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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Freunde aus allen Ständen der Bevölkerung gralulirten persönlich. Groß war die Zahl der Telegramme und Glückwunschschreiben, unter denen nur die Adresse des Vorstandes des „Äereins israelitischer Lehrer in Westfalen und Rheinland" genannt sei. Auch manches schöne Angebinde wurde dem Jubilar übersandt. Herr Baum, sichtlich überrascht und ergriffen, dankte in einer längeren, von tiefer Bewegung zeugenden Rede für diese ihm von allen Seiten erwiesene Ehre. Am Abend fand ein Festessen, an dem sich 70 Personen betheiligten, im Hotel Schultze statt. Einleitend sprach Fräulein I. Rosenberg einen Festprolog. An das Essen schlossen fich Aufführungen, die speziell für das Fest bearbeitet waren und reichen Beifall fanden. Den ersten Toast beim Festessen brachte Herr Pfarrer Heuschkel auf Kaiser Wilhelm II. aus. Den Trinkspruch auf den Jubilar brachte in längerer Rede Herr M. Hoffmann-Neuenkirchen aus, dessen begeisterte Aufnahme bekundete, wie er allen Theilnehmern aus dem Herzen gesprochen war. Herr Jos. Falk gab als ältester Schüler Namens derselben dem Danke und der Verehrung für ihren Lehrer Ausdruck. Auf alle diese Reden dankte der Jubilar in tiefempfundenen Worten, besprach nochmals sein bisheriges Wirken und gelobte, treu den Grundsätzen zu bleiben, die, wie er gesehen, so reiche und schöne Früchte getragen. r. St. Johann-Saarbrücken, 17. Januar. Unter überaus großer Antheilnahme seitens der Behörden, Bürgerschaft sowie der ganzen Gemeinde wurde vergangenen Freitag unser erster Vorsteher, Herr Myrtil Lazard, zu Grabe getragen. Der Heimgegangene, der fast ein Vierteljahrhundert dem Vorstand angehörte und seit 1866 den Vorfitz in demselben führte, stand bei der hiesigen Bevölkerung in hohem Ansehen. Seit 1893 Mitglied des Stadtraths, hat er sich durch seine Fähigkeiten, besonders in Finanzangelegenheiten, große Verdienste erworben. Unser Bürgermeister, Herr Dr. Reff, gab daher auch dem Verlust, der die Stadt betroffen, in der für Donnerstag anberaumten Stadtverordnetensihung in beredten Worten Ausdruck und vertagte dieselbe zu Ehren des Hingeschiedenen bis Nach der Bestattung. Besonders schwer aber wird der Verlust dieses ausgezeichneten Mannes von unserer Gemeinde empfunden. Es würde über den Rahmen eines kurzen Berichtes hinausgehen, wollte ich alle Verdienste aufzählen, die der Verstorbene um dieselbe sich erworben. Möge der Allgütige die trauernde Familie, die so jäh ihrer Krone beraubt worden, und die Gemeinde ob des Verlustes ihres Oberhauptes trösten. Das Andenken des Dahingeschiedenen wird unauslöschlich bei uns fortleben. Er ruhe in Frieden! . os. Geldern, 21. Januar. Das Märchen des Ritualmordes ist am Niederrhein wieder aufgebracht worden. Eine israelitische Frau Hertz in dem Orte .Issum, Kreis Geldern, rief den aus der Schule kommenden neunjährigen Knaben Karl Hilb an, um sich von ihm einige Lampengläser besorgen zu lassen. Während die Frau die Lampen herbeiholen wollte, lief der auf dem Hausflur harrende Knabe davon und erzählte seinen Eltern und Schulkameraden, die Juden frau habe ihn „koschern" (schlachten) wollen. Der Vater, der Weber Wilhelm Hilb, brachte die Sache zur Anzeige, und in Issum entstand eine „bedrohliche" Aufregung. Bor dem vernehmenden Bürgermeister Heckmann machte der Knabe überraschend detaillirte Angaben über das gegen ihn geplante Attentat. Natürlich verwickelte sich die kindliche Phantasie in Widersprüche, und der junge Lügenbold gestand nach wiederholter Vernehmung ein, daß alles erdichtet sei. Frau Hertz mußte sich zur Bekräftigung der von ihr gemachten Angaben sogar eine ärztliche Untersuchung gefallen lassen. Indessen ist, wie die Frkf. Ztg. mittheilt, dem energischen Eingreifen des Bürgermeisters die schnelle Erledigung der Angelegenheit zu danken. Die Antisemitenblätter richteten sich schon für zweckentsprechende Verwerthung des „Falles" ein. Wenigstens schrieb das Krefelder Organ dieser Partei, es seien, ähnlich wie seinerzeit bei dem Xantener Mord, einige fremde Juden in der Nähe von Issum verhaftet worden. Man steht, die Exposition war richtig geschaffen, nur die Weiterführung klappte nicht. (Vgl. die Wochenübersicht.) Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 24. Januar. Hiesige antisemitische Blätter publiziren folgende Meldung: „Die Wiener Aerztekammer hatte sich dieser Tage mit einer aus dem Verein der Aerzte in Niederösterreich hervorgehenden Eingabe zu beschäftigen, in der sie ersucht wird, an maßgebender Stelle zu erwirken, daß die Ausführung der rituellen Beschneidung durch Laien strengstens verboten werde. Die Kammer, deren Mitglieder grundsätzlich für ein solches Verbot sind, hat die ausführlich begründete Eingabe einem Berichterstatter zugewiesen, der demnächst die entsprechenden Vorschläge erstatten soll. In der Eingabe wird zunächst die Geschichte und die Handhabung der Befchneidung erzählt, die bis noch vor wenigen Jahren ausschließlich von Laien vorgenommen worden sei und mit der sich jetzt nur hier und da Aerzte beschäftigen würden. Es wird sodann auf die Schädlichkeiten dieser Operationen durch Laien hingewiesen und betont, daß nicht selten Mundkrankheiten, dauernde Gebrechen, Uebertragung ansteckender Krankheiten, ja sogar vollständige, mithin tödtlich endigende Verblutungen im Gefolge solcher Laienoperationen gewesen seien." Man kann wohl auf den Verlauf dieser Angelegenheit gespannt sein! — Ebenso machte in der letzten Zeit durch die antisemitischen Blätter eine Notiz die Runde, in welcher nach Angaben des polnischen Antisemitenführers Theophil Merunowicz aus dem Jahre 1881 behauptet wird, daß es im österreichisch-ungarischen Heere nur 19 Juden pro Mille der Bevölkerung gebe. Diese Ziffer ist ganz und gar unzutreffend, denn es dienten in dem genannten Jahre nach den amtlichen Ermittelungen des militär-statistischen Jahrbuchs 28 jüdische Soldaten pro Mille in der österreichisch-ungarischen Armee, wobei die jüdischen Offiziere nicht mitgerechnet erscheinen. Der Prozentsatz jüdischer Heeresangehöriger ist jedoch vom Jahre 1872, wo er blos 15 pro Mille betrug, bis zum Jahre 1893, mit welchem die militärstatistischen Publikationen vorläufig abschließen, konstant und sehr erheblich gestiegen. Im Jahre 1893 dienten im österreichischungarischen Heere 40 344 jüdische Soldaten ---- 38 pro Mille, und 2179 jüdische Offiziere ----- 81 pro Mille, zusammen demnach 42,532 Juden ---- 39 pro Mille. In der Bevölkerung entfallen nach der letzten Volkszählung auf je 1000 Seelen 45 Juden. Es war also im Jahre 1893 der Durchschnitt zwar noch nicht erreicht, doch ist die Quote bis zum Jahre 1898 zweifellos so weit gestiegen, daß sie demselben sehr nahe gekommen sein dürste. — Und nun noch ein drittes Dementi gegen antisemitische Lügen! Ein tschechisches Lügenblatt hatte behauptet, daß aus Deutschland wiederum 50 000 fl., darunter 15 000 fl. von Rothschild- Frankfurt, zur Unterstützung der geplünderten Juden in Böhmen eingelausen seien. Diese Notiz hatte die durchsichtige Tendenz, an den Spenden, welche bei dem christlichen Komitee einlaufen, sowie an der zu erwartenden Regierungs-Subvention die Juden nicht theilnehmen zu lassen, weil für die „doch Rothschild sorge". Auf Grund authentischer Informationen wird nun erklärt, daß Rothschild-Frankfurt nicht einen Gulden gespendet hat, und daß alle Sammlungen in ganz Deutschland 3000 fl. nicht erreichten. — Wie bekannt, liefert alljährlich zu Martini nach altem Herkommen die Preßburger israelitische Gemeinde durch eine Deputation eine Anzahl von Gänsen für die kaiserliche Hofküche ein. Unter Bezugnahme auf diesen Brauch ist nun die Genossenschaft der Wiener Fleischselcher an die Kabinetskanzlei des Kaisers mit der Bitte herangetreten, es möge ihr gestattet werden, am 5. Januar, am Tage der Eröffnung der Kochkunstausstellung, dem Kaiser einen Schinken überreichen zu dürfen; diesem Ansuchen wurde jedoch nicht stattgegeben. Die Antwort der Kabinetskanzlei drückt die Freude des Kaisers über den loyalen und patriotischen Wunsch der Wiener Fleischselcher aus, allein demselben könne aus dem Grunde nicht entsprochen werden, weil sonst auch andere 'Genossenschaften mit dem gleichen Ansuchen kämen. Das würde aber zu weit führen und auch den Intentionen des Kaisers nicht entsprechen, da der Monarch es lieber sähe, wenn die anläßlich seines Jnbiläums beschlossenen Aufwendungen wohlthätigen Zwecken zugeführt würden. Der Brauch, daß der Kaiser alljährlich von der Preßburger Judengemeinde Martinigänse entgegennehme, sei sehr alt, und daher werde an demselben auch nichts geändert. — In Böhmen will's noch immer nicht ruhig werden; neuerdings wurden in Krine ez bei Nimburg den Juden die Fenster eingeschlagen. Die Exzedenten haben auch den jüdischen Friedhof demolirt und zahlreiche Grabsteine umgeworfen nnd zertrümmert. — Eine sehr merkwürdige Nachricht kommt aus Brünn. Beim Landesrabbiner Placzek erschien nämlich eine Abordnung von etwa 70 Familien katholischer tschechischer Bauern im nordwestlichen Mähren und verlangte deren Aufnahme in den Verband des Judenthums! Der Landesrabbiner versuchte, sie hiervon abzubringen, die Abordnung beharrte jedoch bei ihrem Ersuchen. Schließlich ließen sie sich herbei, nochmals mit ihren Genossen zu sprechen. Sie gaben keinen Grund für den beabsichtigten Glaubenswechsel an. — Gelegentlich riner Erpreffungsaffäre in Budapest an dem König von Serbien wurde

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