Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1898)
- Date
- 1898-02-04
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. - ■ ’ *' 7! 54 «) für den Einzelnen („Wenn ihr willig seid und gehorchet, werdet ihr den Segen des Landes genießen" (V. 19); ß) für die Gesammtheit („Ich gebe dir wieder Richter, wie sie ehemals waren, und Räthe wie in der Vorzeit", V. 26; „Zion wird durch Recht erlöst", V. 27); b) der unermeßliche Schaden, den eine Nichtbefolgung der Mahnungen nach sich ziehen wird (V. 20, 24, 28 — 31). Das Kapitel 1 enthält also, wenn ich so sagen darf, das Programm des Propheten. Es ergiebt sich aus seiner eigenartigen Auffassung des Gottesbegriffes. Während Hosea predigt: „Gott ist die Liebe", ist für Jesaja Ausgangspunkt der Satz: „Gott ist heilig" (--- Inbegriff der höchsten Vollkommenheit). (Vgl. 5, 3 (= Kap. 6, 3) „heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth"; 4, 16 (--- Kap. 5, 16): „Der heilige Gott, er ist geheiligt durch Gerechtigkeit".) Dem entsprechend ist bei Hosea Gott der Gebende, der Liebe Spendende; bei Jesaja fordert er: auch der Mensch soll heilig sein (zu vergleichen III B. M. 19, 2: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott"). Diese Forderung vertritt der Prophet. Er hat es nicht mit dem Volke als Ganzem zu thun, sondern er wendet sich damit an den einzelnen Menschen, in deffen freien Willen es gestellt ist, wie er sich zu dieser Forderung verhalten will. Von ihrer Erfüllung hängt das Heil des Einzelnen wie der Welt ab: wer ihr nicht nachkommt, wird in dem großen Läuterungsprozeß, den Gott vornehmen wird (V. 25), nntergehen; wer sie dagegen erfüllt, wird nicht nur bestehen bleiben, sondern auch eine neue, glückselige Zeit begründen helfen (V. 25 — 26). Ihrer tatsächlichen Herbeiführung gilt seine Arbeit. Die eindringlich mahnende Darstellung des ersten Kapitels mit ihrer kraftvollen Sprache beweist, daß der Prophet bei aller Sittenverderbtheit der großen Mehrheit des Volkes die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, sein Wort werde solche finden, die „willig" sind zu „gehorchen" (V. 19), lind daß ihm viel daran liegt, diese als eine „heilige Gemeinde" um sich zu sammeln. (Schluß folgt.) Gin Vorschlag. Bon Dr. Eduard Glaser. drei Aufsätzen, welche der Reihe nach in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" vom 10. Dezember 1897, im „Berliner Tageblatt" vom 28. Dezember 1897 und in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. Januar 1898 erschienen sind, glaube ich in ausreichender Weise den Nachweis erbracht zu haben, daß die sogenannten „zionistischen" Bestrebungen, welche die Besitzergreifung von Palästina und benachbarter Distrikte zum Ziele haben, in jedem Betracht auf verfehlter Grundlage beruhen, daher vollkommen arlssichtslos und nur geeignet sind, die Türkei und die übrigen Mächte in unentwirrbare Händel zu verwickeln. Konfessionelle, innertürkische und internationale Verhältniffe sprechen in gleicher Weise gegen die Möglichkeit der Gründung eines jüdischen Staatswesens in Palästina, diesem centralsten und verwundbarsten Theile des ottomanischen Reiches. Ja, selbst wenn das türkische Reich gar nicht mehr bestände, selbst dann noch wäre ein Judenstaat in Palästina, falls cs je zu seiner Gründung käme, kein Gebilde von Dauer; den» Palästina ist das prädestinirteste christliche Land, und keine Macht der Welt wird verhindern können, daß das Heilige Land nach Untergang der Türkei Besitzthum der Christenheit, genauer: Besitzthum irgend eines der christlichen Staaten werde. Die Rechnung, daß die christlichen Mächte, um Streit unter einander zu vermeide»; sich lieber dahin einigen werden, aus dem heiligen Land einen neutralen Jndenstaat zu machen, halte ich für völlig verfehlt, weil ich überzeugt