Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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40 . Wir würden es mit besonderer Freude begrüßen, well» namentlich recht viele Glaubensgenoffen dieser neuen Gesellschaft beitreten wollten. * Welche Bedeutung die Juden in den einzelnen Ländern ihrer Zerstreuung für die Kultur der Völker gehabt haben, davon bringt jeder Tag neue, bisher unbekannte Beweise. Ein solcher wird uns in dieser Woche aus Holland mitgetheilt, wo am 14. d, Mts. die Preffe und vor allem die — Kirche anläßlich des hundertsten Geburtstages das Andenken des getauften Juden, des Dichters und Theologen Jsak de Costa gefeiert hat, als eines Mannes, der nicht nur für die niederländische Litteratur, sondern auch für die spätere Entwickelung des politischen Parteiwesens von großem Einfluß gewesen ist. Geboren in Amsterdam, in einer altfrommen jüdischen Familie, studirte er daselbst am Athenäum die Rechte, ging dann nach Leyden, wo er 1818 den Grad eines Doktors der Rechte und 1821 denjenigen der Philosophie erwarb. Sein Lehrer Bilderdyk ist der eigentliche Stifter der antirevolutionären Richtung, der er im Gegensatz zu seinem Geistesverwandten Stahl, dem starren Lutheraner, den spezifisch kalviuistischen Stempel aufdrückte. Sein Einfluß auf die studirende Jugend war ein überwältigender, denn sonst wäre es nicht zu erklären, daß der einer orthodoxen jüdischen portugiesischen Familie entstammende da Costa zur reformirten Kirche übertrat und einer ihrer eifrigsten und feurigsten Apostel wurde. In Ainsterdam, wo er sich niederlicß, beschäftigte er sich mit geschichtlichen und litterarischen Studien, hielt zahlreiche öffentliche Vorträge, in denen er im Geiste seines Lehrers für die Herrschaft des strengen Kalvinismus eiferte, und entwickelte nebenbei eine äußerst fruchtbare litterarische Thätigkeit. Zu seinen historischen Arbeiten gehört auch eine „Geschichte der Juden", die sehr begeistert für seinen Stamm ist. Seine größte, heute noch nachwirkende Bedeutung lag aber in seiner poetischen Thätigkeit; seine Gedichte sind so formvollendet, zeichnen sich durch solche Eleganz und Schönheit der Sprache aus, daß ihnen weder aus früherer noch aus späterer Zeit kaum etwas Ebenbürtiges an die Seite gesetzt werde» kann, da Costa verdankt Holland die Anregung zu dem mit dem schönsten Erfolg gekrönten Versuch, den Grundprinzipien der antirevolutionären Partei eine historische Unterlage zu geben, woraus sich dann später die sogenannte christlich historische Richtung entwickelt hat, die heute noch im politischen Leben der Niederlande eine so hervorragende Rolle spielt, da Costa starb im Jahre 1860, ohne jemals ein Amt oder eine öffentliche Stellung angenommen zu haben. Was sagt die „Kreuzzeituug" zu diesen Thatsachen? * In Frankreich tobt der Bürgerkrieg. Unsere Leser kennen die einzelne» Phasen dieses Kampfes aus den Zeitungen. Von besonderem Interesse ist nur für uns die Sitzung der Deputirtenkammer am Freitag den 21. d. M., in der bei Diskussion des Budgets der einzelnen Religionen ein heftiger Angriff auf den allgemein verehrten Grandrabbin de France, Zadoc Kahn, gemacht wurde. Nachdem schon vorher Heriß in einem Zwischenrufe die Einmischung Kahns in die politischen Angelegenheiten angegriffen hatte, nahm er nochmals das Wort, um die Regierung direkt zu tadeln, weil sie es geschehen laffe, daß sich der Hohepriester der Juden in Dinge einmische wie die, welche jüngst gelegentlich eines Prozeffes die öffentliche Meinung erregt hätten. Mr. Beauregard, ein bekannter Antisemit von der rabiatesten Art, beantragt, das Gehalt von Zadoc Kahn um 50 Francs zu kürzen, um ihm das Mißfallen der Deputirtenkammer auszudrücken. Julien Guyen. einer der Klerikalen, weist darauf hin, daß man die Katholiken getadelt hätte, aber eben darum müffe man seine Schuldigkeit auch den jüdischen Priestern gegenüber thun. Das Gesetz schreibe den Rabbinern vor, ihren Glaubensgenoffen Religion und Ethik zu lehren, aber ganz besonders auch Gehorsam gegen