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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-21 · Heft 3 (21.1.1898) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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—— 36 gesenkt, den Blick zu Boden gehestet, saßen sie da, und alles Leben schien aus ihren Adern gewichen, nur ah und p entfloh der gepreßten Brust ein schwerer, beklommener Seufzer. vl.i- Da wurde mit plötzlichem Ruck die Thür geöffnet, die ins Mbenzimmer führte, und auf der Schwelle erschien ein junges MäkHhe». Erschreckt waren die Drei von ihren Sitzen emporgeschnellt, und als sie die Eintretende erblickten, malte sich tiefe Bestürzung mif ihren Zügen. „Jobäa!" rief im Tone höchster Angst der älteste der im Zimmer Bersammelten, ein Mann, dessen stramme Gestalt und aufrechte Haltung bis vor Kurzem noch nicht die fünfzig Jahre anmerken ließen, die er trug, den aber die Angst der letzten Tage um Jdhre altern gemacht, „Jobäa, mein Kind, welch Unterfangen! Du weißt, wir sind bewacht, von Spähern umgehen, weshalb verließest.'Du Dein verborgenes Gemach?" „Ach, Vater, vergieb," flehte das junge Mädchen, „ich vermochte es nicht länger in der einsamen Stnbe dort unten auszuhalten, ich glaubte zu vergehen vor Sehnsucht nach Euch . . . und dann wdllte ich mein Auge an den Lichtlein laben, die heute zum Feste angezündet werden." ’ „Und sehest Dich und uns in Gefahr!" unterbrach sie » der Bruder, ein Jüngling von schöner Gestalt und einem in seinen Jahren ungewohnten Ernste. „Nicht doch, Mutter," wandte er sich an die Matrone, die sich jetzt erhoben hatte, um die Fensterläden" zu schließen, „thu's nicht, das könnte erst recht die Aufmerksamkeit Mf uns lenken, leicht möchte sich Jemand in den Hof geschlichen hgben und es gewahren." , „Josua hat Recht," bekräftigte der Vater, „die Späher, die unser Haus Tag und Nacht nicht aus dem Auge lassen, könnten vermuthen, daß wir etwas vor ihnen verbergen wollen." „Das wir aber auch verbergen müssen," sagte tief aufseufz'end die Mutter, „geh' her, Jobäa, setze Dich daher, der Vorhang verbirgt Dich, und da kannst Du eine Weile mit uns bleiben, vorausgesetzt, daß ivir nicht noch späten Besuch erhalten, dann müßtest.Du rasch wieder in Deine Kammer, die ja so glücklich gelegen ist, daß sie Dich den Blicken der Späher verbirgt." „Wie lange noch, o Mutter," rief das Mädchen, indem sie 'sich an den bezeichneten Platz begab und die Hände der alten Frau mit heißen Küssen bedeckte, „soll ich von Euch getrennt leben und Euch, meine Geliebten, in Angst und Unruhe wissen?" „So lange es Gott dem Allmächtigen gefällt, seine Kinder zu züchtigen," entgegnete der alte Jsmael. „Was haben wir verbrochen?" seufzte die Mutter, „daß uns der Herr, unser Vater, heimsucht mit so harter Strafe?" „Versündige Dich nicht und frevle nicht an dem, was der Allmächtige in seinem unerforschlichen Rathschlnste über uns verhängt. Frevle nicht, sage ich, auch du, Jobäa, nicht, klagt nicht das Geschick an, denn noch ist das Maß der Leiden nicht voll, und vor mein ahnendes Auge ziehen Schreckbilder schwerer Heimsuchungfür das Volk Israel. Mir ist, als ob die kommenden Tage Tage ^es Unheils würden, Tage des Jammers und der Thränen, nur denen vergleichbar, die uns der grausame Titus beschieden. Noch ist das Maß der Leiden nicht voll, noch schwebt über den Kindern Israels blutiger Schrecken." „Halt ein, Vater!" rief angstbebend Jobäa, „wie, und es wäre noch nicht genug des Leids, wenn wir uns nicht auf die Straße wagen dürfen, wenn Du, Du Vater, der gottesfürchtige Mann, Du, dessen Name selbst von Heiden und