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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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62. Jahrgang. Ktr. 4. Dev Gemelndrbote. iöerlin, 28. Jannar 1898. /Ueikage zur „Atkgemeinen Jeitung des ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. S£2 Berlin, 25. Januar. An zahlreiche Mitglieder der hiefigen Gemeinde ist in den letzten Tagen ein Circular seitens des'Ausschusses des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" ergangen, das wir nochmals an dieser Stelle wärmstens empfehlen. Es hat folgenden Wortlaut: „Die Unterzeichneten, welche den Ausschuß des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes bilden, gestatten sich, im Hinblick auf Ihr der Sache des Judenthums bewiesenes Interesse, Ihnen Nachfolgendes vorzutragen. Dem seit 28 Jahren wirkenden Gemeindebunde gehören gegenwärtig 600 Gemeinden, und 650 Privatpersonen als Mitglieder an. Der Gemeindebund bildet bei grundsätzlicher Ausschließung aller religiösen und politischen Streitfragen den bewährten Vereinigungspunkt für Wohlthätigkeitsbestrebungen innerhalb des deutschen Judenthums, er sucht durch Verbreitung richtiger Kenntniß vom wahren Wesen des Judenthums unter unseren Glaubensgenossen und Andersgläubigen die sittliche Bildung der deutschen Juden und deren Ansehen zu fördern. Reiche Gelegenheit für die Bethätigung des Gemeindebundes bietet die beklagenswerthe Nothlage eines großen Theiles unserer Kultusbeamten, die aus erklärlichen Gründen auch nachtheilige Folgen für das religiöse Leben hat. Um diesem Mißstande zu steuern, hat der Gemeindebund Abwehrmaßregeln getroffen, von denen wir nur zwei hervorheben wollen: 1. Die s. Z. unter Genehmigung des Kronprinzenpaares begründete „ Friedrich - Wilhelm - Viktoria- Stiftung", welche in gewissem Grade einen Ersatz für die unseren Kultusbeamten meistens fehlende Alterspension bietet. Auf Grund eines Vertrages mit der Lebensversicherungs-Gesellschaft Viktoria in Berlin ist es uns gelungen, die Mittel zur Gewährung von Bersicherungsbeihilfen für etwa 800 Gemeindebeamte jeden Grades zu erlangen und es zu ermöglichen, daß in etwa 20 Jahren die respektable Summe von 2 500 000 Mark den Angehörigen dieses Standes zufließen wird. 2. Die „Philippson-Stistung", welche den in unverschuldete Nothlage gerathenen Gemeindebeamten Unterstützungen gewährt. Unsere wichtigste Aufgabe aber ist die Beseitigung der beschämenden Thatsache, daß es noch immer Hunderte von kleinen jüdischen Gemeinden giebr, deren Schuljugend ohne jegliche religiöse Unterweisung aufwächst. Bis jetzt konnten wir durch Gewährung von materieller und ideeller Unterstützung in etwa 130 Gemeinden die Ertheilung jüdischen Religionsunterrichts, zumeist durch seminaristisch geprüfte, sachkundiger Inspektion unterworfene Lehrer, ermöglichen. Auch die Vorbildung der mit Ertheilung des Religionsunterrichts betrauten Männer liegt dem Ausschuß des Gemeindebundes sehr am Herzen. Seit langen Jahren unterstützen wir strebsame Seminaristen aus der Herxheimer-Stiftung mit Stipendien. Neuerdings haben wir für jüdische Studirende und Kandidaten des höheren Schulamts Borlesungskurse an sämmtlichen deutschen Rabbinerbildungsanstalten verbreitet, ^um mit Unterrichtspersonal gerüstet zu sein, sobald der preußische Kultusminister unserer auf prinzipielle Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten gerichteten Petition entsprechen wird. Schätzenswerthe Erfolge haben auch unsere Bemühungen, unsere Jugend dem Handwerk und der Technik zuzuführen, gehabt. Bereits 180 Handwerker und 40 Vertreter technischer Berussarten verdanken unserer materiellen und ideellen Antheilnahme ihre Ausbildung. Der Kürze halber übergehen wir manche anderen erwähnenswerttzen Zweige - unser Thätigkeit; geht doch schon aus dem bereits Ausgeführten hervor, welches Maß von Arbeitskraft und welcher Aufwand materieller Mittel zur Erfüllung unserer stets wachsenden Aufgaben gehört. Aber leider stehen noch immer unsere Einnahmen im Mißverhältniß zu den an uns herantretenden unterstützungswürdigen Gesuchen Darum gestatten wir uns, an Sie die Bitte zu richten, dem Bunde als persönliches Mitglied beizutreten. Der Jahresbeitrag ist auf mindestens!0 Mark bemessen. Wir bitten Sie, gefl. zu bedenken, von welcher Bedeutung es für das Judenthum und seine Bekenner ist, wenn verhütet wird, daß eine Jugend heranwächst, die, unbekannt mit den sittlichen Lehren des Judenthums, zum Abfall von unserem Glauben neigt oder den an sie herantretenden Versuchungen des Lebens nicht gewachsen ist und sich zu Handlungen verleiten läßt, für die wir Alle, mit Recht oder Unrecht, verantwortlich gemacht werden." 