Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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geprägtes Rechtsgefühl, das über die herrschende Sittenlosigkeit empört ist : Gott ist ihm ei» Gott der Gerechtigkeit, der gerechte Weltenrichter, er straft mmachsichtlich jedes Unrecht, auch bei seinem Volke, das er ,,auserwählt" hat. Damit ist der Uebergang zu Abschn. 2 (Kap. 3) gefunden, in dem der Prophet diesen Punkt einer eingehenden Betrachtung unterzieht (V. 1—8). Den Gedankengang dieser Verse den Schülern klar zu machen, hat große Schwierigkeiten. Wer davor zurückschreckt, laste wenigstens die beiden ersten Verse lese» und erkläre sie eingehend. Ich deute den Gang der Erklärung nur in großen Zügen an: Der Prophet will dem Einwande begegnen, er sehe zu schwarz, da Gott doch nie zulasten werde, daß sein Volk untergehe — eine Behauptung, die von „falschen Propheten" (Partei des Amazja Kap. 7, 10 ff.) oft genug ausgesprochen sein mag (vergl.- auch Abschn. 3, 14 (Kap. 5, 14): „ihr rühmt euch, der Ewige Zebaoth sei mit euch"). Amos bezeichnet eine solche Annahme als ganz falsch; er sagt: „Gott selbst will das sündhafte Volk Israel strafen, weil er es „auserwählt" hat (V. 2). Der Gedanke wirkt in dieser Wendung überraschend und verblüffend. Der Prophet hält es deshalb für nöthig, ihn zu erklären und zu begründen: Erführt in V. 3 — 6 in zahlreichen rhetorischen Fragen ganz im Allgemeinen aus, daß nichts in der Welt ohne Ursache geschehe. Auf den vorliegenden Fall int Besonderen angewandt, ergiebt das mit Bezug auf V. 2 den von Amos nicht ausgesprochenen, aber zu ergänzenden Gedanken: „Auch das drohende Unglück, — das immer Gott verhängt (V. 6 gegen Ende) — hat seine Ursache, nämlich weil das Volk sich seiner Auserwähltheit unwürdig gezeigt hat." Dies muß der Prophet verkünden, ob er will oder nicht, denn „Gott hat geredet" (V. 8). — Die Häufung und die Dringlichkeit der in V. 3 — 8 zur Veranschaulichung gestellten Fragen beweist, wie sehr dem Propheten daran gelegen ist, gerade davon das Volk zu überzeugen. Und dies Wort des Propheten hat seinen Werth nicht nur für seine Zeit; er hat der Wendung „Auserwählung des Volkes Israel" für alle Ewigkeit ihre einzig richtige Deutung gegeben. (Fortsetzung folgt.) Aer Fall Areyfrrs rm Lichte der jüdischen Gesetzgebung. Von Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw. II. ßrrare humanum est! Vom gerichtlichen Jrrthum, und zwar vom Jrrthum des „Obergerichts", später Synhedrion genannt, spricht die Bibel an zwei Stellen, im dritten und vierten Buche der heiligen Schrift. Im dritten Buch (Kap. 4,13—15) heißt es: „Wenn aber die ganze Gemeinde Israel sich irrt, indem eine Sache verborgen war vor den Augen der Versammlung, und sie thun eins von den Verboten des Ewigen, die nicht gethan werde» sollen, und sie verschulden sich, und es wird die Sünde kund, die sie begangen, so soll die Versammlung darbringen einen jungen Farren zum Sühnopfer" . . . „Die ganze Gemeinde", lehrt die Tradition (Sifra z. St.), darunter versteht man das Obergericht, das ans 71 Mitgliedern bestehende Synhedrion. Wenn sich diese 71 Männer in Bezug auf die einunddreißig bei Strafe der „Ausrottung" verbotenen Vergehen irren und der Gemeinde erlauben, was religiös so streng verboten, z. B. die sechsuttdzwanzig Verbote der Blutschande, Entweihung des Sabbath, des Versöhnungstages, Genuß des Ungesäuerten am Pastah, Genuß von Unschlitt, Blut u. s. w., in diesen Fallen des Jrrthums von GDWWNDWWGWWW>>^M^E 31 Seiten des Obergerichtes hat das Obergericht ein Sühnopfer darzubringen. Im vierten