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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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rNS^WWMY^SN« 2 247 89V, evangelffche 1921216, jüdische 48 003. Die Antisemiten haben also erreicht, wonach sie so lange geschrieen — die Zahl der jüdischen Schüler hat sich bedeutend vermindert. Mögen Andere darüber fich^ freuen; wir sehen darin kein gutes Zeichen! Was uns aber in dieser Statistik besonders auffällt, ist der .schwache Besuch der Realgymnasien seitens der jüdischen Schüler, denen die Eltern noch skeptisch gegenüberstehen. Idealer als die Realanstalten sind die Gymnasien sicherlich; hier die Vorzeit vereint mit der Jetztzeit, dort allein die Jetztzeit, das gerade Greifliche, Praktische herrschend. Ueberdies geht man von den Gymnasien zu einem ganz bestimmten, eine feste Zukunft sichernden Berufsstudium ab; die Realschüler hingegen sind auf den hin- und herschwankenden Handel und auf die bewegliche Industrie vorzugsweise hingewiesen. Ihre Zukunft ist viel unsicherer. Sie können in kurzer Zeit zu einer glänzenden Lebensstellung gelangen, können aber auch ohne Verdienst und Anstellung lange Zeit bleiben, und wohin sie auch kommen, in eine ganz sichere, unkündbare Lebensstellung rücken sie selten ein. Die Experimente dieser Art sagen vorsichtigen Eltern wenig zu. Aber in jedem Falle ist auch diese Scheu charakteristisch für unsere Glaubensgenossen, denen man das Jagen nach dem Mammon so oft vorzuwerfen wagt, während sie im Grunde konservativer und idealer veranlagt sind als ihre Gegner! Kp. Aus der Provinz Posen, im Januar. Das Magnus Czapski'sche Ehepaar in Koschmin feierte zu Anfang dieses Jahres seine goldene Hochzeit, aus welchem Anlaß demselben die Ehejubiläumsmedaille verliehen wurde. — Der Geheime Justizrath Orgler in Posen beging am 11. d. Mts. das 25 jährige Jubiläum als Stadtverordnetenvorsteher daselbst. — Der praktische Arzt Dr. Peiser in Pleschen hielt kürzlich im Saale der Egerloge zu Ostrowo einen recht beifällig aufgenommenen Vortrag über „Hygiene der Frau". — Der Litteraturverein in Ostrowo hat die Gründung einer Bibliothek beschlossen. — Der weithin bekannte Kaufmann M. Wassermann in Posen, Begründer der Firma Wassermann & Co. daselbst, ist vor Kurzem im Alter von 80 Jahren gestorben. —- Der Rentier M. Laboschiner in Constadt feierte jüngst mit seiner Ehefrau das Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar hatte eine lange Reihe von Jahren an der Verwaltung der dortigen Synagogengemeinde mitgearbeitet. Oesterreich -Ungarn. □ $8ien, 10. Januar. Anläßlich der Eröffnung der Kochkunst- Ausstellung hatten zahlreiche jüdische Geschäftsinhaber die Ehre, vom Kaiser angesprochen zu werden, so Redakteur Lichtblau, Cafetier Maendel u. A. — Am 28. v. M. widerfuhr dem Bezirksrabbiner in Amstetren, Dr. A. Löwy, die hohe Ehre, vom Kaiser durch eine längere Ansprache ausgezeichnet zu werden. Dr. Löwy hat auch den rituellen Segen über die Person des Kaisers gesprochen, was Seine Majestät huldvollst dankend entgegennahm. — Erzherzog Eugen hat für den ältesten Mann Wiens, den 111 Jahre alten Markus Kohn, der in den dürftigsten Verhältnissen lebt, 20 Gulden gespendet. — „Das neue Ghetto" von Theodor Herz! wurde im hiesigen Karltheater mit großem Beifall ausgenommen. Die Stimmen der Kritik sind sehr getheilt über das Stück. — In Holle schau ist im Alter von 81 Jahren Herr Forell, Lehrer an der Talmud-Thoraschule, und hier im Alter von 55 Jahren der bekannte Buchhändler Herr Jakob Schlesinger, ein Enkel Rabbi Akiba Egers, gestorben. — Letzten Montag hat im Festsaale des kaufmännischen Vereins die erste von der Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums („Jüdisches Museum") veranstaltete Vorlesung vor einem überaus zahlreichen und distinguirten Publikum stattgefunden. Nach einigen einleitenden Worten des Gesellschafts-Präsidenten bestieg Herr Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, von lebhaftem Beifall empfangen, die Tribüne, um den angekündigten Vortrag: „Das Judenthum und die bildenden Künste", abzuhalten; in geistreicher, fesselnder und formvollendeter Weise schilderte der Gelehrte die Thätigkeit der Juden auf den einzelnen Gebieten der Kunst, der Musik- und Dichtkunst, sodann die Leistungen der Juden im Kunsthandwerk und in der Architektur. Wir behalten uns vor, demnächst auf die Details dieses Bortrages, welcher ein Ereigniß unter den in der heurigen Saison abgehaltenen wissenschaftlichen Vorträgen bildet, zurück zu kommen. Stürmischer Beifall des aus mehr als 300 Zuhörern bestehenden