Berlin zu marschiren; aber bei der Ausführung stießen sie bekanntlich auf erhebliche Schwierigkeiten. Mir ist ein General, der eine schwierige Aufgabe unter weiser Benutzung und Berücksichtigung der realen Verhältniffe vernünftig durchführt, tausendmal lieber als ein Operettengeneral, der seinen begeisterten, aber des Schwimmens unkundigen Truppen muthvoll zuruft: „Dort, jenseits des Stromes, ist der Feind; vorwärts Jnngens, in die Fluthen hinein und stramm hinübergeschwommen! Das Waffer ist nur fünf Meter tief. Wer nicht schwimmen kann, der klammere sich an einen schwinimenden Kameraden oder setze sich auf einen Proviantwagen oder auf ein Pferd! Vorwärts! Marsch!" Vielleicht fragen die Herren bei ihren „verantwortlichen Staatsmännern" nach, ob sie glauben, daß alle Soldaten das andere Ufer erreichen. Also nicht das Prinzip oder das Ziel ist das Schwierigste, so sehr es auch das Erste sein muß. Um die Ausführung, um die Erreichung handelt es sich. Ein Theil der Judenheit will eine eigene Kolonie Haben. Das ist ebenso leicht gesagt wie schwer auszuführen. Die Zionisten haben sich für Palästina entschieden und bilden sich ein, oder stellen sich wenigstens so, als ob die europäischen Mächte oder einzelne derselben ihnen zu liebe den Sultan zwingen würden, einen Staat im Staat entstehen zu lassen, noch dazu an einer der centralsten und verwundbarsten Stellen des Reiches. Sollte die Sache aber trotzdem auf Schwierigkeiten stoßen, „dann wird eben", wie Herr Dr. Herzl sagte, „auf den Ablauf des Zersetzungsprozeffes gewartet oder ein anderes Territorium gesucht werden müffen". Da ist der Pariser Zionistenhäuptling schon etwas energischer und temperamentvoller. Der wartet nicht erst das Ende des türkischen „Zersetzungsprozeffes" ab, sondern verbündet sich gleich mit den „nach Einheit ringenden" Griechen und ähnlichen „geknechteten" Völkerschaften der Türkei und geht stramm und schneidig drauf los. Die Griechen nehmen Konstantinopel im Sturm, damit es die Russen nicht bekommen, die Armenier sengen und brennen in Kleinasien, Gott und England zum Preis, und die Zionisten pflanzen das Schild Davids über der Kuppel der Omarmoschee und auf dem russischen Thurm auf dem Oelberg auf, alles im Handumdrehen. Der. Türke aber ist in dieser Operette eine Ouantitä negligeable, die angesichts solcher Hetdenthaten von selbst in der Versenkung verschwindet und nicht erst abwartet, dis man ihr das Lebenslicht ausbläst. Was soll es da diesem armen, so wie so dem Tode geweihten Schlucker auch nützen, wenn ihm Herr Dr. Herzl in großmüthiger Weise „finanzielle Hilfe" in Aussicht stellt? Die Kaffen der noch nicht gegründeten „Kolonialbank" werden übrigens für den Anfang doch kaum so überfüllt sein, daß sie für die Bedürfniffe der Juden und der Türken hinreichen. Die Einen oder die Anderen werden doch wohl warten müssen, und dabei — o Jammer! — schreitet die „Zersetzung" unaufhaltsam fort, nicht die Zersetzung der Türkei allein, sondern auch die Zersetzung der Idee des palästinensischen Judenstaates. Aber brauchen wir denn wirklich das alles? Hören wir doch, was Dr. Herzl selber sagte, und zwar im „Berliner Tageblatt" vom 4. Januar 1898: „Der Türkei ist durch die Juden zu helfen, den Juden durch die Türkei." Das ist vollkommen richtig. Wenn es aber Wirklichkeit werden soll, dann muß die Türkei sich entschließen. den Inden ein Land zu überlassen, dessen geographische Lage die Garantie gegen allerlei gegenwärtige und künftige internationale Schwierigkeiten in sich schließt und das genügend Raum bietet für die neuen Einwanderer; andererseits dürfen die Juden ebenso kein territoriales Verlangen stellen, das die Türkei internationalen Verwickelungen aussetzt, wie es beispielshalber gerade bei Palästina unzweifelhaft der Fall wäre, sondern müssen sich mit einer Provinz begnügen, durch deren Abtrennung dem türkischen Staatskörper die Lebensfähigkeit nicht entzogen wird, und das ist im ganzen weiten türkischen Reiche keine andere Provinz als der Ae men! Dort leben seit undenklichen Zeiten ohnehin schon zahlreiche Juden — wenigstens 100000, wenn man die nahegelegenen, übrigens dazugehörigen Meschrikdistrikte mit in Betracht zieht —, und dort bestand, ebenso wie in Nordarabien, schon einmal Jahrhunderte hindurch ein theils ganz jüdisches, theils stark judaisirtes Reich, Beweis genug,, daß für Inden Boden und Klima geeignet sind. Im Jemen wäre auch Raum genug, eventuell sogar für Millionen Einwanderer, und zwar ohne daß man nöthig hätte, auch nur einen einzigen der jetzigen Einwohner des Landes von seiner Scholle zu vertreibe». Für die Türkei ist diese obendrein peripherisch gelegene Provinz niemals ein werthvoller Besitz gewesen, so daß sie ihn ohne Schaden abstoßen könnte.. Was die Juden aber aus diesem Lande machen könnten, werde ich bei anderer Gelegenheit auseinandersetzen. Das ist das Land, das sie anstreben müffen. Das ist erhältlich, für alle Zwecke ausreichend und setzt weder Juden noch Türken noch auch die europäischen Mächte diplomatischen Schwierigkeiten aus. Für die Juden wäre der Besitz Jemens aber auch werthvoll genug, daß sie der Türkei dafür in der That jede nur mögliche finanzielle Hilfe anbieten könnten. Ueber diese Frage kann wirklich mit aller Offenheit verhandelt werden. Du braucht man keine uneingestehbaren Schleichwege zu betreten und keine Feuerbrände zu schleudern. Das ist das Ziel, das ich der Judenheit empfehle, nicht „unter dem Schein des.Wohlwollens", wie Herr Dr. Herzl meint, und nicht als „arabisches Märchen", sondern als wirklich greifbares, erreichbares Ziel, das ich mit bestem Wissen und Gewissen und nach genauester Erwägung aller in Betracht kommenden Verhältnisse aufstellte. Ich betone aber wieder wie bisher immer, daß ich für mich dabei keinen Vortheil suche und auch, wenn es nicht ausdrücklich für wünschenswerth erachtet wird, nicht einmal eine persönliche Rolle bei dem Unternehmen beanspruche, obzwar ich das Land vielleicht genauer als irgend einer meiner Zeit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.