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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 Geduldig ließ sich Calpurnia schmücken;'sie, deren Zorn die Sklavinnen stets bei der Toilette zumeist zu fühlen hatten, war heute von erstaunlicher Milde, ja ihre Sanftmuth ging so weit, daß sie, nach einem Blick in den Spiegel, der ihr Bild strahlend entgegenwarf, die Mädchen belobte und jeder ein kostbares Geschmeide schenkte. Sie war heute so glücklich, so froh, so leicht; sie wußte sich selbst nicht zu deuten, was ihr das Herz so erbeben machte vor freudiger Lust. Sie konnte nicht anders: Sie mußte lachen, helllaut auflachen gleich einem Kinde. Da trat Ascletarion ein. Betroffen über diesen Ausbruch tollen Uebermuthes, blieb er an der Schwelle stehen. , „Die Götter haben Dir einen guten Schlaf gewährt, Du lachst so vergnügt, und auf Deinen Zügen strahlt die Freude." „Ach, Ascletarion!" sagte sie, nachdem sie mit kurzem Wink ihrer Augen die Sklavinnen hinausgescheucht hatte, „verüble mir dies Lachen nicht! Ich bin heute so überaus fröhlich, daß ich tanzen könnte — und wahrlich, Du warst stets der Letzte, der meinen Frohsinn schmähte — oder." setzte sie stockend hinzu, „meinst Dll, ich hätte keinen Grund, um froh zu sein?" „Nein!" kam es schroff von den Lippen des Wahrsagers. Betroffen war sie zurückgewichen, und angsterfüllt bohrten sich ihre Augen in das Antlitz ihres Gastes. Mit einer heftigen Bewegung hatte sie seinen Arm erfaßt und hielt ihn mit krampfhaftem Drucke fest. „Die Götter stehen mir bei! Welche Unglücksmär bringst Du mir? Hat mich Domitian verlassen?" „Noch nicht," klang es rauh aus des Alten Kehle, „aber . ." „Aber," drängte sie, und das Blut schoß ihr siedend heiß nach dem Kopfe, „aber — foltere mich nicht, sprich es aus . . . Domitian liebt eine Andere? Oder ist's noch nicht so weit, und es ist blos das Bild einer Anderen, die mich aus seinem Herzen verdrängen will?" „Du sagst es . . Noch ist nichts geschehen, allein das Aergste,zu befürchten — und ich fürchte, bei des Cäsars ungebändigter Leidenschaftlichkeit wird man nicht lange zu warten haben, und bald sieht der Hof die Nachfolgerin Calpurnias." „Ehe das geschieht," unterbrach ihn mit wilden, wüthigen Geberden Calpurnia, ,,eh' ich zusähe, wie eine Andere an meine Stelle tritt, eh'.. ." „Nun, und was könntest Du thun? Wir sind ohnmächtig dem Willen des Höchsten gegenüber. Und nun gar Domitian, hat er je das Recht walten laffen, hat er vor Bösem je zurückgeschreckt, wenn es galt, seinen Willen zu befriedigen?" „Ja, Du sprichst wahr," sagte sie, „er hat die Menschen nie geschont, aber was kümmert's uns? Mag er über die Köpfe Anderer hinwegschreiten, wir beide lassen uns nimmer unterjochen! Wir wollen mit allen Mitteln gegen den Untergang kämpfen — allein, vielleicht ist die Gefahr nicht nahe, vielleicht wardst Du getäuscht." „Du irrst, Calpurnia, was uns bedroht..." „Um der Göttin willen," unterbrach ihn heftig Calpurnia, „was hast Du mir zu künden?" Und athemlos hingen ihre vor Angst verzerrten Mienen an seinem Munde. „Was uns bedroht, davon später. Laß Dir zuerst über den ungnädigen Empfang berichten, der. Deinem Oheim heute vom Cäsar zutheil wurde." „Nein, davon