Auditoriums belohnte den Redner am Schluffe feines Vortrages. Die nächsten von der Gesellschaft zu veranstaltenden Vorträge sind: Am 31. Januar d. I. Universitäts-Dozent Dr. S. Ehrmann: „Die Juden in der Naturforschung und der Medizin"; am 10. Februar d. I. Architekt Fleischer: „Ueber Wasserversorgung im alten Jerusalem". föttmnttiett. M. J. Jassy, 8. Januar. Die traurigen Heimsuchungen der rumänischen Juden in der letzten Zeit haben die Aufmerksamkeit der gesummten Judenheit auf uns gerichtet, so daß es wohl von Interesse ist, das geistige und gesellschaftliche Leben der hiesigen hartbedrängten Gemeinde kennen zu lernen. Ich will daher über die drei Ereignisse der Chanukahwoche in Jassy, der größten jüdischen Gemeinde Rumäniens, berichten. Das hiesige Asyl, welches alten, gebrechlichen und hilflosen Arbeitern ein angenehmes Heim darbietet, feierte sein siebenjähriges Stiftungsfest. In seiner geistvollen Festrede konnte unser Rabbiner Dr. Niemirower mit Recht diese Anstalt als eine Sabbathinstitution feiern „Sechs Theile ihres Lebens bringen die Arbeiter, die nützlichsten Glieder der menschlichen Gesellschaft, in mühevoller Thätigkeit im Dienste der Gesammtheit zu; der siebente Theil, das siebente Dezennium ihres Daseins, soll ein Sabbath der Ruhe und Erholung werden." Diese Institution, welcher Herr I. Schorr ein Haus gespendet, wird hauptsächlich von kleinen Handwerkern erhalten, deren geringe Beiträge wohl werthvoller sind als große Stipendien Besitzender. Unter den verschiedenen Rednern bei dieser Arbeiterfeier erntete neben dem Rabbiner der beliebte Arbeiterfreund Dr. med. K. Lippe großen Beifall. Beweist die Erhaltung einer Wohlthätigkeitsanstalt aus den Mitteln besitzloser Handwerker den Edelsinn der niederen Stände unserer Gemeinde, so bezeugt der Verein „Malbisch Neurim" die Menschenliebe und Wohlthätigkeit des hiesigen Bürgerstandes. Abgesehen von den 40 Kindern, die der bekannte Philantrop M. Waisengrün bekleidet, erhielten an diesem Chanukah 240 arme Schulkinder vollständige Bekleidung, während im vorigen Jahre blos 65 bekleidet werden konnten. Gemischte Gefühle herrschten in der zahlreichen Versammlung die an dieser schönen Feier des jüdischen Herzens Antheil nahm. Gefühle der Trauer ob des Elends der Armen und Gefühle der Freude ob der Mittel zur Linderung desselben. Wir verdanken den Herren Josefsohn, Rosenstein und Rabbiner Dr. Niemirower diesen Akt der Barmherzigkeit. Letzterer bewegte die Versammlung durch seine tiefgefühlten Schilderungen der Noth und der Mittel zur Abwehr derselben. Auf die mit Begeisterung aufgenommene Rede des greisen Ehrendirektors der Schulen, Dr. med. Lippe, folgten wirksame Ansprachen der beschenkten Schulkinder in hebräischer, deutscher und rumänischer Sprache. Die Geläufigkeit der Kinder im Hebräischen wurde allgemein anerkannt. Das dritte Ereigniß der Woche war die im Lokale der Bene Berith- Gesellschaft seitens des Litteraturklubs „Ohole Schem" wie des Vereins Zion veranstaltete Makkabäerfeier. Dr. Lippe feierte in seiner bekannten Vielseitigkeit als Redner, Dichter und Musiker die Helden des Chanukahfestes. Der Rabbiner und Prediger Dr. Niemirower schilderte in formvollendeter Weise die Kämpfe und Siege der Juden in ihrem Geschichtsleben als „Schames der Menschheit", der die Lichte der Religion und Sittlichkeit angesteckt, die Kulturen des Orients und Oceidents verbunden, den Handel der Völker vermittelt und dennoch gleich dem „Schames der Chanukahlichter" zur Seite geschoben wird. Rußland. Petersburg 7. Januar. Es scheint überhaupt in Regierungskreisen jetzt eine bildungsfreundlichere Stimmung zu herrschen. So wird in hiesigen Blättern darüber Klage geführt, daß es mit der allgemeinen Volksschule, namentlich im Südwesten des Reiches, noch sehr schlecht bestellt sei. Hand in Hand mit der sittlich-religiösen Erziehung der Kinder müsse auch das Bestreben gehen, die in Rußland lebenden verschiedenen Nationalitäten mit Stolz auf ihr gemeinsames russisches Vaterland zu erfüllen, das aber nicht durch die konfessionelle, sondern durch die allgemeine Volksschule und durch einen, in Deutschland und anderen Ländern schon längst existirenden, einzuführenden Schulzwang zu erreichen sei. Jndeß dürsten noch viele Jahre vergehen, bis man auch in den maßgebenden Kreisen zu dieser Erkenntniß gelangen wird. Es erfüllt uns daher mit aufrichtiger Freude, daß unsere .Glaubensgenossen weder durch die Bildungsbeschränkung entmuthigt noch der trügerischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft vertrauend, die

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