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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-21 · Heft 3 (21.1.1898) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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antike Anschauung ausstaffirten und damit verunzierten, betonte er das Recht des Dichters, die Vorgänge frei zu gestalten. Der berühmten Rezension Schillers gegen Goethes Egmont, die in dem Vorwurf der Ungeschichtlichkeit der Ereignisse gipfelt, hätte er sicher, wenn er sie erlebt hätte, seine Zustimmung versagt. Nur Charaktere und Situationen habe der Dichter zu wahren, Personen könne er frei gestalten nnd Geschehnisse erfinden. Es ist nicht leicht, den Modernen mit Lesstng zu imponiren. Aber wir, die wir manches erlebt haben, glauben auch an das Wiedererscheinen von Lessings Regiment in mehr als einer Beziehung. So wenig wir uns von Autoritäten imponiren lassen, es ist schwer, in Theaterdingen auf den Einfluß des Mannes zu verzichten, der ein verkörperter Theatermensch war — vielleicht mehr als mancher gegenwärtige Theaterdirektor. Das jüdische Volk ist der erste Kreis, mit dem ein Johannesspiel-Dichter zu thun hat. Aber das neue Spiel ist kein jüdisches Volksdrama. Ein Drama verlangt Handlung und Entwickelung; hier hat das jüdische Volk nur ein paar Szenen. In diesen Szenen aber entwickelt sich nichts. Das jüdische Volk, wie es Sudermann schildert, hat Empfindungen der Liebe und des Haffes'. Haß fühlt es gegen Herodes, den Eindringling, der die jüdische» Gesetze verletzt und trotz dieses frechen Hohnsprechens den Tempel zu betreten wagt. Haß fühlt es gegen die Priester. Seine Liebe lind seine Begeisterung wendet es dem Prediger, dem Propheten Johannes, zu. Es giebt keine Steigerung in diesem Haß und in der Liebe. Nur ein Schwanken giebt es. ein Irrewerden an seinem Liebling, ein Schwanken, das aber für die Handlung gleichgiltig, nichtsbedeutend ist. Man braucht mit Sudermann nicht zu rechten, daß er ein Häuflein des damaligen Volkes für das Volk hält. Man soll ihm keinen Vorwurf machen, daß er in glücklicher Unwissenheit gegenüber aller niodernen Forschung dieselben Zerrbilder von Pharisäern zeichnet, wie sie vor Jahrzehnten allgemein galten. Auch soll man ihm nicht verübeln, daß seine Volksszenen allzu treu im allgemeinen Aufbau und im Einzelverlauf an den Typus erinnern, der seit Shakespeares „Julius Cäsar" und Goethes „Egmont" unverrückbar festzustehen scheint. Aber was man ihni billigerweise verdenken darf, ist, daß er zu einer jüdische» Volkstragödie nicht den geringsten Anlauf genommen hat. Was zu schildern war, das war auf der einen Seite der nationale Gegensatz gegen das Römerthum und seine Spießgeselle», auf der anderen Seite der religiöse Kampf nicht blos zwischen Gesetzesstarre und Messiashoffnungen, sondern zwischen der glücklichen Beschränktheit einer Volksreligion und den damals unklaren Utopien eines Menschheitglanbens. Herodes und die Seinen sind der zweite Kreis. Auch eine Herodes-Tragödie hätte Platz in einem Johannes-Spiel. Herodes haßt die Römer und die jüdischen Priester. Beide braucht er, und eben deshalb, weil er sie nicht entbehren kann, weiß er sich mit beiden zu stellen. Im Haß also hat er Gemeinsames mit Johannes, wenn der unpolitische Prediger auch nicht nöthig hat, sein Haßgefühl zu verbergen. Gerade der Gemeinsamkeit dieser Empfindung wegen wähnt Herodes, in unserem Spiel eine Zeit lang genieinsam mit Johannes Vorgehen zu können: er erleichtert ihm seine Gefangenschaft und beschäftigt sich mit Plänen, sich seiner zu bedienen. Das aber ist nicht die Herodestragödie, die ein Dichter unternehmen könnte. Sie dürfte darin bestehen, daß Herodes die eine Partei gegen die andere ausspielt (Römer gegen Juden oder umgekehrt) und in dem Kampf untergeht. Denn er muß untergehen, weil er Vertreter einer Partei ist, die in dem Wettstreit mit Weltmächten keinen Bestand haben kann. Das