Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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45 Alle Wanderbettler stecken, um Mitleid zu erwecken, in zerrissenen, vielfach geflickten Kleidern, die selbstverständlich auch an Reinlichkeit alles zu wünschen übrig lassen. Sie verbreiten um sich einen Duft, der aus allen möglichen schlechten Gerüchen gemischt ist. So wandern sie als lebendige Schmutzhcmfen umher, denn sie waschen sich auch nie, und der Gebrauch eines Kammes scheint ihnen fremd zu sein. Ulüer diesen Jammergestalten giebt es aber Keinen, der nicht hebräisch zu lesen verstände, Manche verstehen sogar die hebräischen Gebete zu übersetzen. Als ich in Rußland war, prüfte ich mehrere der Kinder, die schon von frühester Jugend in der Bettelei erzogen werden, im Lesen und fand, daß alle ohne Ausnahme vokalistrte Texte gut lasen. „Wieviel Götter haben wir V‘ fragte ich die zerlumpten, barfüßigen Kleinen. „Der Herr, unser Gott, ist einzig!" antworteten alle mit innerer Ueberzeugung. Diese kleinen, von der Geburt an schon zum Elend verurtheilten Geschöpfe sind in einem gewissen Grade auch Religionsphilosophen. Eine besondere Klaffe von Bettlern bilden die Blödsinnigen, Verrückten und Melancholiker. Sie gehen halbnackt, ihre Kleidung besteht blos aus einem schwarzen, groben Hemde, einer zerriffenen, schmutzigen Hose und einer zerknitterten, verschoffenen Mütze. Die Füße bleiben kahl. Mit diesen Unglücklichen treibt Jeder sein Gespött. Die Kinder laufen ihnen in Schaaren nach und bewerfen sie mit Schmutz, ohne von den Erwachsenen daran gehindert zu werden. Sogar die „Honoratioren", die Reichen und Wissenden, verschmähen es nicht, diese umnachteten, verzweifelten Geister zur Zielscheibe ihrer rohen Späße 311 machen, die die Menschenwürde verletzen. Wenn es einemdieser feinen Müßiggänger einfällt, sich und Andere zu amüsiren, so ruft er einen solchen Menschen heran und richtet an ihn die unerhörtesten, unsinnigsten Fragen. Die Antwort, die ihm zutheil wird, ist denn auch danach. Die umstehenden Jünglinge, Gelehrten, Wucherer und sonstigen Müßiggänger freuen sich über jede Dummheit und Tollheit, die der arme Idiot oder Verrückte in seiner geistigen Umnachtung zum Besten giebt. Wenn der Idiot »och einen letzten Funken von Verstand hatte, wenn das Band, das den Melancholiker an das Leben gebunden, »och nicht ganz gelöst war, so kommen die „Barmherzigen, Nachkommen von Barmherzigen" und löschen den letzten Strahl des göttlichen Lichts aus der Seele des Idioten und bringen den verbitterten Melancholiker vollends zur Verzweiflung. Die russischen Bauern ermessen den Geisteskranken, die an ihre Thür pochen, die Ehre von Heiligen, weil sie glaube», daß in ihren Worten ein Funken von Prophetie liege. Der Jude aber, nicht nur, daß er sie nicht ehrt, er macht sich über sie noch lustig. Ein Jude ohne Verstand, ein Idiot, ein Melancholiker ohne Energie und Willen, ohne Hoffnung und Streben ist ihm eine zu unnatürliche Erscheinung. Wer die Juden gut kennt, weiß, daß sie nicht etwa aus Grausamkeit so handeln, sondern weil nach ihrer Meinung der Geisteskranke den Spott nicht empfindet. „Ein Gelehrter ohne Verstand ist schlimmer daran als ein Thier." Es ist dem Juden, ob Reich, ob Arm, ob Gelehrter oder Dichter, eben schwer, sich des Spöttelns zu enthalten, wenn er eine geistige Abnormität vor sich sieht. Es giebt eine weitere Klaffe von Bettlern, die in mehrere Abtheilungen zerfällt.' Wir wollen sie unter der Bezeichnung „die Unterhaltenden" zusammenfaffen. Zunächst sind die „Humoristen" zu erwähne». Wenn sie in ein Haus kommen, machen sie Späße, erzählen erdichtete Schnurren, tragen geistreiche Gleichniffe vor und sprechen allerlei loses Zeug, es oft bis zur zügellosen Frivolität steigernd. Sodann die „Zahlen- und