Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228261--54318-3290440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 Punkt in der Erfüllung der Messiashoffnung; denn die messianische Idee, die bei Anderen einer fernen Zukunft angehört, soll sich nach ihm bald verwirklichen. Diese Ablösung des Johannes durch Jesus ist der. eigentliche Inhalt der Legende. Sie aber scheut sich nicht, trotzdem beide zusammen wirken zu laffen. Eine solche gemeinsame Thätigkeit war dem modernen Dichter unbequem. Er mochte oder .mußte sich scheuen, Jesus auf die Bühne zu bringen. Da er aber seine durch Johannes erfolgte Taufe nicht entbehren konnte, so versetzte er sie ins Vorspiel. Freilich wird sie dort nicht als Handlung vorgeführt, sondern nur erzählt. Aber es scheint fast, als wenn der Dichter diese von ihm selbst erzählte Handlung vergessen hätte. Denn Johannes erregt sich mächtig, als er zufällig zuerst den Namen Jesus hört. Er, der durch die Vorgänge, die sich bei der Taufe Jenes abspielten, doch hätte merken müffen. daß an diesem Täufling sich seine Hoffnungen verwirklichten, verliert ihn aus den Augen und bekümmert sich nicht mehr um ihn. Nur durch einen Zufall erfährt er von Simon, dem Galiläer — die Person war auf dem Theaterzettel der ersten Vorstellung nicht vermerkt (auf den späteren ist sie nachgetragen)» doch konnte Keiner im Zweifel sein, daß es Rittner war, der die wenigen Worte ganz meisterlich sprach —, die Lehre von der Liebe und erkundet nicht ohne Mühe einfältige galiläische Fischer, die ihm von dem seltsamen Treiben des Mannes am See von Genezareth berichten. (Sollten es etwa diese in etwas wegwerfendem Tone gehaltenen Mittheilungen der in ihrer Gesetzestreue empörten Juden gewesen sein, die der Polizei das Einschreiten gegen das Stück angerathen und dem letzteren eine werthvolle, aber auf die Dauer doch nicht ausreichende Reklame verschaffen? Denn daß, wie man erzählt, das Schlußbild es gewesen sei, den Einzug Jesu darstellend, wovon man glücklicherweise nur die palmenschwingenden Hände erblickt, das polizeiliches Aergerniß hervorgerufen habe, kann ein Vernünftiger kaum begreifen.) Die Lehre von der Liebe, die Johannes zufällig vernimmt, vollzieht einen Umschwung in dem Denken des starren Mannes. Er erkennt seine bisherige Lehre wie sein Leben als verkehrt. Aber die Wirkung, die diese Lehre übt, ist eigentlich nur eine, die sein Handeln, nicht sein Schicksal bestimmt. Kraft ihrer läßt er den Stein sinken, den er i» hoch erhobener Hand hält, stehend auf den Stufen des Tempels. Doch es bleibt ein unwirksamer Theaterkoup, daß er diesen Stein, statt ihn gegen den Herodes zu schleudern, zur Erde gleiten läßt, unwirksam auch für ihn. Denn sein Schicksal ist besiegelt. Es gemahnt etwas stark an Schillers „Tell", daß Der, der gar kein Verbrechen gethan, blos weil er es gewollt, aber nach eigenem Vorsatz es aufgegeben hat, doch bestraft wird, als hätte er es ausgeführt. Aber dieser geistige Kampf zwischen der neuen Lehre, die ihm aufdämmert, und der alten, von der er, wenigstens nach den Andeutungen seines Dichter-Biographen, nur recht sch>vache Vorstellungen hat, wird gar nicht zum Inhalt des Dramas. An die Stelle dieses Kampfes tritt, wie schon gezeigt ist, der Kampf von Macht und Liebe gegen Entsagung und Weltabgewandtheit. Nur jener Kampf dagegen wäre der wirkliche Inhalt des Johannes-Spiels gewesen: der Kampf der jüdisch-nationalen gegen die christliche Welanschauung. In der Seele des Johannes hätte er