bin, daß Palästina genau so behandelt werden wird wie Algerien, Tunesien oder Aegypten, nämlich vom rein kolonialpolitischen Standpunkte, und daß diejenige Macht dort Herrin werden wird, welche es verstehen wird, im Wettlauf der politischen und diplomatischen Jntriguen vor den anderen einen Vorsprung zu gewinnen. An dieser Konkurrenz kann die Judenheit in gar keiner Weise selbständig theilnehmen oder vernünftigerweise auch nur theilnehmen wollen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie alles ist, nur keine Großmacht. Daran wird auch die weitestgehende zionistische Organisation nichts ändern. Ich behaupte sogar, daß heutzutage ein jüdisches Palästina noch viel weniger von Bestand wäre als im Alterthum. Ja, es war schon damals ein nie wieder gut zu machender politischer Fehler, daß die Kinder Israels das Land Palästina besetzten. Damals freilich hatten sie keine andere Wahl, und der Niedergang der ägyptischen Macht in Palästina in jener Zeitepoche, der durch die Tell Amarna-Tafeln so klar veranschaulicht wird, machte die Israeliten widerstandsunfähig gegen die Verlockung, sich des von den Aegyptern schließlich aufgegebenen palästinensischen Gebietes zu bemächtigen. Sie haben einfach zum Leichterreichbaren zugegriffen, ohne an die Zukunft zu denken. Wie zermalmend sich diese Zukunft gestaltete, lehrt uns die Geschichte. Heute ist die Sache viel einfacher. Heute wissen wir nicht nur, daß ein Jndenstaat, überhaupt ein Staat in Palästina zur denkbar kläglichsten Rolle verurtheilt wäre, sondern wir wissen auch, daß eine Besitzergreifung Palästinas durch die Juden unausführbar oder wenigstens außerordentlich schwierig wäre. Wir sind aber auch glücklicherweise in der Wahl nicht so beschränkt, wie es unsere Vorfahren waren. Wir müssen nicht, wie diese, gerade Palästina anstreben, sondern sind in der glücklicheren Lage, ein zweckentsprechenderes Gebiet ins Auge fasten zu können. Darüber möchte ich heute ein paar Worte sagen, selbst auf die Gefahr hin, neuerdings das Mißfallen der Zionisten hervorzurufen. An diese übrigens wende ich mich nicht mehr, sondern an die Gesammtheit der Juden, gleichviel, ob der Einzelne ein Zionist ist oder nicht. Schon seit dem Jahre 1881, also seit nun 17 Jahren, beschäftige ich mich, »eben meinen wissenschaftlichen Unternehmungen und Arbeiten, mit der Frage nach der Zukunft des jüdischen Volkes. Aber angesichts des heiklen Charakters dieser Frage entschloß ich mich erst dann zum Hervortreten, als ich annehmen zu dürfen glaubte, daß der richtige Zeitpunkt gekommen und die richtige Persönlichkeit vorhanden wäre. Es war am 4. Dezember 1890, also vor nun mehr als sieben Jahren, daß ich das Resultat meiner Studien und Erfahrungen — ich hatte damals eine bereits zehnjährige Orienterfahrung hinter mir — zum ersten Male behufs deren praktischer Verwendung zur Verfügung stellte und zwar geschah dies in Form eines längeren vertraulichen Memorandums, das ich unter dem Datum des genannten Tages Herrn Baron Moritz Hirsch vorlegte. Es fand leider nicht den Beifall des viel zu früh verblichenen Finanzmannes, der sich, da er mit dem Orient nicht neuerdings zu thun haben wollte, damals vielmehr für Argentinien 'einnehmen ließ. Das Memorandum wunderte also wieder in meinen Geheimschrank zurück, aus welchem es wohl fünf Jahre später, nämlich nach Erscheinen der Herzl'schen Broschüre: „Der Judenstaat" wieder hervorgezogen wurde. Denn nun glaubte ich, Herrn Dr. Herzl, der in seiner eben erwähnten Schrift sich für kein bestimmtes Land entschieden hatte, auf die richtige Fährte bringen zu sollen. Dr. Herzl drückte mir in der That brieflich stine Ueberraschung aus über die gleichartigen Grundansichten, die ich schon so viele Jahre vor ihm entwickelt und zur Ausführung vorgeschlagen hatte.