Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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schallen, daß die Triften der Hirten trauern und der Gipfel des Karmels verdorrt." Hier setzt die Lektüre ein. Ich setze voraus, daß Auerbachs „Schul- und Hausbibel" zu Grunde gelegt wird. Wie viel Kapitel oder was aus einzelnen Kapiteln gelesen werden soll, darüber läßt sich kaum etwas Verbindliches festsetzen; es hängt das zu sehr von der Zeit, die dem Lehrer zur Verfügung steht, oft auch von der geistigen Fähigkeit der Schüler, die jeweilig unterrichtet werden, ab. Hauptaufgabe der Lektüre ist, die wichtigsten Gesichtspunkte, auf die es den Prophetei« in ihren Reden ankommt, den Schülern klar zu machen: sie müffen erkennen, was der betreffende Prophet anstrebt, mit welchen Mitteln er arbeitet, und was er erreicht. Dazu gehört, daß nicht nur die äußeren und inneren Verhältnisse der Zeit eingehend klargelegt iverden, sondern es ist auch an der Hand des betr. prophetischen Buchs zu verfolgen, wie das Volk die prophetische Rede aufnimmt, welche Strömungen und Stimmungen die Thätigkeit des Propheten erschweren beziehuugsiveise begünstigen. Hat der Unterricht dies vermittelt, fo kommt es auf ein Mehr oder Weniger der gelesenen Kapitel gar nicht an: oft genügt, wenn an ein oder zwei Kapiteln der Gedankengang klar gelegt ist, aus den übrigen Kapiteln, die den gleichen Gedanken ausführen, nur einige nach Form oder Inhalt besonders schöne Stellen hervorzuheben. — Um im Allgemeinen eine feste Grundlage zu gewinnen, wird man das Anrosbuch, das zuerst gelesen wird, recht eingehend behandeln. Das soll nicht heißen, daß alle Kapitel desselben ausnahmslos durchgearbeitet werden müffen. Auch die Reihenfolge der Kapitel in der Heiligen Schrift ist für den Lehrgang nicht maßgebend, ebenso weirig die Zeit der Abfassung einzelner Kapitel oder Theile eines prophetischen Buches: was am deutlichsten den Zweck, den der Prophet in seinen Reden verfolgt, erkennen läßt, wird zuerst gelesen (im Jesaja z. B. Kap. 6), und Stellen, die dem Stoff und Gedankeninhalt nach ver- «vandt sind, können zusammen behandelt werden, auch wenn sie sich an verschiedenen Stellen des prophetischen Buches befinden. Bei Manchen, z. B. Nahum, Haggai, Sacharja, «vird eine kurze Inhaltsangabe genügen, unter Verzichtleistung auf jede Lektüre. Aber selbst wen» ein Buch vollständig gelesen sein sollte, niemals kann es Aufgabe des Unterrichts sein, eine Gliederung seines Gesammtinhalts nach Kapiteln geordnet den Schülern einzuprägen, wie sie z. B. Philippson in seiner Bibelausgabe giebt. Vielmehr muß a«ls der Lektüre allinälig eine möglichst elementare Gruppirung des Gedankeninhalts herauswachsen, und aus ihr ist zum Schluffe noch einmal das Wesentlichste, was der Prophet will, und was ihm vor Anderen besonders eigen ist, herauszuheben. So intereffant es ist, etwa an dem Amosbuch auch das große schriftstellerische Geschick nachzuweisen, das sich in seiner streng regelmäßigen Glieder««ng zeigt, so kann dies doch höchstens ausnahmsweise gelegentlich geschehen. Die im Vorstehenden aufgestellten Grundsätze erläutere ich au den Büchern Ainos, Hosea und Jesaja. Amos. Aus den bei der Vorbesprechung bereits gelesenen Stellen Abschn. 5, 10 —17 (Auerbach) Kap. 7,10 —17 und Abschn. 