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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-21 · Heft 3 (21.1.1898) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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an feinem Tage z» entbehren ist; aber damit sie an jedem Tage uns lebhaft durchglüht, müffen wir au bestimmten Tagen unser ganzes Denken auf das Vaterland richten, um uns seines Segens inniger bewußt zu werden. Die Sprache ist das gemeinsame Band, ist die stärkste Ursache und das deutlichste Erkennungszeichen der Zusammengehörigkeit, aber wie mannigfach ist doch die Abstufung, in der die Bewohner Anlheil haben an diesem köstlichen Gute, wie klein ist der Wortbesttz des Ungebildeten, und wie reich und groß ist der Sprachschatz Dessen, der die Höhen und Weiten deutschen Geistes dnrchmesien hat; er wird um so inniger dies herrliche deutsche Land lieben, je mehr er sich bewußt wird desien, was der deutsche Geist für die Weltkultur geleistet hat. Auch sonst bedingt die erweiterte Erkenntniß eine Steigerung der Vaterlandsliebe. Es ist ein weises Wort: „Gedenke der Tage der Vorzeit, dann verstehst du die Jahre jeglichen Zeitalters.'' Die Geschichte ist die Lehrerin der Gegenwart; sie lehrt uns, daß in diesem Lande mehr als anderwärts der Fürst gleichsam die Verkörperung des ganzen Staates ist, nicht in jeneni rohen, selbstsüchtigen Sinne, in dem einst ein iibermüthiger König eines fremden Volkes das kecke Wort gesprochen: Der Staat, das bin ich; aber dies Land ist aus kleinen Anfängen zu Höhen der Macht und des Ruhmes geführt worden, vor allem durch die Arbeit seiner Fürsten in Krieg und Friede». Kann in unserem von den Parteien zerrissenen Zeitalter, in diesen wirthschaftlichen und politischen Kämpfen, kann vollends in dieser leidenschaftlichen Eifersucht, mit der die Völker unseres Erdtheils feindselig auf einander blicken, Deutschland der Gegenwart froh werden und getrost in die Zukunft blicken, wenn nicht der Fürst mit starker Hand den Ehrgeiz und die Habsucht der Parteien zügelt, den Nachbarn an der Grenze Respekt einflößt durch die Entfaltung einer großen und wohlgeordneten Heeresmacht und nach innen und nach außen ein Hort des Rechtes ist gegen den Ansturm der Gewaltthätigen? Deutschland, das in der Mitte des Erdtheils liegt und von nicht immer wohlwollenden Nachbarn umgeben ist, kann nicht nach demselben politischen System regiert werden, unter dem' das stammverwandte Jnselvolk sich wohl fühlt. Kaum ist es richtig, so ein Israelit patriotischen Betrachtungen sich hingiebt, noch speziell vom Judenthum und von der staatlichen Stellung der Juden zu reden; denn ein Jude hat ja gar keine andere Empfindung dem Vaterlande gegenüber wie jeder andere Staatsbürger; wir reden die Sprache dieses Landes, seit vielen Jahrhunderten haben unsere Väter hier gelebt, in diesem Boden ruhen unsere Tobten, natürlich erfüllen wir die Pflichten gegen das Vaterland; wir wüßten nicht, wodurch sich der jüdische Staatsbürger von jedem anderen unterscheidet; man merkt es der Steuer nicht an, ob sie von Juden herrührt, man merkt es dem Blute nicht an, das . auf den Schlachtfeldern der jüdische Krieger wie jeder andere für das Vaterland vergaffen hat. Aber wir müffen dennoch vom Judenthnm reden, weil der Unterschied, der sachlich nicht vorhanden ist, von unseren Gegnern gemacht wird, uni uns herabzudrücken in unserer bürgerlichen Ehre. Der schwere Kampf ums Dasein bewirkt es, daß unedle Naturen unwürdige Mittel nicht verschmähen, um unbequeme Mitbewerber auszuschließen; um diesen Zweck zu verschleiern, werden dann allerhand Märchen ersonnen. Da ist es ein starker Halt für eine schwache Minderheit, die . sich nicht selbst helfen kann, daß ein König im Lande herrscht, der kein Unrecht duldet. Wir haben mannigfache Feinde; die schlimmsten