Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Armen so viel Zeit und Kraft, aber ich meine, wo wahre Armuth und Bedürftigkeit herrscht, da fragt man nicht, ob Jude, ob Christ, Mensch ist Mensch, und jede Frau, die Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat, wird nur froh sein, Noth und Elend einigermaßen lindern zu können! Auch uns schwebt die Anschauung der Heiligen Schrift stets vor, auch dem Fremdling wohlzuthun und zu helfen! Mit verbindlichster Empfehlung und vorzüglichster Hochachtung Ihre ergebene Breslau, 31. Dezember 1897. Regina Neißer. Sehr geehrter Herr Redakteur! I us Anlaß des Festtages der heiligen Barbara (4. Dezember) bringen einige Zeitungen Legenden dieser Wetterheiligen. Gestatten Sie mir, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Heilige auch auf den jüdischen Kultus Einfluß geübt hat. Bekanntlich enthält das Achtzehngebet für den Winter eine besondere Fürbitte um Spendung eines segensreichen Thaus und Regens und wird mit dieser in der Vigilia des Barbarafestes begonnen. Es beweist dies, daß wir auch in religiöser Beziehung uns dem Einflüsse der Völker, in deren Mitte wir leben, nicht haben entziehen können. Andere Einflüsse find bemerkbar in dem Gebet vor dem festtäglichen Priestersegen des alten Siddur {ava% Tnorrjfuov diowooc). Auch das Gebet vor dem Lulabschütteln läßt den Einfluß christlicher Mystik nM verkennen, was wir gern entbehren wollen, wogegen ich ungern die kräftige Reaktion des NVV -p-D (jüS’öd “Q dx vb', ittxm twa bv vb) in dem neuen Gebetbuche vermisse. Ist doch dieses Gebetstück das jüdische „Eine feste Burg ist unser Gott". Hat doch unsere Kulturverfeinerung sogar das Ab harachamim vor dem Einheben der Thora, dessen kernige Bibelworte unsere gegenwärtige Generation sehr sympathisch berühren müßten, aus der Reihe der Gebete entfernt. Die Seelengebete, die Predigt, oder wenigstens die Art derselben, die Konfirmation, der Talar der Kultusbeamten, die Sonntagsheiligung und das Weihnachtsfest find Volkssttten, welche wir theils mit Nutzen, theils zu unserem Schaden übernommen haben. Diese Thatsachen beweisen, daß Israel nicht ein Volk ist, das für fich allein lebt und sich zu dem Volke, in dessen Mitte es lebt, nicht zählt, und. daß auch der Vorwurf Hamans, daß Israel sich um die Gesetze und Sitten seiner sogenannten „Wirthsvölker" nicht kümmere, unbegründet ist. Hochachtungsvoll Posen, im Dezember. Laicus. Geehrter Herr Redakteur! Su dem Artikel: Wie man in Handschuhsheim mauschelt, von Dr. M. Spanier in Hamburg, gestattet sich ein Heidelberger und Bekannter des Herrn Professor Dr. Lorenz einige Bemerkungen. Es ist gewissermaßen selbstverständlich, daß Lorenz nicht etwa nur den Dialekt von Handschuhsheim mit seiner Besprechung trifft, sondern mehr oder weniger den Dialekt der Gegend, was aber das Mauscheln und die Dialektworte hebräischen Ursprungs anlangt, so ist die gemeinte Gegend nicht zu eng aufzufassen. Die gebräuchlichen Mauschelworte find in der ganzen Pfalz, rechts und links des Rheins, zu einem Bestandtheil des Dialekts geworden uyd meist auch im Odenwald in Uebung. Die große Mehrzahl der diesen Dialekt sprechenden Personen hat bei einer ganzen Anzahl von Wörtern keine Ahnung, daß dieselben dem Hebräischen entstammen, während die Handelswörter aus dem Viehhandel, die Zahlwörter, die Bezeichnung der Münzen u. f. w. den Betreffenden wohl als „jüdisch" bekannt find. Es giebt viele Juden und namentlich junge Leute, denen die Handelßwörter ganz fremd sind, während der Bauer und Handwerker fie kenyt und nicht nur dem Handelsmann gegenüber, sondern stetig gebraucht. Andererseits erkennen Juden wohl den hebräischen