1, 1 (Kap. 1, 1) ist alles Erforderliche über Amos' Persönlichkeit und die Zeit, in der er gelebt hat, bekannt. Ich beginne die Lektüre damit, daß ich die Kapitel 1 und 2, die Auerbach sehr stark gekürzt wiedergiebt, mit wenigen Auslastungen vollständig vorlese. Das halte ich für wichtig, damit der Schüler von Anfang an erkenne, daß der Prophet sich in seinen Reden nicht auf das Volk Israel beschränkt. Auch wie der Prophet durch die Form der Rede zu wirken sucht, läßt sich hierbei zeigen. Ergebniß: Der Prophet verkündet eine schreckenerregende Botschaft Gottes (V. 2): I. Er tadelt : 1. Die fremden Völker, weil sie Kriegsgrenel verübt haben; 2. Juda, weil es von Gott abgefallen ist; 3. Israel eingehender: a) wegen großer Ungerechtigkeit bei Gericht; d) wegen Bedrückung der Annen; e) wegen Götzendienerei. II. Er verkündet Israel eine schwere Strafe: 1. Begründung der Strafe: a) Israel hat sich durch seine Sünden der Wohlthaten, die Gott ihm erwiesen hat, unwürdig gezeigt; d) es hat die Warnungen der Propheten und Nasiräer unbeachtet gelassen. 2. Art der Strafe: vollständige Vernichtung durch die Feinde (Affyrer). Ich halte es für rathsam, ehe mau zu Abschn. 2 (Kap. 3) übergeht. noch solche Stellen lesen zu laffen, die mit Abschn. 1 inhaltlich verwandt sind, also ebenfalls die Sündhaftigkeit des Volkes und die Androhung des Strafgerichts zum Gegenstände haben. Dahin rechne ich besonders die von tiefster sittlicher Entrüstung durchdrungene Stelle Abschn. 6, 1 — 3 (Kap. 8, 4 —12). Je nach der Neigung des Lehrers und dem Maße, wie das bislang Durchgenommene von den Schülern verstanden worden ist, kann man auch alle übrigen Stellen, die denselben Inhalt wie Abschn. 1 haben, daranschließen. Es sind dies: Abschn. 4 (Kap 6, 1—8); Abschn. 5, 1 — 9 (Kap. 7, 1-9) und Absch. 2, 9-15 (Kap. 3. 9-15), zu denen ich noch Kap. 4, 4 — 5, die Auerbach nicht bietet, vorlese, weil der Prophet hier die Werkheiligkeit tadelt. (Dafür laste ich Abschnitt 2, 16 —18 (Kap. 4,- 11 — 13) aus, weil mit der von Auerbach gegebenen Uebersetzung: „so rüste dich, daß du deinein" Gotte entgegenkommst, Israel" (3). .17 4, 12), in diesem Zusammenhänge nichts anzufangen ist (vergl. die Uebersetzungen bei Philippsohn, Reuß, Kautzsch). Alle diese Stellen enthalten wie Kap. 1 und 2 Vorwürfe über die Laster der Zeit und Androhungen der Strafe. Es interessirt die Schüler neben der wechselnden Form der Darstellung, zu verfolgen, wie der Prophet die in Kap. 1 bereits begonnene Aufzählung der Sünden allmälig vervollständigt; — ich verzichte hier auf die Darlegung im Einzelnen; die Schüler müffen natürlich als Vorarbeit für die später festzustellende Disposition des Inhalts des Amosbuches sich die einzelnen Punkte, die der Prophet berührt, genau merken — und wie er das drohende Verderben in immer neuen Bildern beleuchtet. („Siehe, ich lvill euch Niederdrücken, wie der Wagen niederdrückt", Abschn. 1, 10 (Kap.2, 13); „Wieder Hirte dem Rachen des Löwen zwei Beine oder den Zipfel eines Ohres entreißt, so werden ..." Abschn. 2,12 (Kap. 3,12); „Siehe, ich lege das Senkblei an . . ." Abschn. 5, 8 (Kap. 7, 8) u. a.) Ergebniß der Lektüre dieser Stellen: a) Zusammenfassende Darlegung der inneren ZuWnde der damaligen Zeit (Kulturbild), b) Wie komrnt der Prophet zu seiner Auffassung? Er nimmt den Anlaß zu seinen Reden nicht aus den politischen Verhältnissen.') Denn wenn auch die Affyrer wiederholt schon erfolgreich bis zum Libanon und bis zum in ittelländischen Meere vorgedrungen waren, so stand doch gerade damals nichts unmittelbar zu befürchten, weil das assyrische Reich vorübergehend geschwächt war. Sondern den Propheten treibt zu seinem Auftreten sein stark aus- ') Cornill, Der israelitische Prophetismus in fünf Borträgen (Straßburg 1894) S. 43 f.