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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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- 44 —— a) Sie sollen ablassen: «) Vom Götzendienst; ß) von Werkheiligkeit. - b) Sie sollen trachten nach wahrhafter Frömmigkeit. Diese - soll sich darin zeigen: «) Daß sie „Gott suchen"; ß) daß sie „das Gute suchen" und „lieben";;) daß sie „das Recht im Thore bestellen" und Gerechtigkeit (gegen Arme) üben. 2. Zweck der Ermahnungen: a) „Damit ihr lebet"; b) „Vielleicht begnadigt Gott den Ueberrest Josephs". IV. Verkündigungen einer besseren Zukunft. 1. Für Israel: ein Rest Frommer soll in der Verbannung erhalten bleiben, während die Sünder durchs Schwert umkommen werden; 2. Für Juda: a) Die „verfallene Hütte Davids" soll wieder aufgerichtet werden; b) auch die Heidenvölker sollen sich bekehren und zu diesem Reiche gehören; c) es wird eine Zeit reicher Fruchtbarkeit sein; 6) auch die Verbannten Israels sollen dann auf eivig zurückkehren. An m. Der rein historische Abschnitt 5, 10 ff. (Kap. 7, 10 ff.) steht für sich allein. Aus dieser Uebersicht ergiebt sich der zwiefache Charakter der prophetischen Rede: a) drohend und ermahnend; b) tröstend und verheißend. Zum Schlüsse ist das Verdienst des Amos festzustellen: Er öffnet den Sorglose» die Augen und stellt die im Volke über die Bedeutung der „Auserwählung Israels" und „des Tags des Herrn" umgehenden irrthümlichen Ansichten richtig, indem er ausführt, daß die wahre Religion nicht a» das Volk Israel gebunden sei, sondern daß Gott als gerechter Weltenrichter sein sündhaftes Volk vernichten, Gott und die Religion aber trotzdem fortbestehen könne. So wird der Uebergang von der Volksreligion zur Wcltreligion angebahnt. Hosea. Nach Angabe des Zeitgeschichtlichen und Persönlichen wird zunächst gelesen Abschn. 2 (Kap. 4); 4 (Kap. 8), beide Abschnitte vollständig oder mit Auswahl, und Abschn. 1, 2—5 (Kap. 4, 1—7). Sie können, da die Gedanken, die in ihnen zum Ausdruck kommen, schon aus Amos bekannt sind, rasch abgemacht werden. Sie enthalten nämlich 1. Strafpredigten und 2. Ankündigungen des Strafgerichts. Ergebniß: Die Zustände müssen noch schlimmer geworden sein, als sie zu Amos Zeiten waren. Dagegen ist sehr ausführlich zu verweilen 3. bei den Ermahnungen des Propheten und 4. bei seinen Ausblicken in die Zukunft. Zu lesen sind: Abschn. 6 (Kap. 11); 8 (Kap. 14); Z (Kap. 6, 1 — 6) und 1, 6-13 oder wenigstens 12—13 (Kap. 2, 21 — 22). Allgemeines Ergebniß: Aus diesen Stellen spricht nicht der reflektirende Verstand, sondern das Herz des Propheten; hier tritt uns nicht der strenge Sittenrichter entgegen, der die Schäden der Zeit schonungslos bloßlegt und seinem Volke das Todesurtheil spricht, sondern wir hören den mitfühlenden Freund des Volkes, der tiefbewegt und schmerzzerrissene» Herzens den Weg der Rettung weist. — Darin liegt ein merklicher Gegensatz zu Amos. Während dieser sagt: „Gott ist die Gerechtigkeit", ist Hoseas erstes und letzes Wort: „Gott ist die Liebe". Im Einzelnen hat die Erklärung dieser Kapitel folgenden Gang zu nehmen: Wie einen Sohn hat Gott Israel geliebt und es mit Fürsorge geleitet(6, 1 — 4---Kap. 11, 1 — 4); oberes lohnte all die Liebe mit Undank, darum wird Gott es vernichten; — hier sind ' die bei Auerbach fehlenden Verse 5—6 des Kap. 11 