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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-21 · Heft 3 (21.1.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 3 (21.1.1898)
Date
1898-01-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 3. Krrlin, 21. Januar 1898. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 21*- Ludwig Philippson-Äonn. Veriags-Crpedition: Gerlin, Jernfaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Leitartikel; Vaterlandsliebe. (Zum Kaisersgeburtstag.) — Die Woche. — Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. — lieber die Lektüre der prophetischen Bücher im Religionsunterrichte der höheren Schulen. I. Von Direktor Dr. Tachau. — Der Fall Drehsus im Lichte der jüdischen Gesetzgebung. II. Von Rabbiner Dr. Kohn. — Zu H. Sudermanns „Johannes". Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Aus bangen Tagen. III. Von Carl Griot. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten; Berlin, Arnswalde, Beuthen, Jeßnitz, Rheydt, Essen, Frankfurt a. M., Wien. — Äon Rad und Kern. — Miseelleu. Raterlandsliebe. (Inm Rai fers geburtsta g.) r$ . Berlin, 19. Januar. T^^atrrlandsliebe ist in seinen Ursprüngen ein Gefühl, auf das -«»tzL wir uns nichts zu gute thun können; wie die Stimme des .Js in Jedem mächtig ist, wie es selbst im rohesten Gemüthe schön gtoßer Anstrengungen bedarf, um sie zu rmterdrücken, so ist die Heimath gleichsam ein Theil unseres Wesens; so wenig, wie wir aus unserer Haut heraus können, können wir die Eigenart ganz abstreifen, die wir dem Umstande verdanken^ daß wir in einem bestimmten Lande, unter bestimmten Verhältnissen geboren sind und dort unsere Jugend verlebt haben. Vaterlandsliebe ist sonach etwas Selbstverständliches. Und das stärkste Band, das uns an die Heimath knüpft, ist besonders für den Städtebewohner, der nicht so innig mit der ihn umgebenden Natur verwachsen ist, das stärkste Band ist die Sprache. Längst ist man von der trivialen Ansicht zurückgekommen, daß die Sprache Nur das Mittel ist. um unsere Gedanken zum Ausdruck zu bringen; o nein, die Sprache ist viel mehr, sie ist eine Bildnerin, eine Erzieherin unserer Seele, sie schafft und formt von frühester Jugend an unserein Geistesleben, unh die Sprache wieder wird bestimmt und entwickelt von der Kultur, von dem Charakter der Landschaft und ihrer Bewohner. Wie wir den Werth jedes Erdengutes am besten würdigen, wenn es uns fehlt, so schätzen wir den Segen der Muttersprache am höchsteil im fremden Lände, wenn fremde Laute unser Ohr umschwirren; wir haben fern vom Vaterlande lange Zeit nur eine andere Sprache geredet und vernommen, da plötzlich dringt der Ton der Heimath an unser Ohr, in unsere Seele, wir horchen erfreut ans, und dieser Landsmann, der uns zu Haufe ein Fremder gewesen wäre, wird uns in der Fremde durch die Verwandtschaft der Sprache wie ein Freund vertraut, und wir schließen uns willig ihm an. Es giebt ein uraltes Sprüchlein: das Vaterland ist überall, wo es uns gut geht. Und da wir uns gerade im Preise der Vaterlandsliebe vor Ueberschwenglichkeiten hüten möchten, so wollen wir die Wahrheit des Spruches nicht völlig leugnen. Es kann sein, daß Einer von seinem Vaterlande ausgestoßen ist oder aus freien Stücken auswandert, und er findet in der Fremde, was ihm die Heimath versagt hat, einen gesegneten Wirkungskreis, Anerkennung und Ehre und häusliches Glück; sollte er da undankbar sein und diese Güter hinnehmen, ohne dem Laude die Liebe zu erwiedern, die es ihm spendet, und die um so höher anzuschlagen ist, weil sie dem ursprünglich Fremden und später heimisch Gewordenen gezollt wird? , Die heilige Schrift legt z. B. den Israeliten für alle Zeiten die Pflicht der Dankbarkeit gegen die Aegypter auf, weil sie anfangs Gastlichkeit gegen Israel geübt hatten, obgleich später diese dem Fremden freundlichen Gefühle, welche stets ein Zeichen höherer Kultur sind, in Rohheit imd Härte umschlugen. Aber diese Dankbarkeit ist keineswegs dem vaterländischen Empfinden gleich, das die Heimath selbst dann noch einflößt, wenn wir in ihr Unbill und Schimpf erfahren. Wir haben es oft bewundert, wie unsere Glaubensbrüder aus dem Osten, wenn sie, aus ihrem Vaterlande verstoßen, zu uns kommen, besonders die Gebildeten unter ihnen, nur mit einer gewissen Verschämtheit von dem Elend sprechen, welches sie in ihrer Heimath erduldet hatten, wie sie auf allerhand Zufälligkeiten die Schuld schieben, auf einzelne Personen und Verhältnisse, nur um Staat und Volk zu entschuldigen. Aber klagt Jemand laut über ein Unrecht, das ihm ein Bruder, ein Blutsverwandter zugefügt hat? Fühlt er nicht, daß er dadurch mittelbar seine eigene Ehre mindert? Es ist die Macht des patriotischen Gefühls, das Allen gemeinsam ist, wie der Strahl der Sonne, wie die Luft, die wir athmen. Also Diejenigen, die mit ihrem Patriotismus groß thun, sind von vornherein verdächtig, daß sie allerhand unlautere Nebenzwecke verfolgen : wer wird seinen Eltern viel von seiner Liebe vordeklamiren! Wer es thut, spekulirt auf ihre Einfalt und will einen persönlichen Mxtheil erhaschen; ihm am wenigsten werden wir vertrauen, daß er opferbereit ist, wenn es einer großen Leistung bedarf; es ist das Kennzeichen jedes wahren, edlen Gefühles, daß es keusch ist und sich gern verbirgt. . , Jedoch, wie jede schöne natürliche Empfindung unserer Seele der Erziehung: bedarf , und der Steigerung fähig ist, so kann und Dp auch die natürliche Liebe zur Heimath gepflegt und veredelt werden. Die Religion soll an jedem Tage geübt werden, aber d^mit sie in jedem Momente unser Leben leite, bedarf es der 'Wichen Zeiten, die der religiösen Erhebung ausschließlich gewidmet sind; so ist auch der Patriotismus eine Empfindung, die, zumal in einem Staate wie dem unsrigen, wo doch jeder Bürger in größerem oder geringerem Grade an der Waltnng des Landes betheiligt ist,

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