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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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1»JiWUWPiltiiliUii.... 39 erhält man, wenn man in Betracht zieht, daß im Laufe des Jahres 1898 die deutsch-soziale Reformpartei, also die eigentliche offizielle Partei, nicht weniger als 724 Versammlungen veranstaltet hat, in denen 41 Redner ihre judenfeindlichen Theorien zum Besten gegeben haben. Man denke, was dies bedeutet; keine andere politische Partei, die Sozialdemokraten vielleicht ausgenommen, wird auf eine derartige Leistung Hinweisen können. Wir können uns nicht darüber täuschen, daß eine solche Arbeit nicht umsonst angewendet ist. Was in 724 Versammlungen dem deutschen Volke an Beschimpfungen unserer Religion, unserer Gebräuche, unseres Stammes u. s. w. vorgetragen worden ist, ist sicher an manchen Stellen haften geblieben und der dadurch angerichtete Schaden ein sehr bedeutender. Dabei ist dies noch nicht einmal alles, denn die nicht offiziellen Antisemiten, die Ahlwardt, Mosch, Wengg und Konsorten sind nicht weniger rührig gewesen, und wir werden uns kaum irren, wenn wir annehmen, daß diese Outsider die gleiche Anzahl von Versammlungen abgehalten haben, so daß wir mit 1500 Versammlungen rechnen muffen, in denen das Gift des Judenhasses dem Volke mundgerecht gemacht worden ist. Die obigen 724 vertheilen sich auf folgende Provinzen: Berlin und Brandenburg 176, Posen 3, Schlesien 24, Provinz Sachsen 39, Pommern 16, Schleswig- Holstein 31, Hannover 20, Königreich Sachsen 86, Baden 82, Hessen 116, Thüringen 55, diverse 76. Von den antisemitischen Rednern erreichte den Rekord Böcke! mit 88 Versammlungen, ihm am nächsten kommen Bindewald mit 87, Werner mit 65, Liebermann mit 58. Möchten diese Zahlen dazu dienen, daß wir uns keiner Selbsttäuschung hingeben über die Gefahr der antisemitischen Hetze. * Wie die Konservativen jeden Anlaß benutzen, um gegen das Judenthum zu wühlen, zeigte letzthin wieder eine Episode in den Verhandlungen der Abgeordnetenhauskommisstoii über das Militärstrafverfahreu. Es handelte sich dabei um 8 39 und die Eidesformel für die Vereidigung der Richter durch den Gerichtsherrn. Der Eid hat denselben Wortlaut wie der im bürgerlichen Verfahren. Abg. Gröber (Centrum) beantragte folgende Einschaltung: „Dem Schwörenden ist gestattet, den Schlußworten der Eidesformel eine fieinem Glaubensbekenntnis entsprechende Bekräftigungsformel hinzuzufügen." Geh. Oberregierungsrath v. Seckendorff machte Namens der Reichsjustizverwaltung Bedenken gegen den Antrag geltend. Es. gehe nicht an, in die Militärstrafprozeßordnung eine Bestimmung Uber die Eidesleistung aufzunehmen, welche die bürgerlichen Prozeßordnungen nicht kennen. Der Reichstag müffe die Frage in weiterem Umfange einheitlich erörtern und entscheiden. Es sei bedenklich, im Heere konfessionelle Gegensätze hervorzurufen. Abg. Lenzmann (freis. Volkspartei) wandte sich gegen den Antrag Gröber. Es sollte ausdrücklich verboten werden, eine konfessionelle Bekräftignngsformel dem Eide anzuhängen. Nun kam aber Abg. v. Puttkamer (kons.) und wollte im Anträge Gröber nur die beiden anerkannten christlichen Konfessionen berücksichtigt wissen. Schließlich wurde aber doch der Antrag Gröber ohne das Puttkamersche Amendement angenommen. * Daß es mit der christlich-sozialen Partei sehr schwindsüchtig bestellt ist, wurde ihr bei Gelegenheit ihres kürzlich begangenen 20. Stiftungsfestes von verschiedenen Seiten bezeugt, zumal von Solchen, die es wissen müssen. Es scheint nun beinahe, als ob das „Volk" glaubt, Herrn Stöckers Segeln etwas frischen Wind zuführen zu können, wenn es wieder anfängt, mit den schlimmsten anti- I semitischen Machenschaften zu arbeiten, wobei es so anspruchslos ist, mit dunklen Gerüchten vorlieb zu nehmen. Es bringt nämlich die folgende Notiz: „Ein neuer Ritualmord wird uns wieder vom