Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228261--54316-3290438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wort: Wollte Johannes seine Sauf Arbeit hier verrichten, er würde an einem Abend nicht fertig werden. Aber nicht blos das Publikum gewährte einen jüdischen Eindruck. Nimmt man die Mar römischen Soldaten aus — es sind kläglich wenig, und die sonst an jenem Abend so verschwenderische Regie hätte etwas mehr thun können —, einen römischen Legaten und dessen Begleiter und die Jdumäerfamilie des Herodes sowie seine Höflinge, einen griechischen Rhetor und einen syrischen Narren, so agiren nur Inden auf der-Bühne. Bettler und Pilger, Händler und Volk, waffertragende Mädchen und am Hof dienende Frauen, Priester und Gläubige, Bürger, ja selbst der Kerkermeister, Alle sind Juden. Der Jude auf der Bühne, das ist ein oft behandeltes und nicht immer richtig erfaßtes Thema. Zwei scharf abgegrenzte, einander entgegengesetzte Typen stehen sich hier gegenüber: der edle Jude und der Schacherer. (VonShylock, als einem zu komplizirten Charakter, sei hier nicht die Rede.) Der Letztere, der als listiger Händler jeden erlaubten Vortheil zu ziehen oder als Wucherer seine christlichen Opfer zu verderben sucht, und der in beiden Stellungen als Gegenstand des Spottes und der Verachtung dient, wird gewöhnlich in möglichst grotesker Forin vorgeführt. Schon sein Aussehen soll lächerlich wirken. Infolgedessen erscheint er in langem Rock, mit Löckchen, mit allen traditionellen Attributen des polnischen Juden. Seine Bewegungen, seine Sprache sind, da sie zum Lachen reizen sollen, jenem möglichst nachgeahmt. Wer diesen Typus am meisterhaftesten ausgebildet sehen wollte, der brauchte nur Reicher als Handelsjuden in Nestroys „Lumpacivagabundus" zu sehen, der au§ einer unbedeutenden episodischen Figur eine künstlerische Leistung ersten Ranges schuf. Ganz anders steht es mit dem edlen Juden. „Der Jude" in dem gleichnamigen Cumberland'schen Schauspiel, besonders aber der in Leffings Lustspiel „Die Juden" und im Schauspiel „Nathan der Weise", sind Idealfiguren. Sie sind Verkörperung einer Tendenz. Sie sindbestimmt, dem Vorurtheil entgegenzutreten, als sei der Jude, feiner Abstammung oder seines Glaubens wegen, nicht fähig, eine hochherzige Handlung zu üben, sich für Andere aufzuopfern, dem Guten den zeitlichen Vortheil aufzuopfern und dem Edlen sein ganzes Leben zu weihen. Sie sind Menschen, durch nichts von den übrigen Personen des Stückes unterschieden, auch nicht einmal durch ihre Tracht — denn sonst könnte ja int Lefsing'schen Lustspiel der Jude nicht so lange unbekannt bleiben. Trotzdem hat die Tradition, die in diesen Dingen oft mächtiger ist als verständige Ueberlegnng, die Sitte geheiligt, auch hier den Juden mauscheln zu laffen, zum Mindesten seinem Dialekt eine jüdisch-undeutsche Färbung zu geben. Der große Schauspieler Jffland — denn der kleine Dichter war als Schauspieler wahrhaft groß — exzellirte als „Schema" in jenem englischen Stück auch durch die treue Wiedergabe des Jargons. Die Nathan-Darsteller, die ich gesehen habe, Döring und Sonnenthal, suchten den Zuschauern schon durch die Tracht, besonders aber durch Handbewegung und Tonfall, den Juden vorzuführen. Ein solches Verfahren lönnte man allenfalls gelten lassen. Bloße Empfindlichkeit dagegen geltend zu machen, geht nicht an — ich will freilich gestehen, daß mich Dörings Jüdeln in höherem Grade genirt hat als das Sonnenthals, nicht blos, weil cs übertriebener war, sondern weil cs von einem Nichtjuden herrührte —, und vielleicht gehört eine besondere menschliche und poetische Feinfühligkeit dazu, im Genüsse schöner, echt menschlicher Worte durch eine» nicht rein deutschen Tonfall gestört zu werden. Man könnte dieses Verfahren gelten laffen, weil inan sich sagt: in allen diesen Fällen st ht der Jude als Jude der