später," rief zornig Calpurnia, „vor allem laß mich wiffen, was Du gesehen, auf daß wir die Größe unseres Unheils messen." „Dein Wille geschehe, doch gestatte Deinem Ascletarion, hier an Deiner Seite Platz zu nehmen, die alten Beine wollen mich nicht mehr stützen." „Beginne! Mich verzehrt die Angst!" rief sie. „Mel zu früh für Deine Ruhe sollst Du alles hören. So vernimm denn und faffe Muth. Der Cäsar, Dein kaiserlicher Freund, ist liebestoll vor Sehnsucht nach einer . . . Jüdin." „Eine Jüdin!" kreischte sie auf, dann aber brach sie in ein konvulsivisches Lachen aus, „ha, ha, ha, eine Jüdin, und damit schreckst Du mich? Ein solches Geschöpf sollte Calpurnia gefährlich werden? Nein, Du hast mich zu sehr und ohne Grund geängstigt." „Wenn Du mich zu Ende hören wolltest, dann wirst Du selbst urtheilen, wie schlecht unsere Sache steht. Domitian hat in den Straßen Roms — ich weiß nicht wann, ich weiß auch nicht genau wo — ein Judenmädchen von berückendem Liebreiz gesehen, und seit dem Tage, an dem er ihr begegnet, faselt der Kaiser in schier endlosem Entzücken von der wahrhaft göttlichen Schönheit dieses Judenmädchens." „Mag er doch faseln, bis sein bischen Verstand in die Brüche geht," höhnte Calpurnia. „Es ist beim bloßen Schwärmen nicht geblieben; Du kennst Domitian. Er will, und es geschieht! Nun hat der Kaiser — ich hab's aus sicherem Munde, ich bin bei Hofe gut bedient — Befehl ertheilt, das Mädchen vor sein Angesicht zu bringen, und schwört bei des Cäsars Wort, daß er sie zu der Seinen mache, gälte es, darum die Kaiserin und alle Calpurnien Roms zu verstoßen." „Und was ist geschehen?" fragte sie tonlos. „Viel und dennoch nichts!" lautete die im raschen Ton gegebene Antwort Ascletarions. Calpurnia war von ihrem Sitze in die Höhe geschnellt und durchmaß jetzt mit unruhigen Schritten das Gemach; Ascletarion blickte ihr eine Weile nach, dann ergriff er aufs Neue das Wort. „Wir müssen handeln, Calpurnia, nicht ziemt es uns jetzt, zu klagen oder gar die Hände in den Schoß zu legen, noch in ohnmächtiger Wuth Thränenströnle zu vergießen." „Ach, mein Ascletarion," klagte sie, „Du ahnst nicht, wie sehr ich leide; ich habe so fest än Domitians Liebe geglaubt, daß nichts diesen Glauben zu erschüttern vermochte, — und nun — oh, und wenn ich denke, wie er mir noch in diesen Tagen Liebe geschworen, mich seine Königin genannt, oh, und nun jetzt das Ende . . ." „Nicht das Ende; spare Deine Thränen, Mädchen, jetzt ist's nicht Zeit zu nutzlosem Jammern; ermanne Dich, komm her, sei wieder die vernünftige Calpurnia, vor deren Witz sich selbst die Philosophen Roms beugen, und laß uns Mittel finden, das Unglück aus dem Wege zu räumen." Sie hatte sich die Thränen getrocknet, die in schweren Tropfen über ihre Wangen rollten, dann schritt sie an den schweren Vorhang hin, der das Gemach, in dem sie sich befanden, von den Anderen trennte, in dem sich die Dienerinnen aufhielten, und nachdem sie sich durch einen raschen Blick überzeugt hatte, daß kein Lauscher in der Nähe, rückte sie ein Kiffen zurecht, und das thränenfeuchte Antlitz auf Ascletarions Knie gebettet, lauschte sie athemlos seiner Rede. ' (Fortsetzung folgt.) n

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