Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228257-3228261--54312-3290434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
29 gefaßten Resolutionen bekundeten in erfreulicher Weise das Verständniß, das die Vereinsmitglieder für unsere Bestrebungen zeigten, und gaben uns manche beherzigenswert hen Winke für unsere' Arbeit; neue Gesichtspunkte eröffnete keines der Referate — sie werden sich auch beider allseitigen gründlichen Erörterung, die das Berbandsthemä wiederholt gefunden hat, kaum finden lassen. Neben der Thätigkeit für die Hebung der materiellen Lage unserer Genossen wurden die anderen Aufgaben des Verbandes nicht vernachlässigt, namentlich ist der Rechtsschutz, den der Verband jedem Mitglieds gewährleistet, in diesem Jahre in weitem Umfange in Anspruch genommen worden. Zumeist gelang es durch Intervention des Verbandsvorsttzenden oder eines von ihm bestimmten Vertrauensmannes, entstandene Streitigkeiten zu schlichten, Beschwerden abzuhelfen; in den wenigen Fällen, in denen wir des fachmännischen Rathes bedurften, oder die zu gerichtlichem Anstrag führten, hat — wie wir mit aufrichtigem Dank verzeichnen — auch in diesem Jahr Herr Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs sich mit bekannter Wärme der Sache unserer Mitglieder angenommen. In außerordentlich zahlreichen Fällen haben, wie schon die gesteigerte Zahl der an den Verbandsvorstand gelangten Schreiben darthut, die Mitglieder des Verbandes den Vorstand in den verschiedensten Angelegenheiten um Rathfchläge refp. Meinungsäußerung ersucht. So erfreulich das Vertrauen zu der Verbandsleitung, das sich in diesem Ersuchen kundgiebt, für diese gewesen ist, so bereitwillig der Vorstand auch allen Wünschen zu entsprechen sich bestrebt hat, so gestattet er sich doch, an die Kollegen die Bitte zu richten, alle Anfragen zunächst an die Vorsitzenden ihrer Vereine zu richten und erst dann, wenn ihnen die Antwort nicht ausreichend erscheinen sollte, die Meinungsäußerung des Berbandsvorstandes herbeizuführen. Bei Fortdauer des bisherigen Verfahrens liegt die Gefahr nahe, daß die Arbeitskraft des Verbandsvorstandes zersplittert und seine Thätigkeit für die Gesammtheit beeinträchtigt wird. Die Einnahmen des Verbandes betragen in diejem Jahre 1962,50 M. und zwar 1500 M. als Beitrag des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes (nach § 15 der Verbandssatzungen) und 302,50 M. an Mitgliederbeiträgen sowie 150 M. als außerordentliche Zuwendung des Gemeindebundes, 10 M. durch Kollegen Ro s enstein-Herleshausen. Von diesem Betrage ist im Laufe des Jahres an 16 Vereine die Summe von >1420 M. als Subvention zu den Jahresversammlungen der einzelnen ^Vereine gelangt, so daß für sämmtliche übrigen Ausgaben nur ein verhältnißmäßig unbedeutender Betrag zur Verfügung blieb, aus den: noch das Defizit des vergangenen Jahres im Betrage von 123,65 M. gedeckt werden mußte. Der Verbandsvorstand wird zu erwägen haben, wie ohne erhebliche Belastung der einzelnen Vereine die Kassenverhältnifse des Verbandes in zufriedenstellender Weise gestaltet werden können. Die andauernde thatkräftige Teilnahme, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in seinem altbewährten Wohlwollen für die jüdischen Lehrer unseren Bestrebungen entgegenbringt, das herzliche Vertrauen, das die Einzelvereine in ihren Versammlungen wie bei jeder sich darbietenden Gelegenheit der Verbandsleitung bekundeten, verpflichten uns zu lebhaftem Danke; den geeignetsten Ausdruck glauben wir demselben zu geben, indem wir auch ferner alle unsere Kräfte dem Wohle der Standesgenossen widmen. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. Dr. Adler-Berlin. Blumenfeld-Adelebsen. Bernhard-Tarnowitz. Dr. Blaschke-Berlin. Goldschmidt-Köln. Gutkind-Kassel. Herbst-Lissa (Bez. Posen). Levi-Neuß. Ueber die Lektüre der prophetischen Bücher im Religionsunterrichte der höheren Schulen. Bon Direktor Dr. Tachau in Wolfenbüttel. s ist oft ausgesprochen worden, daß der israelitische Prophetismus eine der großartigsten Erscheinungen ist, welche die Geschichte der Menschheit anfzuweisen hat, eine Erscheinung, die sich in der Litteratur keines anderen Volkes wiederfiudet. Aber eine verhältnißmäßig recht kleine Zahl selbst unter Den^n, die eine gute Allgemeinbildung besitzen und die Lehren der jüdischen Religion kennen, hat ein richtiges Verständniß für die Bedeutung des Prophetismus. Das kommt daher, daß von den prophetischen Büchern in der Regel nur Bruchstücke, einzelne Verse oder Kapitel, gelesen und gelernt werden. Ein prophetisches Buch im Zusammenhang zu lese», bringen Viele auch bei ehrlichem Willen nicht fertig, weil ihnen manches von dem Inhalt unverständlich bleibt. Aus diesem mangelhaften Verständnisse erklären sich auch Urtheile, wie z. B., daß die Lektüre der Propheten wegen der öfteren Wiederholung derselben oder ähnlicher Gedanken eintönig sei und ermüdend wirke, und daß bei aller Werthschätzung der biblischen Litteratur im Großen und Ganzen doch ein eingehendes Berständniß der Propheten anzustreben nicht der Mühe werth erscheine. Dem gegenüber ist zu fordern, daß der Religionsunterricht für ein richtiges Verständniß der Bedeutung der Propheten sorge. Die Elementarschule wird das nicht leisten können, weil ihre Schüler noch nicht die erforderliche Reife des Verstandes besitzen. Aber für höhere Schulen ist zu verlangen, daß, wenn auch bei Weitem nicht alle prophetische» Schriften, nicht einmal in der Beschränkung, die Auerbach in seiner „Kleinen Schul- und Hausbibel" giebt, gelesen werden könne», doch der israelitische Prophetismus in seinem Zusammenhänge und in der Bedeutung, die er für seine Zeit und für alle Ewigkeit hat, erfaßt und gewürdigt werde. Wir besitzen eine überaus reiche Litteratur über die Propheten, nicht nur gelehrte Erläuterungen und Abhandlungen, sondern auch volksthümliche Darstellungen und eigens für den Unterricht, allerdings mir für den evangelischen Religionsunterricht, bestimmte Zusammenstellungen des Lehrstoffes der prophetischen Bücher. Auch der nicht theologisch vorgebildete Lehrer findet also reichliche Gelegenheit, sich für den Unterricht umfassend und gründlich vorzubereiten. Und'doch besteht unleugbar eine gewisse Verlegenheit, tote der Stoff im Unterrichte in einer füc Ober-Tertianer oder Unter-Sekundaner geeigneten Weise zu verarbeiten sei, damit das oben angegebene Ziel erreicht werde: es fehlt ein ausführlicher methodischer Lehrplan. Zn ejnem solchen sollen die folgenden Ausführungen Beiträge liefern. Ehe mit der prophetischen Lektüre begonnen wird, sind die Schüler über folgende Punkte, die ich hier nur kurz andeuten kann, eingehend zu belehren: 1. Ueber die Bedeutung der Ausdrücke Prophet, frühere oder erste Propheten, spätere oder letzte Propheten, große und kleine Propheten, Schriftpropheten. Dies geschieht am besten in Anlehnung an Amos 7, 10 ff. (welche Stelle vorweg zu lesen und zu erklären ist), verbunden mit einer vergleicheuden Betrachtung der den Schülern aus dein Unterricht der vorhergehende» Klassen bereits bekannten sogenannten „früheren" Propheten. 2. Ueber die Reihenfolge der prophetischen Bücher. Ergebniß: Die Anordnung in der Heiligen Schrift ist willkürlich; maßgebend für die Lektüre ist die zeitliche Aufeinanderfolge der einzelnen Propheten, dazu ihrem Verständniß überall die Kenntniß der Zeitgeschichte erforderlich ist. Zu beginnen ist mit Amos. Zeitbestimmung dieses Propheten (an der Hand von Amos 1, 1): um 800 v. Ehr.; er stammt aus Juda, weissagt aber in Israel. 3. Ueber die politische Lage der Reiche Israel und Juda zur Zeit des Auftreiens des ersten Schriftpropheten Amos. Ergebniß: Juda ist das unbedeutendere der beiden Reiche. Israel ist zur Zeit des Amos nnler Jerobeam II. ans dem Gipfel seiner äußeren Macht (vgl. Amos, 6,13). Nirgends ist irgend ivelches Zeichen einer unmittelbaren Gefahr für das Reich Israel zu bemerke». Um so auffälliger ist das Auftreten des Amos. Denn, was ihn bewegt, vor das Volk zu treten, muß etwas ganz Ungeheuerliches sein. Das beweist der Anfang seiner Reden (Kap. 1, 2): „Der Herr ruft mächtig von Zion aus und läßt seine Stimme von Jerusalem er-