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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 Gar freundlich scheint, was sie hier schauen. Und zögernd wenden fie den Schritt, „Ich möchte auch wohl Hütten bauen," Spricht Franz, „und essen möcht' ich mit!" * 5. Bild. Sederabend. Zum Passahfeste ist das Mahl bereitet. Der Hausherr sitzt im festlichen Gewände, Behaglich angelehnt zum Vortrag der Hagadah, Zunächst heißt er des Hauses Pforte öffnen Und ruft: „Wer hungrig ist, der komme Und sätt'ge sich an unsrer Festestafel!" — Dann schmückt er die beginnende Erzählung Mit klugem Wort, der Jugend zum Berständniß. „Wir waren Knechte einst im Land Aegypten, Jetzt sind wir frei, und Dank gebührt dem Höchsten. Und dennoch ruht ein Druck auf uns'rem Volke, Und nach Erlösung streben wir noch heute. Dort steht ein Stuhl! dort ein gefüllter Becher, Die eines unfichtbaren Gastes harren. Den wir mit fester Zuversicht erwarten. Der uns hinausführt zum gelobten Lande Wo friedlich unter'm Oelbaum Jeder fitzend. Sich unbeschränkten Menschenrechts erfreue. Dies hoffen wir nach jenem alten Spruche: „Im künft'gen Jahre in Jerusalem!" Darauf erhebt fich nun der fremde Schriftgelehrte, Der große Forscher Rabbi Elieser Den alten Spruch auf and're Art zu deuten. „Das Land, das uns geboren, ist uns Heimath, Hier haften wir mit allen Lebensfasern, Und fest verwachsen mit der Heimath Erde, Jst's unser Wunsch, in ihr einst auszuruh'u. Jerusalem ist ein Symbol! Der Hort des Friedens, Den wir uns wünschen, hier, im Vaterlands." Und schelmisch lächelnd hebt er nun den Becher Zur Sarah hingewandt, des Gastfreunds Tochter, Und spricht: „Auch dir, du Zierde dieses Hauses, Wünsch ich im künft'gen Jahr: „Jerusalem", Den Segen, mein ich, einer eignen Häuslichkeit, Wo du zur Seite des geliebten Gatten Zum ersten Mal das Passahfest bereitest, In diesem Sinne lad ich mich zu Gaste Im künft'gen Jahre in Jerusalem!" .Die Becher klingen fröhlich an einander. Die schöne Sarah schlägt die Augen nieder. Und als fie Nachts vom Traum umgaukelt ruht. Da tönt der alte Spruch mit neuer Deutung Gar lieblich wieder in der Jungfrau Herzen: Im künft'gen Jahre in Jerusalem. * 6. Bild. Bar-Mizwah-vortrag. Ein hoffnungsvoller Sohn des Hauses hat Geburtstag, Und zwar den dreizehnten, wo er zum ersten Male Der Ehre theilhaft, vor der Thora zu erscheinen. Die Feier in der Synagoge ist beendet. Und alle Glieder, Freunde der Familie Sind andachtsvoll versammelt, um die Rede Des jungen Konfirmanden anzuhören. Der Knabe hat das Wort, um eine vielumstritt'ne, Geheimnißvolle Stelle uns'res Talmud Im Geist der eig'nen Forschung auszulegen. Bewundernd lauscht der Vater seiner Rede, Die hochgelehrt ihm scheint, da er sie nicht begreift. Mit Stolz und Freude horcht entzückt die Mutter, Da ihr das Glück ward, solchen Sohn zu haben. Voll Spannung folgt der Lehrer seinem Schüler, Erkennend freudig, daß das Samenkorn, Das er in diese junge Seele pflanzte. Gar herrlich fich entfaltet und veredelt. Gefchloss'nen Aug's ergötzet sich der Oheim, Der ein gewiegter Kenner und Verehrer Talmudischer Gespräche und Dispute An seines Neffen früher Geistesschärfe. Für ihn ist jedes Wort ein Leckerbissen. Und mit Behagen schwelgt er im Genüsse, So lauschet Alles, rings gebannt im Kreise, Und selbst die Katze lauscht voll Andacht mit. Im Lehnstuhl aber sitzt der weise Rabbi, Nur scheinbar auf des Knaben Vortrag achtend. Denn traumverloren blickt er in die Ferne, Und seinem ahnungsvollen Geist enthüllt sich Prophetisch schon das Werdende und Künft'ge. In diesem Knaben mit der Denkerstirne Erkennt er schon den einst'gen Geisteshelden, Den Träger einer neuen Zeit, der weit hinauswächst Aus des verschlossenen Ghettos engen Mauern, Des Lichts und der Erkenntniß Fackel schwingend. Die Ketten die uns halten, niederreißend. Und Duldung — Liebe — Menschlichkeit verkündend. O! möge Friede walten einst auf Erden, Der Traum des edlen Rabbi Wahrheit werden! Kprechsaal. Hochverehrte Redaktion! s ist nur zu natürlich, daß das große, weitverzweigte Gebiet, (s^& Nächstenliebe und Wohlthätigkeit zu üben, eine lebhafte Polemik an dieser Stelle hervorgerufen hat, und ich bin Ihnen ganz besonders zu Dank verbunden, daß sie derselben einen so breiten Platz einräumen. Gestalten Sie mir noch einige Bemerkungen. Es ist ebenfalls nur zu natürlich, daß die Juden, ob orthodox, ob freisinnig, doch ihre Wohlthaten vorzugsweise gern in erster Reihe ihren bedürftigen Glaubensgenossen angedeihen lassen. Herr S. Blumenau thut aber meiner Freundin Unrecht, wenn er meint, ihre Ausführungen seien geeignet, dem Vorurthell der Juden, ihre Wohlthaten nur oder vorzugsweise ihren bedürftigen Glaubensgenossen zuzuwenden, Vorschub zu leisten. Meine Freundin betonte ja am Anfänge ihres Briefes, sie habe dem Arbeiter, der sie in der Straße um etwas ansprach, sofort ein Almosen gegeben; und obgleich sie in ihrer Bescheidenheit nicht mit ihren Wohlthaten prunkt, weiß ich, daß sie ihre alte christliche Nähfrau, arme christliche Hausgenossen ebenfalls durch Geld und Lebensmittel unterstützt. Gerade hier in Breslau sind die jüdischen freidenkenden Frauen insbesondere durch den thätigen Antheil, den sie an der Armenpflege nehmen, bemüht, den Antisemitismus zu entkräften und zur Verwirklichung des herrlichen Wortes: „Ein Vater im Himmel, eine Bruderfamilie auf Erden" beizutragen. Seit zwei Jahren existirt ein Armenpflegerinnenverein, dessen tüchtigste Stützen jüdische Frauen freidenkender Kreise bilden, dessen Wohlthaten jedoch zumeist den christlichen Armen, bei Weitem weniger den jüdischen zu gute kommen. Ich selbst bin Mrmenpflegerin, und ich kann wohl sagen, so trostlose Bilder von Jammer und Elend, wie fie sich meinen Blicken oft in den Wohnungen der schriftlichen Armen darbieten, so daß ich oft ganz traurig heimkehre, findet man glücklicherweise nur selten. Dank der großartigen jüdischen Nächstenliebe, in den Wohnungen unserer armen Glaubensgenossen. Man macht namentlich hier in Breslau in orthodoxen Kreisen uns jüdischen Frauen freisinniger Richtung den Vorwurf, wir widmen den christlichen

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