Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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daß sich ein „Verein zur Ueberführung der Juden zur Bodenkultur" gebildet, der Ländereien ankaufen und geeigneten Glaubensgenossen zur Seßhaftmachung überlassen will. Als Grundsatz gilt dabei, daß ein Jeder nur so viel Land erhält, als er selbst mit Hilfe seiner Familie bewirthschaften kann, also etwa 15 bis 20 Morgen. Die Tilgung der Kaufsumme soll im Wege der Amortisation erfolgen, und der Verein bleibt Besitzer des Grundstücks, bis die Schuld abgetragen ist Besitzt der angehende Landwirth so viel eigenes Vermögen, um den vierten Theil des Kaufbetrages erlegen zu können, soll die Uebernahme eines Rentengutes vermittelt werden. Aus diesen Erwägungen heraus ist die landwirthschaftliche Lehranstalt in Ahlem bei Hannover entstanden, die zur Zeit 74 jüdische Knaben von 8 bis 18 Jahren im Gartenbau und in der Landwirthschast unterrichtet. Der neu gegründete Verein wird einen Arbeitsnachweis einrichten, um die Gehilfen aus der Ahlemer Anstalt in geeigneten Stellen bis zu ihrer Seßhaftmachung unterzubringen. Zur Heranbildung tüchtiger Bauerfrauen empfahl der Redner die Gründung von jüdischen Haushaltungsschulen. Der hierauf erstattete Rechenschaftsbericht konfiatirt ein erfreuliches Wachsthum der Mitgliederzahl im letzten Vereinsjahre um 25 Prozent, nämlich von 6400 aus 7000 Einzelmitglieder. Dazu kommt noch eine größere Zahl korporativer Gemeinden, so daß der Centralverein etwa 30-35000 Mitglieder vertritt. Die große Zunahme der Mitgliederzahl ist zurückzuführen auf eine rege Agitation in Posen, Hamburg und anderen Städten. Die Rechtsschutzkommisston ist im Berichtsjahre seltener in Anspruch genommen, als in den früheren. Verschiedene Male ist sie gegen Geistliche eingeschritten, die von der Kanzel herab oder im Konfirmandenunterricht die Juden beschimpften. Auch beim Polizeiprästdenten ist sie und zwar mit Erfolg dahin vorstellig geworden, daß gewisse Flugblätter unterdrückt wurden. — Der erstattete Kassenbericht wies eine Einnahme von 40 335,46 Mk., eine Ausgabe von 39 066,13 Mk. und neben einem Ueberschuß von 1269,35 Mark ein disponibles Bereinsvermögen von 21 000 Mark auf. S£2 Berlin, 9. Januar. Der Verein „jüdische Lesehalle und Volksbibliothek" hielt gestern Abend seine vierte Generalversammlung. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Kommerzienrath Julius Jsaac, begrüßte die Erschienenen und erstattete den Thätigkeitsbericht über das abgelaufene Jahr, welcher in jeder Hinsicht ein erfreuliches Wachsthum des Vereins konstatirte. Seit Uebersiedelung der Lesehalle in die neuen Räume (Oranienburgerstr. 28) hat fich der Besuch derselben wesentlich gesteigert und die Durchschnittszahl von 50—55 Personen täglich, an einzelnen Tagen vott 70-80 erreicht. Die Gesammtziffer der Besucher betrug im abgelaufenen Jahre ca. 18 700, die der ausliegenden Zeitungen 58. Auch die Bibliothek erfreut sich wachsender Benutzung. Von den 159 ständigen Abonnenten waren 44 Kaufleute, 39 Gymnasiasten, 24 Studenten, 7 Schriftsteller, 3 Rabbiner, 2 Lehrer, 2 Journalisten, 8 Lehrlinge, je 1 Arzt, Bankbeamter, Rentier, Professor, Baumeister, Kantor, Maler und Lithograph. Die Bibliothek umfaßt 2365 Bände, davon 333 belletristische, 321 hebräische, 197 prosemitische, 66 biographische, 105 Erbauungsschriften, 92 rabbinische, 122 die biblische Litteratur, 244 die Geschichte und 126 die Kultur- und Litteraturgeschichte betreffende Bücher rc. rc. Mit dem warmen Appell, daß die von unseren Altvordern allezeit beherzigte Erkenntniß, daß die Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums sehr wesentlich zum Festhatten an unserer altangestammten Religion beiträgt, die Liebe zu unserem Glauben stärkt und vertieft, immer weitere Kreise zu thätiger Förderung der segensreich wirkenden Lesehalle und Bibliothek anspornen möge, schloß der Vorsitzende seinen interessanten Bericht. Der Schatzmeister, Herr Benas Levy, ergänzte denselben mit der Mittheilung, daß der Vorstand einstimmig beschlossen habe, Herrn Kommerzienrath Jsaac in dankbarer Anerkennung seiner mannigfachen Verdienste um den Verein zum Ehrenmitglied zu ernennen und ihm aus Anlaß seiner Silberhochzeit am 26. Mai v. I. davon Kenntniß gegeben hat. Die Versammlung erklärt unter lebhaften Beifallskundgebungen durch Erheben von den Sitzen ihre Zustimmung zu diesem Beschluß. Sodann erstattete der Schatzmeister den Kassenbericht, welcher ergab, daß von 116 Mitgliedern 1207,50 MaÄ, von 11 Logen, Vereinen und Stiftungen 900 Mark an Jahresbeiträgen geleistet wurden, ferner 291,30 Mark an Spenden eingegangen find, so daß die