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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 r-~ | schadenfroh den Witz zu, durch den der Bettler den Reichen schier vernichtet, und bewundert den Heldenmuth des freien „Königs der Schnorrer". Die Witzbolde bemächtigen sich des geflügelten Wortes und feilen an ihm so lange herum, bis es haarscharf geworden ist. Diese Bettler bilden den Schrecken der Kaufleute, die sich im Stillen mit der Absicht des betrügerischen Bankerotts tragen, der Väter, die gern ihre überreifen Töchter unter der Haube sehen ni ächten, und der Leute, die sich gern mit ihrem leider nicht ganz einwandsfreien Stammbaum brüsten. Diese Bettler, die mit feiner Spürnase für die Fehler ihrer Mitmenschen ausgerüstet sind, gehen denn auch nicht leer aus bei den Leuten, die alle Veranlassung haben, ihre Zunge zu fürchten. Unter ihren bescheideneren Genossen erfreuen sich die „Unverschämten" eines großen Ansehens und üben eine gewisse Herrschaft aus. Auch auf der untersten Stufe der Menschheit giebt es noch die Unterschiede zwischen Groß und Klein, Stark und Schwach. Die Maulhelden prahlen vor ihren bescheideneren Genossen mit den größeren Gaben, die sie Kraft ihrer gefürchteten Zungenfertigkeit erlangen. Die Anderen beneiden sie in ihrem Herzen und erkennen ihre Ueberlegenheit an. Manche von ihnen waren von Hause aus ordentliche und bescheidene Menschen, welche vermöge ihrer Fähigkeiten, ihres Wissens und Fleißes wohl die Hoffnung hegen konnten, sich unter ihren Mitmenschen eine Stellung zu erringen. Aber Unglücksfälle und Schicksalstücke, gegen die sie vergebens gerungen, haben sie von Stufe zu Stufe sinken und zum Bettelstab greifen lassen. Und indem sie zu Bettlern herabsanken, wurden sie, gegen ihre natürliche Anlage, frech. Ihre Frechheit ist die Rache für die Gleichgiltigkeit, mit der ihre früheren Standesgenossen sie haben fallen lassen, ist der Aufschrei von Unglücklichen, welche der Gesellschaft nicht verzeihen können, daß sie gegen das Gebot des großen Gesetzgebers verbrochen, welches lautet: „Und so dein Bruder zu wanken anfängt und sinkt, so stütze ihn!" Ihr beständiges Murren und Hadern ist nicht das Gezänk habgieriger, niisanthroper Faullenzer, es ist der Groll von Menschen, die sich mit der Weltordnung nicht aussöhnen können. Es will ihnen nicht in den Kopf, warum es dem Guten schlecht und dem Schlechten gut geht; überall sehen sie nur Ungerechtigkeit, Heuchelei und Betrug. Solche Unglückliche anderer Nationen legen Hand an sich, ergeben sich dem Trunk oder werden Feinde der Gesellschaft und enden auf dem Schaffot oder im Zuchthause, bei den Juden werden sie Almosenempfänger und Bettler. Die geborenen Schnorrer beschimpfen den geizigen Reichen, die schiffbrüchigen Talente lassen ihren Groll am Rabbiner, Gemeindevorsteher und am aufgeblasenen Gelehrten alls. Für die Ersteren ist die Unverschämtheit ein Mittel der Erpressung, während die letzteren durch sie der geringen Gabe verlustig gehen, die man dem gewöhnlichen Bettler nicht verweigert. Manche Bettler wandern jahraus jahrein von Stadt zu Stadt. Die Bettelei ist ihre einzige Erwerbsquelle, etwas anderes kennen sie nicht und wollen sie auch nicht kennen. Sie fühlen sich bei ihrem Vagabundenleben wohl. Kommen sie einmal in mehreren Jahren nach Hause, so wird das ansässige Leben ihnen bald überdrüssig, sie fühlen eine Art Heimweh nach der zigeunerhaften