Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 »Du irrst, göttliche Domilia," ergriff Stephanus wieder das Wort, „die Juden, jenes verhaßte Volk, haben ihre eigenen Sitten und Gesetze; und während jede noch so vornehme Römerin es als höchstes Ziel betrachtet, vor den Augen des Imperators Gnade zu finden, verschmäht jenes Volk diese Gunst, nnd das Mädchen schreckt zurück vor der Liebe des Cäsars." „Was sagst Du?" rief blitzenden Auges die Kaiserin, „es gäbe ein Mädchen in Rom, die es verschmäht, zur Dirne Domitians herabzusinken?" „So ist's, erhabene Kaiserin. Allen Nachstellungen der kaiserlichen Höflinge ist es bis jetzt nicht gelungen, das Mädchen an den Hof zu ziehen." (Fortsetzung folgt.) Litterarrsche Mittheilungen. Die ihrerzeit von der evangelisch-theologischen Fakultät der Berliner Universität mit dem königlichen Preise gekrönte Arbeit „Ueber das betende Ich in den Psalmen" von Dr. Felix Coblenz liegt nunmehr in Buchform (Frankfurt a. M. 1897, bei Kauffmann) vor. Das Problem, das sich unter dem seltsamen Titel verbirgt, ist so alt als die Psalmenforschung selbst: es ist die Frage nach dem wahren Sprecher in den Psalmen und, damit verbunden, nach der ursprünglichen Absicht und Bestimmung der im Psalter niedergelegten Dichtungen; eine Frage, die ein anderer Gelehrter (Beer) in die Alternative „Gemeinde- oder Jndividualpsalmen?" gekleidet hat. Das Volksbewußtsein hat zwar längst dahin entschieden, daß die Psalmendichter, wenn nicht immer, so doch meistens, aus der Seele jedes einzelnen Beters oder aus der der Gesammtheit des betenden Volkes heraus gedichtet hätten Wie anders hätte der Psalter jemals das unübertreffliche Gemeindegesangbuch aller Zeiten, ein Kanon der öffentlichen wie der privaten Andacht werden können? Aber die wissenschaftliche Forschung muß die Berechtigung jener Voraussetzung und deren Schranken prüfen, muß festzustellen suchen, wo in der That schon nach der Absicht des Dichters, sei es die personifizirte Gemeinde Israel, sei es eine Gruppe derselben, ihre Anliegen im Gebete zum Ausdruck bringe, sowie andererseits, wo vielmehr ein rein individueller Charakter vorhanden gewesen, und die liturgische Verwendung erst auf einer späteren Umdeutung beruhe. Cs ist klar, daß ein derartiger Nachweis den ganzen Psalter in ein neues Licht zu rücken geeignet ist; zumal nicht weniger als 100 Psalmen ein betendes Ich, d. h. den Beter in der ersten Person redend, einführen. Alle kritischen Fragen nach Inhalt und Auffassung, Entstehungszeit und Verfasserschaft der Psalmen erhalten von hier aus ebenfalls eine besondere Beleuchtung. Dr. Coblenz zählt in der Einleitung Kriterien, wie zahlreiche Feinde, Erwartung großen, messianischen Strafgerichts, furchtbare Verwünschungen sowie Ausdrücke wie „von Geschlecht zu Geschlecht" und Aehnliches zu denen, die fast nothwendig nur auf eine redende Gemeinde schließen ließen; ihr Fehlen in Verbindung mit anderen Merkmalen weist dann desto eher auf individuellen Charakter hin. So theilt sich dem Verfasser der Stoff in die zwei Abschnitte: a) „Berechtigung der Annahme" (ursprünglicher Gemeindepsalmen) und b) „Schranken dieser Annahme". — 40 Psalmen analysirt Verfasser zunächst mit dem Resultat, daß in ihnen schon nach der Absicht des Dichters die personifizirte Gemeinde bete; unter ihnen die besonders bekannten Psalmen 30, 121, 130, 145. In sechs Psalmen denke sich dagegen der Dichter „die einzelnen Glieder der Gemeinde als Sprecher"; ein etwas subtiler Unterschied, der aber durch manche Gründe gerechrfertigt erscheint. In einem zweiten Theile unterscheidet Verfasser 21 Psalmen, in denen die „Gemeinde der Frommen" (dbassiZim, Anawim) im Gegensätze zu den Frevlern (Uescba'sm re) bete, während wiederum in zehn anderen Psalmen die „einzelnen Glieder der Gemeinde der Frommen" als Sprecher gedacht seien. Unter jenen 21 fallen besonders auf und erleichtern das Nachprüfen die Psalmen 16, 19, 34, 92; unter den zehn der Unterabtheilung der Psalm 119. Es kann nicht fehlen, daß, so methodisch Verfasser auch zu Werke geht, man doch nicht immer mit ihm einer Meinung sein wird. So ist es z. B. schwer, Psalm 92, 15 '06 jenubhun bessebha* auf die Gemeinde der Gerechten zu beziehen, da man einer sich immer erneuernden Gesammtheit nicht gut Greisenalter zuschreiben kann. Umgekehrt steht man nicht ein, warum z. B. in Psalm 116 nicht die einzelnen Glieder der Gemeinde der Fromyren als Sprecher gedacht sein sollten, so gut wie etwa in Psalm 111. In, Abschnitt L) „Schranken der Annahme" re. erkennt Verfasser 19 Psalmen rein individuellen Charakter zu; z. B. den Psalmen 6, 8, 45, 104; während in den beiden Psalmen 2 und 101 ein König oder Volksfürst als redendes Subjekt eingeführt sei, und endlich die Psalmen 91 und 141 eine nähere Bestimmung des betenden Jchs nicht zuließen. — Es gereicht dem Verfasser zum Lobe, daß er fast alle maßgebenden Autoren der Psalmenforschung, alter wie neuer Zeit (Raschi, Jbn Esra, David Kimchi nicht minder als Hengstenberg, Lengerke, Olshausen, Graetz, Hupfeld, Baethgen, Smend, Reuß, Cheyne u. A.) ausgiebig benützt hat; noch mehr aber, daß er sich überall sein eigenes Urtheil gewahrt, feinen wissenschaftlichen Takt im Abwägen der Meinungen und große Besonnenheit in der eigenen Kritik bewiesen hat. Dr. Coblenz, dessen Auszeichnung durch die theologische Fakultät der größten deutschen Universität seinerzeit mit Recht lebhafte Genugthuung in jüdischwissenschaftlichen Kreisen hervorrief, hat mit seiner Schrift eine Bahn betreten, auf der in den letzten Jahrzehnten gerade nichtjüdischen Gelehrten die Palme gebührte, mit denen aber in jüngster Zeit auch jüdische mit größtem Erfolge (wir erinnern nur an Rabbiner Dr. Jacobs ausgezeichnete und aufschlußreiche, übrigens zu ähnlichen Resultaten wie die Coblenz'sche Arbeit gelangende „Einleitung in die Psalmen" in Stades alltestamentl. Zeitschrift 1896 und 1897) zu wetteifern beginnen. Möchten doch von allen Seiten jüdische Gelehrte auf den Plan der biblischen Wissenschaften treten, um uns diese schöne Domäne, eine der ältesten jüdischer Geistesarbeit, die uns bereits gänzlich verloren zu gehen drohte, nach und nach zurückzuerobern. Essen, 30. Dezember. Dr. Samuel. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! t nter der Spitzmarke: „Ein Chillul haschem ohne gleichen" brachten Sie in der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes einen Bericht über eine Gerichtsverhandlung, zu dessen Ergänzung und Klarstellung ich Sie um Veröffentlichung folgender Zeilen höflichst ersuche: Nachdem Herr Schlächtermeister Stattstnger in öffentlicher Versammlung Behauptungen über mich, den er nach eigener, später erfolgter Erklärung überhaupt nicht kannte, in die Welt gesetzt hatte, die jeder thatsächlichen Unterlage entbehrten, andererseits aber geeignet waren, mich in meiner Eigenschaft als jüdischer Kultusbeamter im höchsten Maße zu diskreditiren, wenn nicht gar um mein Amt zu bringen, wandte ich mich an genannten Herrn mit der Aufforderung, seine den Thatsachen widersprechenden Behauptungen vor einem Schiedsrichter zurückzuziehen. Der von mir erstrebte Ausgleich kam nicht zu Stande. Ich ließ hierauf, um die Angelegenheit nicht vor das Forum der Oeffentlichkeit zu bringen, Herrn Stattsinger wiederholt durch einen Rechtsanwalt auffordern, die Unrichtigkeit seiner beleidigenden Aeußerungen zuzugestehen. Diese wiederholten Aufforderungen blieben gleichfalls ohne Erfolg, und so sah ich mich — zu meinem größten Leidwesen — gezwungen, zum.Schutze meiner Berufsehre und Wahrung meiner berechtigten Interessen gerichtlichen Austrag der Angelegenheit zu verlangen. Zu beurtheilen' wen die Schuld an dem von Ihnen gerügten Chillul haschem trifft, überlasse ich nunmehr dem billigen Ermessen jedes Unparteiischen. Mit vorzüglicher Hochachtung Breslau, 3. Januar M. Schwarzberg, Kantor. * Briefkasten -er Ke-aktiou. Ein alter Abonnent. Auch französische Offiziere, die jüdischer Religion sind, dürfen mit einem gewöhnlichen Paß aus Frankreich nicht nach Rußland reisen. O. P. Gewiß werden wir die sehr wichtigen Lehrpläne des D.-J. G.-B. in einer der nächsten Nummern zum Abdruck bringen. Wir hatten nur bis jetzt keinen Raum für die umfangreiche Publikation. Druck und'Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.