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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 Verbindender Tert;n sechs lebenden Bildern aus dem altjüdischen Familienleben. Nach Gemälden von Professor Oppenheim. Von Julius Barsdorf.*) s rauscht die Zeit einher mit nimmermüden Schwingen, *§ Sie fegt das Alte fort und wecket junges Leben. Nach vorwärts strebt der Geist, sich and're Bahnen suchend, Und ringet ohne Rast nach steter Neugestaltung. Das altehrwürd'ge Kleid, das unsere Väter trugen. Es sank schon längst dahin, den neuen Moden weichend. Und mit dem Kleid zugleich sind auch die alten Bräuche, Vererbt durch die Jahrtausende, allmälig hingeschwunden. Nur Wenigen noch vertraut, von Andern halb vergessen. Gar Vielen unbekannt und mitleidsvoll belächelt. Und dennoch ruht in diesen alten Formen Ost tiefer Sinn, dess' Deutung wohl verlohnte. Und jenes alte Kleid, es war die schlichte Hülle Für wahre Frömmigkeit und tugendhaften Wandel. Es war kein Prachtgewand, und nicht auf Markt und Straßen Verstanden unfire Väter stolz zu prunken. Es war das Haus die Stätte ihres Glückes, Geheiligt durch die Bande der Familie. Ein märchenhafter Zauber spann sich damals Um unfern Sabbath und die Feiertage, Und erst nach weihevoller Vorbereitung Schritt man dazu, sie würdig zu begehen. * 1. Bild. Sabbathanfang. Wie schön war's, wenn des Abendsterns Gefunkel Des lieben Sabbaths Anbeginn verkündet. Die Mutter scheucht des Zimmers traulich Dunkel, Indem die Silberlampe sie entzündet. Sie blickt so stolz umher, so ganz befriedigt Von ihres Hauses sauberer Festlichkeit, Schneeweißes Linnen deckt bereits die Tafel, Und duft'ges Brod, es ladet zum Genüsse, Dort wartet schon der Wein aus durstige Kehlen, Und sicher wird dem Mahl der gute Fisch nicht fehlen. - Jetzt mahnt der Sohn: ,/s ist Zeit zur Synagoge," Doch braucht der Vater diese Mahnung nicht. Er kennt die Zeit, er weiß, daß sie gekommen. Und aus Gewohnheit nur zieht er die Uhr zu Rathe. Dann eilen sie auf oft betret'nen Wegen, Gleich wie der Jüngling strebt der Braut entgegen. * 2. Bild. Freitag Abend. In jedes Haus ist Sabbath eingezogeu. In jede Hütte wirft er seinen Schein, Gefüllt mit Betern sind die Synagogen, Und Friede zieht in alle Herzen ein. Der Vater kehrt zu seines Hauses Schwelle, Den arrnen Fremdling führt er gastlich mit. Der staunend zagt an dieser lautern Quelle Des Elternglücks, die ihm entgegentritt. l) Diese Dichtung ist von einem jungen Kaufmanu in Krefeld s. Z. zu dem projektirten Jubiläumsfeste des Oberrabbiners Dr. Horowitz gedichtet worden; leider hat damals das.Fest nicht stattfinden können und auch der begabte Autor der Dichtung ist inzwischen in der Blüthe seines Lebens verschieden. Der poetische Text wurde aber bei dem letzten Chanukahfest des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur mit großer Wirkung vorgetragen und wird diese Wirkung sicher auch bei künftigen Festen nicht verfehlen. Die Red. Denn segnend streckt der Vater seine Hände Auf seiner Kinder vielgeliebtes Haupt, Und fleht, daß ihr Geschick zum Guten wende Der Gott, an dessen Führung fest er glaubt. Der Fremdling denkt an längst entschwundene Zeiten, Denkt seiner Jugend, Heimath, Elternhaus, Der Wehmuth Thräne will dem Auge entgleiten. Und wie ein Dieb schlich er sich gern hinaus. Doch Gastlichkeit und wahre Herzensgüte, Sie laden ihn zum Mahle freundlich ein. Und stegreich dringt in sein verwaist Gemüthe Ein Strahl des Sabbathsegens auch hinein! * 3. Bild. Sabbath Nachmittag. Die Nacht verging, der Tag ist angebrochen. Der Morgen und das Mittagsmahl vorbei. Der Hausherr hat das Tischgebet gesprochen Und wünscht, daß nunmehr tiefe Stille sei. Der Knabe mag ihm aus der Zeitung lesen. Verworren dringt zum Ohre ihm der Ton, Was kümmert ihn das Schicksal der Chinesen? Nach kurzer Frist ist er entschlummert schon. Der Jüngling hat den Talmud aufgeschlagen. Doch sucht er nicht der Lehre dunklen Sinn, Er blickt empor mit schüchternem Behagen Zur holden Maid, dort strebt sein Auge hin. Denn Frühling ist's, der Blumen holde Düfte Ziehen ungehemmt durchs offne Fenster ein, Die Lerche schwingt sich jubelnd in die Lüfte, Die ganze Welt erglänzt im Sonnenschein. Es ist die schönste aller Weihestunden, Die Jungfrau senkt erröthend ihren Blick, Da ohne Wort die Herzen sich gefunden Und sind erwacht zu jungem Liebesglück. Es mag die Zeit das Zeitliche gestalten Zu andern, neuen Formen immerdar. Das Unvergängliche wird nie veralten, Die Liebe bleibt so, wie sie ewig war. * 4. Bild. Laubhüttenfest. Wenn auf den Sommer folgt der Regen, Der Herbstwind über Stoppeln bläst. Dann feiert man der Ernte Segen, Das liebliche Laubhüttenfest. Mit Früchten ist geschmückt die Hütte, Mit bunten Bändern reich verziert. Und drinnen steht nach alter Sitte Der Tisch gedeckt, wie sich's gebührt. Längst waren Franz und Fritz begierig. Der Hütte Inneres zu schau'n. Doch scheint dies Unternehmen schwierig. Obschon durchschlüpft der Gartenzaun. Ein wenig hoch ist hier das Fenster, Doch geht's zur Noth, wenn man sich streckt. Was Fritz nun sieht, sind nicht Gespenster, Und kein Geheimniß er entdeckt. Noch muthiger ist Franz indessen. Er naht verwegen sich dem Ort, Die schmucke Köchin bringt das Essen, Sieht ihn und scheucht ihn doch nicht fort!

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