Einnahmen insgesammt 2726,25 Mark betrugen, denen Ausgaben in Höhe von 2055,54 Mark gegenüberstehen, so daß ein Ueberschuß von 670,71 Mark verbleibt. Im Anschluß hieran spendete Herr Adolf Ginsberg 300 Mark zum Ankauf von Büchern für die Bibliothek. Bei der Wahl des Vorstandes wurden die bisherigen Mitglieder, die Herren Kommerzienrath Julius Jsaac, Benas Levy, Oberlehrer Dr. Schäfer, Theod. Zlocisti, Dr. Hirsch Hildesheimer, Rabbiner Dr. Stier, Heinr. Fränkel, Gust Spiewkowsky und Maxim. Heymann, desgleichen die Revisoren Dr. Schäfer (für die Bibliothek) und M. Heymann wieder- und Herr Ad. Ginsberg neugewählt. In dem sich anschließenden lebhaften Gedankenaustausch wurde allseitig die Nothwendigkeit der Erweiterung der Bibliothek betont, was durch namhafte Neuanschaffungen und durch einen wiederholten Appell, Bücher jüdischen Inhalts, für welche man keine Verwendung habe, dem Institut zu überlassen *), erreicht werden soll. Nach fast zweistündiger Dauer schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der erneuten Aufforderung, das Interesse für den vortrefflichen Verein in weitere Kreise zu tragen und denselben hierdurch in den Stand zu setzen, gesteigerten Anforderungen zu genügen. on Stettin, 11. Januar. Am 31. v. Mts. verschied hier nach kurzem Krankenlager die Frau Rabbiner Dr. Treuenfels, und mit Recht konnte Herr Dr. Bogelstein die Trauer um ihren Heimgang in seiner ergreifenden Rede als allgemeine bezeichnen, denn es trauern um ihren zu frühen Tod nicht nur Kinder, Enkel, Verwandte und Freunde, sondern alle, die sie kannten und ob ihrer vortrefflichen Eigenschaften verehrten. Sie füllte nicht nur den Platz an der Seite ihres vor neunzehn Jahren ihr vorangegangenen großen Gatten würdig aus, sondern verstand auch, wie Herr Dr. Bogelstein hervorhob, ihr Haus ganz wie zu Lebzeiten ihres in Gott ruhenden Mannes zu erhalten. Wer, wie Schreiber dieser Zeilen, über zweiundzwanzig Jahre die Verklärte nicht nur kannte, sondern die großen Züge ihres Lebens zu bewundern Gelegenheit hatte, der kann den Schmerz ermessen, nicht nur der Ihrigen, sondern aller Derer, die ihr nahe standen oder mit ihr in Berührung kamen. Hat sie schon während des Lebens ihres unvergeßlichen Mannes alles Gute und Edle unterstützt und gefördert, so stellte sie nach dem Tode desselben ihre ganze Kraft in den Dienst edler Werke echter Menschenliebe. Bon einer beispiellosen Anspruchslofigkeit und Bescheidenheit gegen sich selbst, machte es ihr eine besondere Freude, Andere durch Aufmerksamkeiten zu erfreuen und allen Denen Ehre zu erweisen, die ihr ehrenwerth erschienen. Zwei Hauptgrundzüge ihres Lebens waren ihr unbegrenztes Gottvertrauen und ihr Wohlthätigkeitssinn. Mit ihrem Gottvertrauen hat sie Andere aufzurichten verstanden, in Lagen des Mißgeschickes tröstete sie die Gebeugten und sprach ihnen Muth zu. Als Vorsteherin des Frauenvereins ging sie den Mitgliedern mit gutem Beispiel voran, wenn es galt. Kranke zu besuchen, bei Verstorbenen die letzten Liebesdienste zu versehen. Wir hatten begründete Hoffnung, sie zum Segen unserer Gemeinde noch eine Reihe von Jahren unter uns wandeln zu sehen, Gott hat es anders bestimmt. Von einer Berathung zur bevorstehenden Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Frauenvereins in unserer Gemeinde spät am Abend nach ihrer Wohnung heimgekehrt, erkrankte sie, und nach wenigen Tagen hauchte sie am Sabbath ihre reine Seele aus. Wohl giebt es noch in unserer Gemeinde edle Frauen, die im Geiste der Entschlafenen fortwirken, aber leider wird die Zahl immer geringer, und es wäre zu wünschen, daß auch aus der Mitte der jüngeren Frauenwelt recht viele Damen dem Beispiele der ehrwürdigen Frau folgen, deren Andenken bei Allen, die sie kannten, ein gesegnetes bleiben wird o. Breslau, 9. Januar. Sehr charakteristisch für das Verhältniß der jüdischen Studirenden zu den Andersgläubigen find die nunmehr erschienenen Verhandlungen der Elften schlesischen Direktoren - Konferenz. Es hatten in Schlesien Schüler: a) die Gymnasien Ostern 1894: 4696 evangelische, 3921 katholische und 1341 jüdische; im Winterhalbjahr 1896/97 4707 evangelische, 4435 katholische und 1244 jüdische; b) die Realgymnasien Ostern 1894: 1098 evangelische, 337 katholische und 181 jüdische; im Winterhalbjahr 1896/97: 1102 evangelische, 359 katholische und 178 jüdische; c) die Progymnasjen Ostern 1894: 91 evangelische, 85 katholische und 17 jüdische; im. Winterhalbjahr 1896/97: 76 evangelische, 114 katholische und 9 jüdische. Schlesien hatte 1890 Einwohner: katholische l) Auf eine dahingehende Mittheilung an Herrn Benas Levy, Klopstockstraße 35, werden dieselben kostenlos abgeholt.