die Gesetze und in erster Linie gegen die Gesetze, welche sich auf die nationale, Vertheidigung beziehen. Was wird der Minister des Innern zu diesem Zwecke thun? Auf jeden Fall kann der Großrabbiner dazu veranlaßt werden, daß er seine Glaubensgenoffen dazu bewegt, eine Kampagne einzustellen, welche Frankreich peinlich ist. Der Minister des Innern erwiedert auf die wiederholten Anzapfungen, daß er sich den patriotischen Gefühlen des Vorredners anschließe. Im Moment hat aber die Kammer den Antrag Beauregard zu diskutiren, und dieser befaßt sich nicht mit den Personen, sondern mit dem Amt. Die Regierung besitzt den jüdischen Rabbinern gegenüber dieselbe Macht wie den katholischen Priestern gegenüber; wenn einer von ihnen sich etwas zu Schulden kommen läßt, kann sein Gehalt gestrichen werden. Wie das Gehalt der katholischen Priester, ist auch das der jüdischen ein freiwilliges Geschenk der Nation. Das Amendement Beauregard ist bei der Abstimmung schließlich mit großer Majorität abgelehnt worden. Aber während in Frankreich das „Nieder mit den Juden" nur geschrieen wird, geht man in Algier bereits zur That über. Dir Nachrichten von dort sind überaus ernst. Drittehalb Stunden lang konnte der Pöbel am Sonntag unter den wohlwollenden Blicken einer gut gekleideten Menge alle Judenläden in den beiden Hauptgeschäftsstraßen 30 Schritte vom Regierungspalast erbrechen und plündern, und noch in der Nacht war es den Verbrechern möglich, mehrere Tausend Mann stark nach dem Villenvorort Sainte Eugenie zu ziehen und ftebeu Judenvillen zu verwüsten. Die christlichen Geschäftsleute bezeichnen ihre Läden durch Aufschriften als französische Handlungen. lieber jene Vorgänge wird aus Algier berichtet: Algier, 23. Januar. Gestern Abend fand hier eine antisemitische Versammlung statt, an der etwa 6000 Personen theilnahmen. Es wurden heftige Reden gehalten. Die Versammlung nahm mehrere Tagesordnungen an, worin sie eine Vereinigung aller Algerier beschloß, um die Juden bei den nächsten Wahlen auszumerzen. Während der antisemitischen Versammlung zogen etwa 300 mit Stöcken bewaffnete Juden auf das Gebäude zu, wo diese stattfand, wurden aber zurückgedrängt und auseinandergetrieben, ehe sie mit den Theilnehmern an der Versammlung handgemein^ wurden. Nach der Versammlung steckten etwa 500 Antisemiten zwei Kioske auf dem Regierungsplatze in Brand und plünderten mehrere Magazine. Die Truppen schritten ein und nahmen etwa 40 Verhaftungen vor. Zahlreiche Polizisten wurden verwundet. Im Laufe des Abends kam es vor den Läden einiger jüdischen Kaufleute zu Kundgebungen. In der Rue Barbazoum plünderte eine Menschenmenge unter Rufen: „Nieder mit den Juden!" die jüdischen Läden und warf die Waaren auf die Straße. Eine Abtheilung Jäger machte mit blankem Säbel einen Angriff auf die Menge und trieb sie aus einander. Diese vereinigte sich jedoch wieder unter Hochrufen auf die Armee. Zahlreiche Personen wurden verwundet. Ein Mann wurde durch Dolchstiche und einen Reoolverschuß getödtet. Die Erregung in der Stadt ist außerordentlich groß. Die Truppen sperren die Hauptstraßen. Einer der im Anfang der Kundgebung Verwundeten ist seinen Wunden erlegen. Als der Tod bekannt wurde, bemächtigte sich große Erregung der Bevölkerung, und die Plünderungen jüdischer Läden wurden ins Werk gesetzt. Als Gendarmerie und Polizei nicht im Stande waren, die Ruhe wiederherzustellen, erfolgte der Angriff der Jägerabtheilung auf die Menge. An den Plünderungen haben sich arbeitsscheue Personen aller Rassen betheiligt. Die israelitischen Behörden haben ihren Glaubensgenossen anempfohlen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Da die beiden Getödteten Christen waren, haben die Antisemiten geschworen, deren Tod zu rächen. Abends um 9 Uhr wandten sich die Theilnehmer an der Kundgebung nach dem Stadthaus, wo sie die Marseillaise sangen, und versuchten hierauf, die Schaufenster der Läden der Juden zu zertrümmern. Zuaven eilte» herbei, und der Oberst ließ die Menge auffordern, aus einander zu