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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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Auch in den Straßen der Juden herrschte noch ziemlich reges Leben. -■ Die Leute kehrten von ihren Geschäften heim und rüsteten sich zum Minchagebet. Vor den Thüren der Häuser warteten die einzelnen Tempelbesucher, um sich ihren des Weges kommenden Glaubensbrüdern anzuschließen und den Weg zum Bethause vereint zurückzulegen. Vor einigen Minuten bereits war aus der Thür seines Hauses Josua geschritten. Er war bewaffnet, doch verbarg seine faltige Gewandung die für einen Synagogenbesuch auffällige Wehr. Bedächtig war er die Gaffe entlang geschritten, um nicht etwa durch seine Eile auf sich aufmerksam zu machen. Jetzt hatten sich ihm während des Dahinschreitens mehrere junge Leute angeschlossen, die gemächlich und anscheinend heiter plaudernd den Weg zum Betlokale nahmen. Nichts an dem Gebühren der Jünglinge ließ darauf schließen, welch tollkühnes Wagniß sie zu unternehmen im Begriffe waren. Die Dunkelheit hüllte die Stadt in mächtige Schatten, als die Beter das Gotteshaus verließen. In den Häusern wurden die Oellampen entzündet, deren Schein jedoch nicht auf die Straße ging, sondern nur die Höfe erleuchtete, und in den Chanukahlämpchen flammten fünf Lichtlein empor. Von Jobäas kellerartigem Gemach führte durch unterirdische Gänge ein Weg nach der Tiburtinischen Straße und nach dem Tiburtinischen Thore. In ihres Bruders Gewänder gehüllt, trat das Mädchen den gefährlichen Weg an. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen; schwer wie Blei hingen ihr die Füße, oft glaubte sie zu unterliegen, dann aber raffte sie sich auf, und nach einem langen, schmerzlichen Blick auf das geliebte Vaterhaus, das ihr Theuerstes umschloß, eilte sie in geräuschloser Hast von dannen. Drinnen in der Stube saß die Matrone, und heiße Thränen strömten über ihr gefurchtes Antlitz. Der alte Jsmael aber stand vor dem Chanukahlichte, das verheißend und befreiend winkte. Stumm faltete er die Hände, in seinem Herzen aber sandte er heiße Gebete zu dem Ewigen empor für das geliebte, dahinirrende Kind. Todtenstille herrschte in dem Gemach, da ertönte es plötzlich wie erlösend durch das Schweigen: „Der Herr, unser Gott, segne Dich und behüte Dich und geleite Dich auf Deinen Wegen und gebe Dir den Frieden!" IV. „Stephanus, komme her!" gebot Domitia, die Gemahlin des Imperators, und die Dienerinnen eilten in Hast, ihn herbeizuschaffen. Es war gar nicht lange her, seit Domitia wieder am Hofe weilte und neuerdings in die Würde der Herrscherin eingesetzt ward. Der Cäsar hatte sie nach ihrer Rückkehr, wohl um sie für das erlittene Ungemach zu entschädigen, zur Augusta erhoben, und ihre Stellung am Hofe war eine mächtige. Wohl waren es böse Tage gewesen, die die unglückliche Kaiserin, fern von Rom, in der Verbannung verlebt hatte, und in denen ihr reichlich Zeit und Muße geworden, sich in ernsten Selbstbeirachtungen zu ergehen. Da hatte sie denn auch das Leben des Hofes, ihres kaiserlichen Gatten, seiner Günstlinge, ja selbst das ihrige geprüft und nicht gut befunden, nein, mehr als das, sie lernte es Haffen, dieses wüste Treiben, dieses stete Jagen nach dem Genuß. Doch mehr als all dies empörte ihre Seele das grausame Spiel mit Menschenleben, das auf Geheiß ihres kaiserlichen Gatten zu Rom getrieben wurde. 