sind die, die selbst das Licht scheuen müffen, die gern den Blick des Volkes von sich ablenken möchten, und die der erregten, unzufriedenen Menge mit Absicht uns als bie Urheber alles llebels anktagen. Aber unser Kaiser hat sich frühzeitig daran gewöhnt, selbst zu, sehen, selbst zu urtheilen; er hat einen zu hohen Begriff von seinem Herrscheramte, um sich von Anderen meistern zu lassen-; die Feinde Israels haben sich an den Thron herangedrängt, aber sie sind entlarvt worden als selbstsüchtige Menschen, die den Rath, Gott zu fürchten und den König. — Anderen geben. Der Sohn Kaiser Friedrichs wird es nicht dulden, daß irgend einem Bürger aus seinem religiösen Bekennlniß ein Vorwurf gemacht wird. Darum ist uns Juden wie allen anderen guten Bürgern der Kaisertag ein Tag des Jubels und der Erhebung. Die Woche. Berlin, 18. Januar. letzter Zeit hat man selbst von wohlwollender Seite eine Scheidung zwischen politischem und gesellschaftlichem (^^ Antisemitismus zu machen gesucht. Auch Pfarrer Naumann scheint dieser Verlegenheitstheorie zu huldigen. Zum Mindesten schreibt er in seiner Zeitschrift „Hilfe" Folgendes: „Man muß, wenn man von Antisemitismus redet, zweierlei genau unterscheiden, nämlich die Stellung der Juden innerhalb der Gesellschaft und innerhalb des Staates. Welche Rolle ste innerhalb der Gesellschaft spielen, ist eine wichtige, aber keine politische Frage. Keine politische Partei kann das Geringste darüber bestimmen wollen, inwieweit ihre Mitglieder den geschäftlichen und persönlichen Verkehr mit Israeliten suchen oder vermeiden sollen. Das ist vom Standpunkt aller Parteien aus Privatsache, selbst vom Standpunkt der antisemitischen Parteien aus, denn auch diese können nicht hindern, daß sogar ihre Parteiorgane mit jüdischen Annoncen zu thun haben oder Personen mit halb oder ganz israelitischer Abstammung fich ihnen aus Abneigung gegen ihre eigenen Stammesgenossen anschließen. Aber selbst wenn es, was wir bezweifeln, irgend einer antisemitischen Gruppe gelungen sein sollte, die Boykottirung der.Israeliten für den engeren Kreis ihrer Anhänger durchzuführen, so würde ste nicht im Geringsten eine politische Leistung sein, denn dieser gesellschaftliche und geschäftliche Boykott würde an der Stellung des Juden als Staatsbürger nicht das Geringste ändern. Die Stellung der Juden im Staate ist aber der einzige Stoff, um den flch ein politischer Antisemitismus gruppiren könnte. Alles andere, was Antisemitismus genannt wird, ist vom politischen Standpunkt aus nur Dekoration. Das Programm des politischen Antisemitismus kann seiner Natur nach nicht reichhaltig sein. Man hat zwar bisweilen von „antisemitischer Weltanschauung" gesprochen, aber das ist offenbar nur eine der gerade bei den Antisemiten landläufigen bombastischen Redewendungen. Es dreht sich der ganze politische Antisemitismus um folgende Punkte, die sich in den Programmen der Liebermann'schen und Böckel'schen Richtung vorfinden: Aufhebung der Gleichberechtigung, Herstellung eines besonderen Judenrechtes, Verbot jüdischer Einwanderung, Ausschluß der Juden aus Parlament, Staats- und Gemeindeämtern. Alles andere, was in den antisemitischen Programmen geschrieben steht, mag es sonst nützlich sein oder nicht, läßt stch aus dem antisemitischen Grundgedanken nicht ableiten. Es war daher ein Fehler, den Antisemitismus, der ja agitatorisch leicht zu behandeln ist, zur Grundlage einer politischen Parteibildung zu machen, denn von Agitation allein lebt keine Partei. Sie muß bestimmte Grundgedanken haben, von denen aus fich das ganze politische Leben beleuchten läßt und von denen aus man Antworten auf die einzelnen schweren Fragen der Tagespolitik findet. Hierin aber hat fich der Antisemitismus als völlig unfruchtbar erwiesen. Der Antisemit

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