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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-28 · Heft 4 (28.1.1898) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 ein System herrschte, das die Rabbirrer als (juantite negligeable behandelt, auf Entdeckungsreisen nach einem Rabbiner sich begeben müffen, ohne dag auch nur das kleinste Kirchenlicht sich von ihnen entdecken ließe? Ist es bei der Abhängigkeit der äußeren Lage des Rabbinerstandes in Preußen und bei der noch größeren Unerquicklichkeit der inneren Gemeindeverhältniffe ein Wunder, daß die Vererbung des theologischen Berufes von Vater auf Sohn und Enkel bei uns eine so seltene Erscheinung geworden ist, und die Thora nicht seßhaft werden kann selbst in den Häusern und Familien der Rabbiner? Man fürchtet sich vor der Hierachie und erweist damit den Rabbinern eine Ehre, die sie dankend ablehnen werden, weil diese Furcht durch nichts in Geschichte und Tradition gerechtfertigt ist- Dagegen erscheint es angebracht, darauf aufmerksam zu machen, daß gegenwärtig in zahlreichen Gemeinden Deutschlands die schlimmste Sorte von Orthodoxie sich breit macht, deren Vertreter und Vertheidiger wahrlich nicht unter den Rabbinern zu suchen, nämlich die Bequemlichkeitsorthodoxie, die lebhaft an den Salon- Sozialismus erinnert. Männer, die schon mit einem Fuße außerhalb des Judenthums stehen, geberden sich plötzlich zur Ueberraschung ihrer nächsten Bekannten wie Altfromme, sie wollen das Judenthum „konserviren", nicht für sich, sondern für Andere, nicht aus Eifer, sondern aus Bequemlichkeit. Wäre es da nicht heilsam, wenn den nach ihrer überwiegenden Mehrzahl in Deutschland wenigstens noch immer fortschrittlich gesinnten Rabbinern Raum und Freiheit gegeben würde, der auf Curulaedilen sich breit machenden Bequemlichkeit zu begegnen und die trägen Wasser der Stagnation in Bewegung zu bringen? Man fragt, woher denn die Rabbiner ihr Mairdat genommen? Wir könnten mit der Gegenfrage antworten, woher denn die Gemeindebehörden, die ja nach Makower geschichtlich als die eigentlichen „Geistlichen" zu betrachten sind, ihr Mandat genommen haben.') Aber wir wollen zugeben, daß die Rabbiner selbst sich weder als Geistliche noch als Nachfolger der Priester betrachten, sondern, wie der Name sagt, als Nachfolger der Schriftgelehrten, die ihrerseits ihre Nachfolge zurückgeführt haben auf die Propheten. Auch die Propheten pflegte man, trotzdem sie von keiner Gemeinde auf kurzen, kündbaren Dienstvertrag angestellt tvaren, zu fragen: Woher habt ihr denn eigentlich euer Mandat bekommen? Und was haben sie darauf geantwortet? „Menschensohn, zum Wächter habe Ich dich berufen, warne die Gemeinde, denn aus meinem Munde hast du das Wort!" Die Rabbiner sind wohl nicht so unbescheiden, nach Macht und Herrschaft zu streben. Sie wollen nur, daß der einzig Sachverständige, in mancher Gemeinde der Einzige, der für das Judenthum ein tieferes und lebhafteres Interesse empfindet, da gehört werde, da in voller Unabhängigkeit und Freiheit ein mitentscheidendes Wort spreche, wo über das Judenthum und seine Zukunft zu Gericht gesessen wird. Der Mitarbeit von Männern, die aus dem Leben kommen, möchten sie dabei durchaus nicht entrathe», insofern sie nicht die Alleinherrschaft über das Judenthum beanspruchen. Wie dieses Zusammenarbeiten zu geschehen hat, dafür den glücklichsten Modus dürfte die Gesetzgebung in Baiern bieten, wo die Macht des Vorstandes beschränkt wird durch die Macht des Rabbiners, und die Macht des Rabbiners beschränkt wird durch die Macht des Vorstandes. Rabbinat und Verwaltung sind da zwei von einander unabhängige Instanzen, die sich gegenseitig das Gleichgewicht halten. Und nun zum Schlüsse, nachdem der Geist Jellineks in dieser Frage