4? —— Und in den Stunden der Einkehr, die sie in ihrer Verbannung ja so reichlich hatte, da wurde es ihr klar, daß sie eine Sendung habe, daß die Götter sie vielleicht zum Werkzeug einer guten That ausersehen und daß es in ihre Hände gegeben sei, das Leben so vieler Unglücklicher zu retten, die täglich, ja stündlich dem Machtgebote des grausamen Domitian zufolge ihr schuldloses Leben laffen mußten. Darum sehnte sie das Ende ihrer Verbannung herbei, und sie brachte den Göttern Dankopfer dar, als die Stunde ihrer Heimkehr nahte, als ihr auf das Geheiß ihres kaiserlichen Gemahls die so heiß begehrte Rückkehr an den Hof gestattet wurde. Und sie gelobte in ihrem Herzen, all ihren Einfluß daranzuwenden, jene Unglücklichen zu erretten, die durch irgend ein geringes Verschulden oder unter dem Vorwände, daß sie der geheiligten Person des Cäsars durch ein Wort, einen Witz oder eine unschuldige Satire nahe getreten waren, den Zorn des Kaisers oder eines der mächtigen Günstlinge auf ihr Haupt herabbeschworen hatten. Ja, in wie vielen Fällen wußten es die zum Tode Verurtheilten selbst nicht, weshalb sie eigentlich gerichtet wurden, da ja alles zumeist auf Angeberei und Hofkabalen beruhte. Oft aber mußten Jene fallen, deren Schätze dem habgierigen Domitian, weil sie Anderen gehörten, ein Dorn im Auge waren, und die sich anzueignen er keinen Augenblick Bedenken trug. Dann waren noch Andersgläubige, Nazarener und Inden, für deren Hinschlachten ja bereits der Grund in ihrem Glaubensbekenntniß lag, und deren Tod und grausame Martern den Göttern ein erwünschtes Opfer sein mußte. „Mögen die Götter mir Kraft verleihen und meinem Worte Beredsamkeit," flehte die Kaiserin, „so soll all mein Bemühen hinfort nur der Errettung jener Geächteten gelten." Stephanus, der Geheimschreiber und Vertraute Domitias, war eingetreten und verharrte jetzt, als er die Kaiserin im Gebete versunken fand, in stummer Ergebenheit an der Schwelle. „Tritt näher, Stephanus," sagte die Kaiserin, als sie, sich erhebend, die Anwesenheit ihres Sekretärs gewahrte, „ich habe viel Befehle für Dich, die Du ungesäumt ausführen sollst. Vorerst aber berichte mir, was Du über des Cäsars Zornesausbruch erfahren hast. Wem galt er, und was hat die maßlose Wuth hervorgerufen?" Forschend richtete sich ihr Blick nach dem Antlitz des obersten ihrer Diener hin', in dessen Augen sich jetzt der Ausdruck des Schmerzes malte. „Schone nicht mein Ohr, Stephanus! Ich habe mich daran gewöhnt, Dinge zu vernehmen, die zu hören Roms Kaiserin wohl besser erspart geblieben wären, aber ich will es wissen, alles, hörst Du?" „Vergieb, o erhabene Kaiserin," kam es zögernd aus dem Munde des Mannes, „wenn das, was Dir Dein Sklave zu künden hat, Dein reines Herz beleidigt . . . vergieb . . ." „Genug des Zauderns," rief unwillig Domitia, „rede, ich gebiete es!" „So vernimm denn, große Kaiserin, und zürne darob Deinem Sklaven nicht, daß des Cäsars Grimm eines Mädchens wegen erwacht ist." „Dacht' ich's doch!" rief mit bitterem Hohne Domitia, „weiter!" „Eine Jüdin," fuhr Stephanus in seinem Berichte fort, „vergieb, daß ich vor Dir, erhabene Frau, den Namen einer solchen nenne, die der Zorn der Götter treffen möge, ein Judenmädchen, Jobäa nennt sie sich, ist's, von wunderbarer Schönheit, wie die Leute sagen, die durch geheime Kunst das Herz des göttlichen Domitian entflammt hat." „Und darob sein Zorn?" rief lachend Domitia, „die Jüdin wird für einige Zeit die Launen des Imperators ertragen dürfen, was weiter?" 1

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