Vagabondage. Sie ist ihnen mit all ihren Widerwärtigkeiten und Erniedrigungen lieb geworden. Dieses Leben geben sie auch dann nicht auf, wenn sie sich ein Vermögen zusammengebettelt haben, mit dem sie irgend einen kleinen Handel beginnen könnten. Die Schnorrerei an sich macht ihnen Freude. Solche Bettler giebt es allerdings nicht viele. Es sind das diejenigen, welche in ihrem Gewerbe, wenn män so sagen darf, geboren und als Parias der Gesellschaft aufgewachsen sind. % Andere Arme machen vom Recht des freien Bettelns nicht immer oder nur aus besonderen Anlässen Gebrauch. In ihrem Heimathsort sind sie nicht die Letzten; sie besitzen ein Geschäft oder Gewerbe, welches nur z»l bestimmten Jahreszeiten einen zum Leben genügenden Ertrag abwirft. Beginnen die Einnahmen spärlicher zu fließen, so greifen sie zum Wanderstabe. — Hat Einer eine heirathsfähige Tochter, so verlobt er sie und verpflichtet sich dem Manne seiner Wahl gegenüber zu einer bestimmten Mitgift nebst obligater Aussteuer. Diese Versprechen macht er auf Rechnung der Gesammtjudenheit, welche in der Versorgung armer Brüllte ein großes Verdienst erblickt. Einen solchen „Armen" fertigt man nicht so leicht ab, denn er beruft sich auf die „Hachnoffas Kalloh" (Pflicht der Versorgung armer Bräute) und legt eilten Stoß von Dokumenten vor, daß er nicht etwa ein Betrüger sei, der für eine heirathsfähige Tochter sammelt, ohne eine solche zu besitzen. Ein wie gutes Recht auf die Unterstützung der Gesammtjudenheit solche Leute zu haben glauben, beleuchtet folgende, allerdings etwas übertreibende Anekdote: Ein Mann kommt zum Rabbiner und verlangt ein Zeugniß, daß er für eine „arme Braut" sammelt. „Aber Ihre Tochter ist ja bereits verheirathet," entgegnet der Rabbi. „So? Und meine Lea?" — „Die ist doch schon seit fünf Jahren todt!" — „Nun, soll etwa Aschkenas (Deutschland) sie beerben?" EUILLETOIJ Aus dangen Tagen. historische Erzählung aus der römischen Uaiserzeit. Bon Carl Griot. (Fortsetzung.) pitie Weile herrschte tiefe Ruhe in dem Gemach. Dann frug zagend die Mutter: „Wann werde ich mich von Jobäa trennen müssen?" „Verzage nicht, geliebte Mutter," nahte ihr schmeichelnd der Jüngling, „es muß sein! Morgen schon, des Abends, wenn wir uns zum Gebete versammeln, soll die Schwester fort. Macht Euch die Trennung nicht zu schwer!" Noch eine kurze Weile blieben sie vereint, dann aber mahnte Josua zum Aufbruch. „Glaubt mir," sagte er, „es ist besser, wenn wir zeitig die Ruhe suchen; der Schlaf, der unser Lager in den letzten Tagen geflohen, wird uns für das Bevorstehende Kraft verleihen. Seid muthig, theure Eltern, es gilt Jobäas Wohl." „Weine nicht, Mütterchen," sagte Jobäa, indem sie ihre Arme um den Hals der Mutter schlang, „trockne Deine Thränen, Gott wird Dein Kind geleiten, und Du, o Vater, verleihe mir Deinen Segen, auf daß er mich geleite auf meiner Wanderung." „So ist's recht, Jobäa," meinte der Bruder, „Du bist ein tapferes Mädchen, eine wahre Tochter aus dem Stamme der Priester. Nun gehe aber, suche Dein Versteck auf, in dem wir Dich so gut verborgen halten konnten, daß Dich der Tyrann selbst dort nicht gefunden hätte; geh' und ruhe aus von der Angst der letzten Tage. Der Morgen des zweiten Tages soll Dich fern von Rom treffen!" Und es war wieder Abend geworden. In den vornehmen Straßen der ewigen Stadt schwirrte noch heiß pulsirend das Leben. ■.vaSi*

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