Masse der übrigen Mitspielenden gegenüber. Er ist ein Einzelner, der von der Gcsammtheit unterschieden werden soll. Dies Unterscheidende nicht nur durch das Aussehen, sondern auch durch die Sprache zu markiren, ist immerhin nicht völlig unberechtigt. -Ganz anders steht die Sache in unserem Fall. Hier sind, wie bereits erwähnt, die meisten Mitspielenden Juden. Wäre bei der Regie- Logik vorhanden, so hätte verlangt werden müssen, daß die von dem Gros Abweichenden, also die wenigen Römer und, wenn man will, auch der Jdumäerfürst Herodes, einen leichten ausländischen Accent zu Gehör brächten. Welche Thorheit — um das mildeste Wort, zu wählen, denn es ist in Wirklichkeit die gröbste Versündigung gegen Vernunft und Geschmack — liegt aber darin, daß jüdische Händler und Priester, daß Pharisäer und Kerkermeister zu jüdeln versuchten! Man mag zugeben, daß der kleine Herr Thielscher, der, wenn er auch schwerlich jemals an komischer Kunst Herrn Engels erreichen wird, doch durch feinere Komik die groben Späße von „Charleys Tante" vergessen zu machen sucht, seine Sache vortrefflich macht, und daß Herr Müller, ein ausgezeichneter Künstler, den man gern immer in Hauptrollen sehen möchte, trotz Mauschelns eindringlich und überzeugend genug spricht. Aber welcher Mißgriff lag darin, den Genannten eine Anwendung jüdischen Dialekts zu gestatten! Ich habe vor einigen Tagen in demselben Deutschen Theater von denselben Schauspielern Max Bernsteins sinnigen und duftigen Mädchentraum gesehen. Das Stück spielt bekanntlich in Spanien- Sprechen aber etwa da die Schauspieler ein spanisch angehauchtes Deutsch? Was würde die Regie dazu sagen, wenn es Herrn Thielscher einfiele, in seiner Rolle als spanischer Hofmarschall nicht blos spanisch zu kommen, sondern auch spanjsch zu reden? Was indessen dem Spanier recht ist, ist dem Juden billig. Es ist ein grobem Unverstand, einige Juden einen leichter oder stärker gefärbten Dialekt sprechen zu lassen, andere nicht; es ist eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit, in diesem in Jerusalem und Galiläa spielenden Stücke die Juden überhaupt etwas anderes als reines Deutsch reden zu lassen; genau dieselbe, als wenn in einem Shakespearischen Königsdrama die sämmtlichen Schauspieler das Deutsche anglisiren wollten. Doch dieser Tadel trifft nur die Regie, die sonst nicht getadelt, sondern gelobt sein soll. Sie hat ihre Sache gut gemacht und an Kostümen und Dekorationen nicht gespart. Herr Kainz trägt ebenso echte Lumpen wie Frau Sorma schwere und kostbare Stoffe. Ob die Vorhalle zum Tempel in Jerusalem wirklich so ansgesehen hat, will ich nicht untersuchen. Ich lege auch keinen großen Werth darauf, festzustellen, ob unmittelbar an der königlichen Burg ein Tephillin - Laden (29 Jahre nach der bürgerlichen Zeitrechnung) sich befinden konnte, und ob der damals lebende, Tag und Nacht im Gesetze forschende Häirdler wirklich in einem Buche zu lesen vermochte, das in Papier und Einband eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einem modernen Kontobuche hat; derartige Zeitwidrigkeiten stören höchstens für Augenblicke den künstlerischen Genuß. Dieser aber, hervorgebracht durch die Leistungen der Schauspieler und unterstützt durch die Zuthateu der Leitung, soll und muß in erster Linie erzeugt werden durch den Dichter. Der Dichter — mau muß mit diesem üblichen Ausdruck, weil er der kürzeste und gangbarste ist, einen Tragödienschreiber bezeichnen — hat in einem Johannesspiel drei Kreise zu zeichnen: das jüdische Volk, Herodes Antipas und seine Angehörigen und Hofleute, Johannes und die Seinen. - „Ein Anderes," sagt Lessing, „ist der Dichter, ein Anderes der Historiker." Den großen französischen Tragikern des 17. und 18. Jahrhunderts gegenüber, die sich entweder sklavisch an die Geschichte klammerten oder durch kleinliche moderne Erfindungen die