einzuschalten, weil sie für den Gedankenzusammenhang unentbehrlich sind. Auch Hosea stellt also die Strafe als eine selbstverschuldete, daher verdiente und unabwendbare hin, ganz wie Amos. Aber wenn dieser nur nebenher durchblicken läßt: „vielleicht begnadigt Gott, der Herr Zebaoth, den Ueberrest Josephs", so ist Hosea durchdrungen von der Ueberzeugung, daß Gott es gar nicht über das Herz bringen kann, sein Volk zu verderben: „wie sollte ich dich hingeben, Ephraim? wie dich preisgeben, Israel? (6, 6 —Kap. 11, 8). Denn Gott ist nicht wie ein Mensch, der „nach der Gluth seines Zornes" thun sollte; „ich bin'der Heilige in deiner Mitte und komme nicht mit verheerendem Grimme" (6, 7 — Kap. 11, 9). Die Strafe läßt Gott nicht uni ihrer selbst willen eintreten, sondern er will durch sie bezwecken, daß „das Gericht über Israel wie Licht hervorgehe (3, 5 — Kap. 6, 5), sie zielt auf Besserung des Volkes ab, damit Gottes Liebe sich ihm wieder zuwenden kann: „Ich will sie von ihrem Abfall heilen; gern will ich sie lieben" (8, 4 — Kap. 14, 5). „Und ich verlobe dich mir auf ewig, ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit, durch Liebe und Barmherzigkeit" (1, 12 —13 Kap. 2, 21-22). — Dieser Auffassung Gottes als des Inbegriffs aller Liebe entspricht auch die Forderung, die der Prophet erhebt, wenn er zur Rückkehr zu Gott mahnt: statt der Farren sollen sie „das Opfer der Lippen" bringen (8, 2 — Kap. 14, 3); denn „Liebe verlange ich und nicht Opfer, und Gotteserkenntniß mehr denn Brandopfer" (3, 6 --- Kap. 6, 6). So steht uns Hosea menschlich nahe. Amos zürnt und schilt mit seinem Volke; er läßt, wie der Gott, den er predigt, „seine Stimme mächtig erschallen, daß die Triften der Hirten trauern und der Gipfel des Karmels verdorrt" (Amos 1, 2); — Hosea aber fühlt und trauert mit seinem Volke; ihm ergeht es wie seinem Gotte, den er sprechen läßt: „Mein Herz wendet sich in mir, all mein Mitleid ist entbrannt" (Hosea 6, 6 --- Kap, 11, 8). (Forts, folgt.) Soziale Bilder aus Rußland. Beiträge zur Psychologie und Ethnographie der Juden. Von R. Brainin. I. Jüdische Bettler in Rußland. ie von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wandernden Bettler werden im Volksmund „arme Leut'" genannt, eine Bezeichnung, die weder Schimpf, noch Geringschätzung in sich schließt, und die daher von den Armen selbst als Prädikat für sich und ihre Kollegen gern in Anspruch genommen wird. Wenn sie von Haus zu Haus gehen, um milde Gaben zu sammeln, verstecken sie ihren Bettelsack unter dem Mantel, wie man einen körperlichen Fehler vor den Augen seiner Mitmenschen verbirgt. Schweigend, mit zu Boden gesenktem Kopf, treten sie ein und bleiben bescheiden an der Thür stehen; ein leiser Seufzer thut ihre Anwesenheit kund. Manche grüßen auch leise, sprechen, wenn man ihnen ein Stück trockenen Brods, etwas Kleie, einen Pfennig oder irgendeine ungangbare Münze verabreicht hat, ebenso ihr „Gott helf'", küffcn mechanisch die Mezuzah und verlaffen das Haus. Giebt man ihnen nichts, so seufzen sie herzergreifend und schütteln leise den Kopf, durch diese Geberde ihren Schmerz ausdrückend. Läßt ein Reicher sie mit leeren Händen fort, so niurren sie auch ein wenig, als protestirten sie gegen die verkehrte Weltordnung und die falsche Gütervertheilung.

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