Rhein, allerdings nur als Gerücht, gemeldet. In Issum bei Geldern hätten die Juden versucht, ein Christenkind für rituelle Zwecke zu schlachten, wären aber infolge des Geschreies des Kindes gestört worden. Das Gericht soll eingeschritten sein." „Scheiterhaufen" her! Das ist, wie man weiß, von Herrn Hofprediger Stöcker des Oefteren empfohlen worden, — natürlich nur im bildlichen Sinne! Die Notiz im „Volk" zeigt, daß man ernstlich versucht, die berühmte „Bewegung" wieder anzufachen, und daß man damit Wahlfang treiben möchte. Aber hoffentlich wird man damit keinen Erfolg haben! (Vgl. die Korr. Geldern.) $ Eine neue „Deutsche Orient-Gesellschaft" ist hier gebildet worden zur Durchforschung und Wiedererschließung der altorientalischen Kulturen vom Nil. vom Euphrat und vom Jordan. Wir begrüßen natürlich dies Unternehmen mit ganz besonderer Genugthunng. In dem betreffenden Aufruf heißt es: „Die Kultur des alten Morgenlandes, die Kultur von Ninive und Babylon gewinnt an und für fich wie durch ihre Beziehungen zu der biblischen, ägyptischen und altgriechischen Welt von Jahr zu Jahr ein höheres Interesse. Die. ihr gewidmete Forschung hat für die Geschichte der Menschheit so überaus wichtige Thatsachen ergeben, daß ein in Religion und Staat, Kunst und Litteratur reich gegliedertes Leben der Völker am Euphrat und Tigris an der Hand zuverlässiger Urkunden bis in ein hohes Merthum zurück verfolgt werden kann, das noch bis vor Kurzem für die menschliche Erkenntniß völlig unerreichbar schien. Das Studium der in Babylonien und Assyrien ausgegrabenen Kunst- und Litteraturdenkmäler hat unser Wissen von dem Werdegang der Menschheit um die Kenntniß vieler Jahrhunderte, man darf sagen — mehrerer Jahrtausende bereichert und einen Einblick in jene Urzustände eröffnet, in denen die Wurzeln unserer Kultur, der Zeitrechnung und Himmelskunde, des Maß- und Gewichtswesens sowie wichtige Theile der im alten Testamente niedergelegten religiösen Vorstellungen ruhen. Das in angelsächsischen Ländern so lebhafte Interesse für die Bibel hat diesem Studium die Aufmerksamkeit weiterer Kreise und damit eine mächtige Protektion zugewendet. Aber auch in Frankreich haben Regierung und gelehrte Vereine sich durch Errungenschaften auf diesem Gebiete stolze Ruhmestitel erworben. Die Säle der Museen von London, Paris und New-Iork zeigen der Mitwelt die Statuen der mächtigsten Herrscher jener Zeiten, eines Tiglatpileser, eines Nebnkadnezar und ihrer Götter sowie die Pracht ihrer Paläste. Die Unterzeichneten sind der Ansicht, daß für uns Deutsche die Zeit gekommen ist, an der großen Arbeit der Erschließung und Wiedergewinnung des ältesten Morgenlandes durch systematische Ausgrabungen in höherem Maße als bisher theilzunehmen und dadurch der deutschen Wissenschaft die für den Ausbau der orientalischen Archäologie nöthigen Materialien sowie unseren öffentlichen Sammlungen Denkmäler altasiatischer Kunst zuzuführen. Zur Verfolgung dieses Zweckes empfehlen sie die Gründung einer Deutschen Orient-Gesellschaft. Rach einem im Kreise der Unterzeichneten festgestellten Statutenentwurf, welcher der ersten Generalversammlung vorgelegt werden wird, verfolgt die Gesellschaft den Zweck: a) das Studium des orientalischen Alterthums im Allgemeinen, im Besonderen die Erforschung der alten Kulturstätten in Assyrien, Babylonien, Mesopotamien und anderen westasiatischen Ländern sowie Aegypten zu fördern; b) die auf die Erwerbung orientalischer Alterthümer, Denkmäler der Kunst und allgemeinen Kultur gerichteten Bestrebungen des königlichen Museums zu Berlin sowie vorkommendenfalls anderer öffentlicher Sammlungen im Deutschen Reiche zu unterstützen; c) die Kenntniß von den Ergebnissen der Forschungen über das orientalische Alterthum in geeigneter Weise zu verbreiten und das Interesse an diesem Theile ältester menschlicher Kultur zu beleben.

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