Ursprung mancher Wörter und wissen auch deren Bedeutung, gebrauchen sie aber prinzipiell nicht, und es sind auch ihre Familien des Gebrauches solcher AusdrüÄe ganz entwöhnt. Daß in der Pfalz und im Odenwald, ebenso wie in Hessen, in Frankfurt a. M., diese jüdischen Dialektwörter, diese Mauschelausdrücke sich so sehr in den allgemeinen Dialekt einbürgerten und vielfach gar nicht mehr ob ihres Ursprungs erkannt und beachtet werden, liegt daran, daß in jenen Gebieten seit Jahrhunderten Juden ansässig waren und dementsprechend Einfluß auf den Dialekt üben mußten, wie auch in der Nähe der französischen Grenzen der Dialekt durch das Französtsch weniger Personen beeinflußt wurde. Im Elsaß wird dadurch in manchen Orten ein Gemisch von Judaismen Französismen mit dem Alemannischen und Oberdeutschen gesprochen, das manchem Mittel- oder Norddeutschen so fremd klingt wie Chinesisch. Die Juden mauscheln im Elsaß noch mehr als in der Pfalz, aber die Pfälzer mauscheln weniger als die Bauern und christlichen Geschäftsleute. Heidelberg, im Januar. in. m. Geehrter Herr Redakteur! >oeben habe ich durch Herrn Rabbiner Dr. Grabowski, Könitz, in Erfahrung gebracht, daß ein junger Mann, Namens Segall, früher in Tanger (Marokko), jetzt hier mit Familie wohnhaft, bei ihm erschienen wäre mit einem vom Vorstände gesiegelten Schreiben, worin er als hilfsbedürftig geschildert wurde, und dem er nicht nur eine ansehnliche Summe, sondern auch seinen Namen zur Verfügung stellte. Dieser p. Segall ist aber ein ganz gefährlicher Schwindler. Er ist weder von hier gebürtig noch hier wohnhaft. Vielmehr ist es ihm leider gelungen, erst vor 14 Tagen auch mich unter Vorzeigung eines gesiegelten Schreibens von Osche, Westpreußen, sowie mehrerer Empfehlungen von Rabbinern dahin zu täuschen, daß auch ich die Güte der hiesigen wohlthätigen Mitglieder für ihn in hohem Maße in Anspruch nahm. Wollen Sie gefälligst in Ihrem geschätzten Blatte vor diesem Schwindler warnen. Er ist ungefähr 30—35 Jahre alt, angeblich an der rechten Seite gelähmt, und versteht es, durch sein sehr feines und gebildetes Auftreten das Mitgefühl für sich zu erregen. Vielleicht gelingt es aus diesem Wege, sein Lügengewebe zu zerreißen. Lötzen, Ostpreußen, 28. Dezember. S. Weißrock, Lehrer. Sehr geehrter Herr Redakteur! „Prolog zur Chanukahfeier" enthält mehrere Druckfehler. Es fehlt eine vollständige Strophe, nämlich die sechste, also lautend: „Und Ihr, Ihr Mütter hoffnungsfroher Söhne, Sorgt mit dem Eifer, der zum Hohen strebt. Daß unsrer Lehre Geist in edler Schöne Mit Flammenspur ins Kindesherz sich gräbt. Vor Eurer Kinder Ohr es laut ertöne, Daß unsrer Väter Erbe ewig lebt : Daß allen Menschen unser Thun enthülle. Wie unerschöpflich unsres Erbes Fülle." Erst nach dieser muß dann die Schlußstrophe folgen. * In der zweiten Strophe, dritte Zeile, heißt es nicht „Die", sondern: „Da" Geistesknechtschaft u. s. w. Die Letzte Zeile derselben Strophe lautet richtig: „Bleibt in der Wogen Stürmen unvernichtet." In der fünften Strophe, sechste Zeile, heißt es nicht: „Stürmt vor", sondern: „Stürmt an, Ihr Freunde, u. s. w." Die Schlußzeilen des Prologs lauten, richtig gelesen: „Das Morgenroth erhellet schon die Höhen, Und jung im Wissensglanz wird Juda stehen! Und nicht „Höh'n" und „steh'n". Mit Hochachtung Berlin, 31. Dezember 1697. Henriette Hirschberg. ^n meiner Rezension von „Rippners vaterländische Reden" in der letzten Nummer (Seite 12, Zeile 15 von oben) findet sich ein finnstörender Fehler. Es muß heißen: „Denn was nicht wahr ist, kann nie geistreich sein". ' Mit erg. Gruß Ihr Göttingen, 8. Januar. Dr. B. Jacob. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.