Buch aber (Kap. 15 , 22 — 26) heißt es: „Und so ihr euch irret und nicht thut all diese Gebote, die der Ewige zu Mosche geredet hat, so geschehe also, wenn vor den Augen der Gemeinde es aus Jrrthum geschehen ist, so opfere die ganze Gemeinde einen jungen Farren als Ganzopfer, unu der Priester sühne die ganze Gemeinde der Kinder Israel, und es wird ihnen vergeben sein, denn ein Jrrthum ist es. Und es wird vergebender ganzen Gemeinde und dem Fremdling, der unter ihnen weilt, denn, bei dem ganzen Volke geschah es aus Jrrthum. . ." Hier im vierten Buche, lehrt, die Tradition (Sifre z.St.), handelt es sich wieder um den Jrrthum des Obergerichts oder Synhedrions; aber lim einen einzelnen, speziellen Fall, lind zwar handelt es sich hier ausschließlich um das Verbot des Götzendienstes. Wenn das Synhedrion sich geirrt und dem Volke Götzendienst erlaubt hat, dann haben Synhedrion und Volk die Sühnopfer zu bringen. Diesen obergerichtlichen Jrrthümern widmet die Halacha — Mischuah und Talmud — einen besonderen Traktat, genannt „Horajoth". Wir würden von diesem Traktat, im jerusalemischen wie im babylonischen Talmud. kaum ein einziges Wort verstehen, Mischnah und Gemara wären uns ein unlösbares Räthsel, wenn nicht Nachmanides in seinem Kommentar zur Bibel, im vierten Buche an genannter Stelle, das Gebiet einigermaßen erhellt und erleuchtet hätte. Wie ist es möglich, muß sich jeder vernünftige Mensch fragen, daß ein Synhedrion sich in Bezug auf die schwersten, bei Strafe der Ausrottung verbotenen Vergehen irren, daß ein Synhedrion dem Volke erlauben kann, was so klar und deutlich, so strenge und nachdrücklich in der heiligen Schrift verboten ist? , Was für ein Synhedrion ist das, das in dieser Weise irrt, und was für ein Volk, das sich in dieser Äeise irre führen läßt? Da lautet z. B. eine Mischnah in Horajoth (S. 31»): "^"2 mm mts1 p* mm ma px i öx, epn Sd nx nprS „mm Tr px Wenn das Obergericht irrthümlich das Gebot mitsammt der Wurzel ausreißen wollte, wenn sie z. B. lehren wollte: Es giebt kein Niddah-Gebot, kein Sabbath-Gebot, kein Götzendienst-Gebot in der Thora; man könne also den Sabbath entweihen, den Götzen dienen und sonst zügellos der Sinnlichkeit fröhnen; in diesem Falle braucht das Obergericht kein Sühnopfer bringen, denn die heilige Schrift, spricht nur von dem Fall, wo ein Theil, eine Seite des Verbotes irrthümlich als „erlaubt" bezeichnet wird; davon aber, daß ein Gesetz überhaupt, ganz und gar, mit Stumpf und Stil aufgehoben, aus der Welt geschafft wird, davon spricht die Thora nicht! Also das Synhedrion lehrt irrthümlich, es giebt kein Sabbath-Gesetz, kein Götzendienst-Gesetz u. s. w. Muß nicht Jeder erstaunt und verwundert fragen: Was für ein Synhedrion und was für ein Jrrthum ist das? Ist das noch im Bereiche der Möglichkeit? Nachmanides in seinem Kommentar zur Bibel (4. B. M. 15,22) erklärt die Möglichkeit solchen „Jrrthums", indem er sagt: Das Obergericht z. B. könnte in dem Jrrthuni befangen sein, daß die Gesetze und Gebote der Thora nur für eine bestimmte, begrenzte Zeit und nicht für die Ewigkeit gegeben seien, sie haben also mit der Zeit ihre Bedeutung, ihre Giltigkeit verloren, und deshalb lehren sie, man brauche heute keinen Sabbath mehr zu halten, keine Niddah zu halten u. s. w. . . . Oder das Obergericht war, wie cs im Sifra heißt, im Jrrthum befangen, Gott habe die.Gebote gegeben, ui» den Menschen für die Uebung der Gebote zr> belohnen; nun könne aber jeder Einzelne sagen, ich verzichte auf den verheißenen Lohir und will die Last, das Joch der Gebote und Verbote tragen. Oder endlich