Buchstabenkünstler", die eine Besonderheit des jüdischen Geistes sind. Außer den Orientalisten wird es im europäischen Publikum nur sehr Wenigen bekannt sein, in welcher Weise der Zahlenwerth der hebräischen Buchstaben von den Kommentatoren der Bibel zu allerhand Spielereien verwendet wird. Bald wird ein Wort blos als Zahl genomnien, bald wird einem Worte ein anderes vom gleichem Zahlenwerth substituirt. In ähnlicher Weise zerlegt man ein Wort in einzelne Buchstaben und faßt diese als Abbreviaturen anderer Wörter auf, so daß der Text nun ganz anders lautet. Durch solche Taschenspielerstückchen läßt sich natürlich alles Mögliche in die Bibel hineindeuteln. Ein Beispiel nur mag dies veranschaulichen. Es heißt in Job: Dann (hebr.: oz) ruhte ich, und es war mir wohl. Oz hat den Zahlenwerth 8. Also 8 (Stunden) Ruhe thun Einem wohl. Mit Hilfe dieses Systems wird z. B. der Kez (das Ende der Diaspora) berechnet, und werden große Weltkriege vorhergesagt. Trifft die Prophezeiung nicht ein, so erschüttert das keineswegs das Vertrauen zur Zahlendeutung. Man wartet die nächste paffende Gelegenheit ab, um das Spiel aufs Neue zu beginnen. Eine solche Gelegenheit bietet eine neue Judenverfolgung in Rußland oder der Ausbruch eines Krieges, in deffen Parteien man immer die sagenhaften Völker Gog und Magog erblickt, nach deren Vertilgung Messias kommen wird. Diese Art ahmt nun besagte Bettlerkategorie, die sich selbstredend aus der gebildeteren Klaffe rekrutirt, nach und leistet in Zahlen- und allerlei Buchstabenkünsten oft Erstaunliches. Kaum über die Schwelle getreten, fragt der „Arme" mit einer edlen Dreistigkeit nach den Namen des Hausherrn und der Familie. Wird ihm diese Frage — meist wohl in Erwartung einer Schmeichelei — beantwortet, so findet der Zahlenkünstler nun im Augenblick, daß der Name dem Zahlenwerlh eines Bibelverses oder Segensspruches entspreche, der auf den Hausherrn Anwendung fiubeu könnte. Unter dieser Kategorie finden sich manchmal mathematische Talente, die ihre Fähigkeiten auf diese Weise unnütz vergeuden. Der Jude gewöhnlichen Schlages findet an derartigen Geistesverrenkungen Gefallen und bemißt die Gabe für den Künstler etwas reichlicher, es wird ihm aber nie einfallen, sich über die verfehlte Existenz seines armen Bruders Gedanken zu machen, der sich um ein „Linsengericht" produzirt, und deffen Talent dabei 311 Grunde geht. Zuletzt mögen noch die „Dichter" genannt werden, die durch ihre Leistungen auf dem Gebiete der edlen Reimschmiedekunst ein reichlicheres Almosen zu erzielen suchen. Die Geistesprodukte dieser Stiefkinder des Apoll sind oft nicht schlechter als manches im jüdischdeutschen Idiom gedruckte Poem. Eine Klaffe für sich bilden die „Unverschämten". Die Bettler dieser Klasse bitten nicht demüthig um eine milde Gabe, sie treten auf, als hätten sie eine fällige Schuld einzufordern. Dabei kennen sic kein Ansehen der Person, der angesehene Reiche oder Gelehrte gilt ihnen so viel wie der gemeine Mann aus dem Volke. Wehe dem reichen Geizhals, der sie nicht zufrieden stellt; er verfällt unrettbar ihrer scharfen Zunge. Die Derbheiten und bitteren Wahrheiten, die er zu hören bekommt, dringen ins Publikum und erregen allgemeine Schadenfreude. Denn Niemand ist dem geizigen Reichen hold, der vom Wucher lebt und sich eher tödten ließe, als daß er Jemandem eine Gefälligkeit erweisen würde. Unter sich sind die Leute allerdings in ihrem Urtheil über ihn einig, auch seine Verwandten und guten Freunde, die ihm ins Gesicht schmeicheln, sind hinter seinem Rücken ganz anderer Meinung, aber ihm persönlich die Wahrheit zu sagen, findet Niemand den nöthigen Muth. Nur der freche Bettler, der nichts nach seiner Gunst fragt, wagt auszusprechen, was Alle denken, und erwirbt sich dadurch die allgemeine Sympathie. Man raunt sich