Welthistorische wird aber in unserem Spiel ins Kleinliche verzerrt. Herodes ist ein Lüstling, der sich nur Momente lang an Ernstes erinnert, ein kleingeistiger Gernegroß, der nur selten wirklich Großes zu denken wagt. Daß er Herödias, die er entführt und zu seinem Weibe macht, nicht mehr liebt, weil er sie genossen hat, und seine Stieftochter Salome lüstern begehrt, weil er sie als verführerische Jungfrau erblickt, ist ein echt Sudermann'scher Zug, aber schmeckt mehr nach einem modernen Hinterhaus-Drama als nach einer antiken Tragödie. Bleibt das JvhanneS-Drama. Auch dieses ist Sudermann uns schuldig geblieben. Die Handlung ist gering, und so blieb dem Dichter übrig, sie zu vermehren. Die Handlung zerfällt in eine innere und äußere. Die äußere ist durch die Evangelien gegeben. Sie besteht im Grunde darin, daß Johannes der' Täufer einen Anhang unter dem Volke gewinnt, auf einen Höheren hinweist, „der da kommen soll"; und stirbt. Er stirbt nicht eigentlich als Märtyrer, sondern halb als Opfer einer Weiderlaune. Sein Tod auf Anstiften der Herödias bleibt unbegründet. Der Dichter motjvirt ihn auf moderne Weise. Seine Opferung wird von Salome, der Tochter der Herödias, erbeten aus verschmähter Liebe. Diese Salome ist ein Geschöpf des Dichters, vielleicht, wie Georg Brandes zeigte in dem einzigen wirklich litterarischen Urtheil, das am Tage nach der ersten Vorstellung gedruckt wurde, nicht ohne Einwirkung Heine'scher und Flaubert'scher Vorbilder. Sie ist ein sinnliches Geschöpf, in der Verderbtheit unb Schwärmerei mit einander kämpfen. Sie küßt, wenn sie haßt, und tödtet, wenn sie liebt. Aber die Szenen, — glänzende Bilder, die glänzend bleiben, auch wenn Frau Sorma sie nicht bestrahlt — in denen diese Liebe geschildert wird: die eine, wo ihre Leidenschaft für Johannes aufflammt, die zweite, wo sie ihre Liebe erklärt und abgewiesen wird, die dritte, in der sie den auf ihre Bitten verurtheilten Johannes zwingen will, sie um Rettung anznflehen, noch ungewiß, ob sie ihn erhört oder verdirbt, alle diese Szenen gehören einem Salome-, nicht einem Johannes-Drama an. Denn die Zugehörigkeit zu einem solchen würde erst erwiesen, wenn Johannes an diesen Werbungen innerlich Theil nähme. Er aber ist ein starrer Tugendheld, kampf- und wunschlos. Er sieht die Schönheit, ohne sie zu begehren. Er ringt nicht mit ihr, so daß er nicht einmal siegt, so wenig er unterliegt, er weist sie einfach ab, weil er sie nicht beachtet und nicht kennen will. Das aber ist das am schwersten wiegende Bedenken gegen dieses Johannes-Spiel: die dürftige äußere Handlung, dürftig trotz aller glänzenden Bilder und manches modernen Aufputzes, wird durch keine innere ersetzt. Eine Johannes-Tragödie müßte ein Dichter schaffen. Sie könnte eine menschliche, um nicht zu sagen sinnliche, oder eine geistige sein. Zur Erfindung der menschlich-sinnlichen gehörte kühner Wagemuth des Poeten. Sie könnte in den Spuren weiter gehen, die Sudermann zuerst gewandelt. Johannes.müßte Augenblicke der Schwäche mit dem Tode bezahlen. Den Schmeicheleien des Herodes, den Werbungen der Salome wäre er nicht gewachsen; die Lockungen der Herrschaft und des Genusses hätten es ihm angethan. Macht und Liebe, die so manchem Schwärmer verderblich wurden, bewiesen auch ihm ihre verrätherische Macht. Denn Verräther müssen sie auch ihm werden. Sie locken ihn und richten ihn zu Grunde. Ob ein Weib ihn tödtet, ob Römer und Juden ihn verderben, das gilt gleich: er ist gerichtet, weil er, wenn auch nur im Traume, der Sinnlichkeit Unterthan wird. Aber es giebt auch ein geistiges Johannes-Drama. Die Legende kennt es nicht. Sie berichtet nur von dem jüdischen Schwärmer, der in den Lehren kein Reformator, kaum ein Veränderer des Judenthums ist. Was ihm eigen ist, das ist eine äußere Ceremonie, die Wassertaufe, mit der kein Bekenntniß verbunden ist, und der Zeit-

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