citirt worden, darf es wohl auch ein Mann wie der ') Wir bestreiten ganz entschieden, daß jemals bis zur Neuzeit innerhalb des JudenthumS der ungelehrte Vorsteher auch in religiösen Angelegenheiten eine Kompetenz hatte. unvergeßliche Joel beanspruchen, in dieser Frage gehört zu werden. In seinen nachgelassenen Predigten Bd. I, S. 39 ff. lesen wir: „Ich komme hier auf einen Punkt, der sehr beherzigenswerth ist, so beherzigenswerth, daß ich glaube, sollte er von den Gemeinden in Israel noch auf Jahre hinaus nicht beachtet werden, wir uns vergebens nach begabten Menschen umsehen werden, welche die religiöse Leitung derselben zu übernehmen willens sein werden. Das ist der Umstand, daß die Theologie weniger als Fachwissenschaft angesehen wird denn jede andere. Während wir es als völlig nnbegreiflich ansehen würden, wenn wir auf anderen Gebieten Demjenigen, der es sich zu seinem Fache erkoren, maßgebende Meinungen entgegenstellen, ist es uns in theologischen Fragen nicht zweifelhaft, daß wir völlig gerüstet, völlig mit allem Erforderlichen versehen dastehen. Unsere Zunft ist eine große, denn sie zählt so viele Mitglieder als Köpfe. Wohl, so werdet Ihr sagen, das ist ja natürlich, denn eine medizinische Ansicht zum Beispiel hat nicht Jeder, wohl aber eine religiöse. Sehr richtig, wenn es sich darum handelt, eine Religion im Allgemeinen zu prüfen. Wenn es sich aber darum handelt, innerhalb einer gegebenen Religion anzugeben, auf welchem Standpunkte der Entwickelung sie angekommen, wo sie gerade steht und was ihr noth thut, um sich weiter zu entwickeln, was sich mit ihren Lebensgesetzen verträgt rmd was den Nerv ihres Lebens schädigen könnte, da, sollte ich meinen, können doch nur Solche, welche die Bedeutung solcher Fragen für die vorhandene Religion und ihre Bekenner erlnessen, eine beachtenswerthe Meinung abgeben. Das ist ein Umstand,.dessen Uebertreibung die höchste Gefahr für unsere religiöse Entwickelung nach sich ziehen könnte. Ich halte es nämlich für einen wahren Segen, daß innerhalb des Jndcnthums eine scharfe Unterscheidung zwischen Geistlichen und Laien, zwischen Eingeweihten und Uneingeweihten nicht vorhanden ist. Schön sagen die Alten: „Die Krone des Königthums ist vergeben , die Krone des Priesterthums gleichfalls, aber die Krone der Lehre ist für Jeden da, wer sie sich nehmen will, der kann sie sich nehmen." Kein Seelsorger in Israel hat daher das Recht, im Namen der besonders ihm zutheil gewordenen Weihe Gehorsam, unbedingte Folge zu verlangen. Aber unbestritten sollte es ihm bleiben im Namen des Wiffens, im Namen des Faches, Beachtung seiner Meinung zu finden. Ich verkenne nicht, daß wir jetzt in einer Zeit leben, von der man nicht blos in Israel sagen kann, es sei „bizme sekskot haschoftim“, eine Zeit, wo man die Richter richtet, ich verkenne nicht, daß es einer gewiffen uns angeborenen Regsamkeit entspricht, wenn wir in allem eine Ansicht haben. Aber besser und heilsamer wäre es doch, wenn wir nicht anders verfahren wie auf allen Lebensgebieten, auf denen wir uns nur für maßgebend halten, wenn wir sie gründlich kennen gelernt." Die Woche. Berlin, 26. Januar. ie stark noch immer die antisemitischen Parteien arbeiten, davon hat man gewöhnlich in jüdischen Kreisen gar keine Vorstellung. Weil die. eigentlichen Radauversammlungen in Berlin und einigen anderer! großen Städten aufgehört haben, so glauben Viele, der Antisemitismus sei schon todt. Wir fürchten sehr, daß diese unverbesserlichen Optimisten bei den Wahlen recht unangenehme Ueberraschungen erleben werden. Ein Bild von der Stärke der judenfeindlichen Agitation, die ungestört im Kleinen, besonders auf dem Lande und in kleinen Provinzialstädten, arbeitet,

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