geliefert werden müffen, wenn der moderne Dichter nicht, allzu getreu den gebieterischen Vorschriften neuer Technik, auf Monologe verzichtet hätte. Hier wäre Platz gewesen, das Gähren in dem Helden, das Weichen der Unentschlossenheit und die Versuche zum Aufraffen in ähnlicher Art, um gleich die größten Vorbilder zu nennen, darzustellen, wie in den Monologen des „Hamlet" und des „Faust"! Und noch ein drittes Analogon drängt sich dem Litterarkundigen in den Sinn: Schillers „Demetrius". Zwar verlangt der russische Thronkandidat weltliche Herrschaft und Ehre für sich, während Johannes nur geistige Kronen für einen Höheren begehrt, aber Beiden gemeinsam ist der Glaube an sich, Beiden, als Geschöpfen der Dichtkunst, mußte verderblich werden der Beginn des Zweifels. Schiller wurde an der Ausführung seines hohen Planes durch das neidische Geschick verhindert. Er starb mitten in der Arbeit, die, wie die erhaltenen Fragmente zeigen, fruchtreich gewesen wäre; denn er war durch eifrige Studien für sein geschichtliches Drama vorbereitet, und er war ein Dichter. Suderniann kennt die religiösen und geschichtlichen Zustände zu wenig, die den Boden seines Dramas bilden müßten, und er ist zwar ein sehr begabter Mann, aber doch nur ein geschickter Techniker. Das wirkliche Johannes-Spiel und besonders das Drama des jüdischen Mannes Johannes ist noch ungeschrieben. EUILLETON fSÜSSH I Aus bangen Tagen. Historische Erzählung aus der römischen Uaiserzeit. Bon Carl Griot. III. f er Abend hatte sich gesenkt und hüllte die Straßen der Riesenstadt in dunkle dämmerige Schatten. Aus den Plätzen war es stiller geworden, die geschäftige Menge, die sich tagsüber in den Straßen tummelte, ruhte jetzt ans von den Mühen des Tages. ■ Ab und zu wurde eine Sänfte sichtbar, die einen Vornehmen zu irgend einer Lustbarkeit oder einem späten Gastmahl trug, dann wurde es still bis auf den gleichmäßigen Schritt der Wachen, die für die Sicherheit der Einwohner zu sorgen hatten. Namentlich in den Straßen, die zumeist von Juden bewohnt waren, herrschte lautlose Ruhe. Die Bewohner dieses Viertels liebten es nicht, sich des Abends noch in den Straßen zu ergehen und, wie dies auch zuweilen der Fall war, die rohen Späße zügelloser Söldner über sich ergehen zu laffen, oder gar in Händel verwickelt zu werden, die sich ja doch stets für sie gefahrdrohend gestalteten. Aus diesem Grunde suchten sie stets zeitig ihre Wohnungen auf, aus denen auch zumeist nur spärliches Licht in die Höfe drang. Heute aber konnte man durch die Fenster nebst der Oellampe. die die Wohnungen beleuchtete, auch noch vier kleine Flämmchen erblicken, die mit mildem Glanze leuchteten. Es 'war der vierte Tag des Chanukahfestes, und wenn diese Zeit auch keine eigentliche Festeszeit war, so verbreitete dennoch das Gebot des Lichtanzündens etwas von der stillen Weihe des Sabbaths in der Judengasse. In einem Hause, das sich von den anderen in den umliegenden Gaffen durch zierlichere Bauart wie durch eine prunkvollere Einrichtung auszeichnete, da war von der stillen, freudigen Weihe des Lichterfestes nichts zu gewahren. Wohl brannten die Flämmchen, und ein hoher vergoldeter Kronleuchter goß sein Licht in die geräumige Stube, allein Ernst und trostlose Verzweiflung war auf den Mienen der in der Stube Versammelte» zu lesen. Tiefes Schweigen herrschte in dem Gemach, das nur durch das Knistern der Lampe unterbrochen wurde, nichts regte sich, und dennoch befanden sich drei Personen in dem Raume. Lautlos, das Haupt