Nazarenern geachtet und geehrt wird, den unsere Glaubensgenosse» verehren gleich einem Priester des Etvigen, wenn Du, sage ich, Dein Kind verberge» mußt vor den Spähern des Tyrannen?!" „Gott hat schweres Heimsuchung über uns geschickt," jammerte die Matrone, „möge er sie von unseren! Haupte nehmen und uns wieder froh werden lassen!" . „Du willst froh werden?" entgegnete mit dumpfer Stimme der Vater, „ich aber sage Dir, die Zeit der Freude ist vorbei für Israel! Seit sie unseren Tempel mit verruchter Hand in Flammen aufgehen ließen, seit das Allerheiligste in Schult nnd Trümmer sank, seit, jenem Tage hat Israels Herrlichkeit anfgehört, sie haben uns Jerusalem genommen, die Stätte des Glanzes nnd des Ruhmes unseres Volkes, wir haben keinen Boden mehr, ein irrend, suchend Volk, setzen wir unseren Fuß in feindliche Erde. Fern von der heiligen Stätte, die durch den Ruhm unserer Väter geweiht ist für die Söhne und Töchter Israels, niüssen die Kinder Israels sich in schweren Mühen ihr kümmerlich Brod erwerben, und die Töchter unseres Volkes müssen ihr Angesicht verbergen vor den Tyrannen." „Weh' uns, daß es Jobäa so schlecht gelang, sich zu verbergen!" kam es voll Bitterkeit aus Josuas Munde. „Schmähe uiiser Mädchen nicht," wehrte der Vater, „es ist Gottes Fügung; und hätte der Kaiser Jobäa nicht in de» Straßen gesehen, und wäre er nicht gierig nach unserem reinen Kinde, so träfe uns der Zorn Gottes dennoch und gleich hart. Es ist unnütz, sich anfzulehnen gegen göttliches Gebot; lastet uns ergeben die Heimsuchung ertragen und den Allmächtigen anflehen, das Aergste von unserem Haupte zu wenden." „Hat Dir Dein Flehen bisher genutzt, Vater? Leben wir nicht trotzdem in steter Angst und Betrübniß? Nicht mehr beten laßt uns! Laß uns handeln!" „Was willst Du beginnen, mein Sohn? Willst Du dem Tyrannen trotzen? Du Wurm im Staube, den sein rauher Fuß zertritt?" „Nicht trotzen, Vater! allein auch nicht stumm dasitzen nnd nutzlose Klagen zum Himmel senden, der uns ja doch nicht erhört! Ja, handeln! Mir stehen Freunde zur Seite, tapfere Söhne unseres Volkes. Mit ihrem Beistand nun will ich Jobäa aus den Thoren der Stadt bringen — ist sie erst aus Rom, dann gelingt es uns leicht, sie irgendwo in stiller Verborgenheit dem Auge des Wüstlings zu entziehen." „Und wenn man Euch verräth, wenn sie Dich tödten?" „Dann falle ich für Euch, für Israel, für eine Tochter Judäas!" „Ich soll mich von Euch trennen?" rief im Tone höchster Betrübniß das Mädchen, „soll auf Gott weiß wie lange Eueren theueren Anblick vermiffen? Nein, nimmermehr! Ich bleibe, Josua, mag Domitian mich finden." „Und mit Schmach beladen unser reines Haus, Jobäa? Es ist Gottes Wille, daß Du fliehst, sieh, der Vater kämpft eine» harten Kampf, und dennoch, er läßt Dich ziehen, eh' will sein Aug' Dich nimmer lebend sehen, eh' eine Tochter Israels zur Dirne eines Domitian erniedrigt würde. Blick hin, auch die Mutter willigt in die Trennung, wohl schweren Herzens, doch es thut »oth, Schwesterchen, und so Gott will, nicht auf lange!" „Der Jugend ungestümer Sinn verachtet die Gefahr. Doch geh', mein Josua, bringe Jobäa in Sicherheit, denn hier ist ihres Bleibens nicht, ich sehe schwere Tage kommen für unser Volk, mag das holde, tugendhafte Kind der Gefahr entrinnen." „Dank, Vater," rief in überströmender Heftigkeit der Jüngling, „Ihr werdet sehen, ich will Jobäa retten und von Euerem Haupte die Gefahr abwenden." „Der Ewige geleite Dich auf Deinen! Wege und gebe Dir und den Treuen Kraft und Stärke!" (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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