22 Berlin, 25. Januar. Wie wir nachträglich erfahren, hat das Rabbinat der jüdischen Gemeinde in der Frage des Sonntagsgottesdienstes thatsächlich bereits ein ablehnendes Gutachten abgegeben. Da auch innerhalb des Vorstandes die Majorität gegen den Sonntagsgottesdienst ist, so dürfte die Angelegenheit damit erledigt und eine ablehnende Antwort auf die Petition zu erwarten sein. Es wäre aber zu wünschen, daß das rabbinische Gutachten, auf das sich ja doch in erster Reihe diese ablehnende Antwort stützen muß, veröffentlicht würde, um die Gemüther zu beruhigen. Es geht nicht an, über eine Petition von 5000 angesehenen Gemeindemitgliedern mit einem einfachen Veto zur Tagesordnung überzugehen. B. Berlin, 25. Januar. Wir entnehmen der amtlichen statistischen Korrespondenz einige Zahlen über die Häufigkeit der Ehescheidungen. Demnach kamen auf 100000 stehende Ehen im Jahre Ehescheidungen durchschnittlich vor: rein jüdische Ehen: 645; rein evangelische Ehen: 72,3; rein katholische Ehen: 541. Dagegen bei Mischehen: evangelisch-jüdisch: 103,1; katholisch-jüdisch 158,80; dissidentisch-jüdisch: 551,6. Man ersieht auch aus dieser Statistik, daß von den Mischehen ein viel höherer Prozentsatz geschieden werden muß als von den Ehen, bei denen beide Theile einer Religion angehören. Diese Statistik bestätigt übrigens nur eine längst bekannte Thatsache. B. Berlin, 25. Januar. Ein amüsantes Stückchen Judenriecherei haben neuerdings einige antisemitische Organe geleistet. Sie haben den General Wepler in Spanien, dessen Auftreten ihnen wahrscheinlich mißfallen hat, zum Juden gemacht, der sich in die spanische Armee eingeschlichen hat. Was wird man in Spanien zu diesem Kunststück sagen, man bedenke doch, in dem judenreinen Lande der Inquisition ein Jude General! Unsere Antisemiten können sich ihr Schulgeld wiedergeben lassen, notabene, wenn sie je solches bezahlt haben. K Königsberg i. Pr., 17. Januar. Mit dem Ablaufe des vergangenen Jahres ist der Stadtverordneten-Vorsteher hiesiger Stadt, Herr Dr. F. Rosenstock, von seinem Ehrenamte zurückgetreten, nachdem er seines vorgerückten Alters wegen eine Wiederwahl im Voraus abgelehnt hatte. Die Zeitungen verschiedenster parteipolitischer Richtung widmeten dem scheidenden Vorsteher anerkennende Nachrufe und rühmten seine nimmermüde Pflichttreue, seine Unparteilichkeit und Sachlichkeit in der Behandlung der Geschäfte wie die Würde, mit der er in sieben vollen Jahren seine Amtsführung geleitet. Schon in der Schlußsitzung hatte der Senior der Stadtverordneten-Versammlung dem Scheidenden den Dank derselben in warmen Worten zum Ausdruck gebracht, indem er sagte: „Niemand unter uns wird ohne Bedauern die Schlußerklärung unseres Vorsitzenden gehört haben. Unser Bedauern ist um so größer, als uns kein Mittel gegeben ist, eine Zurücknahme dieser Erklärung zu erlangen oder irgend etwas Wirksames sonst dagegen zu thun. Hiermit schließt denn also unser Herr Stadtverordneten-Vorsteher seine verdienstvolle Laufbahn von vollen sieben Jahren. Was wir an vortrefflichen Eigenschaften in diesen sieben Jahren an ihm kennen gelernt, hat der Lauf der Zeit sattsam erwiesen, und mehr und mehr haben sich diese Eigenschaften vervollkommnet. Allen voranleuchtend war der gute Wille, den Obliegenheiten seines Amtes voll nachzukommen, dafür kein Opfer an Zeit und Kraft innerhalb und außerhalb der Versammlung zu scheuen. Die Ruhe und Bedächtigkeit der Geschäftsführung, seine vollständige Unparteilichkeit kennen wir Alle. Kein Uebel scheute er mehr, als irgend Jemandes Meinung zu unterdrücken oder ihr nicht zum vollständigen Ausdrucke zu verhelfen. Darauf hat unser Stadtverordneten-

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