Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 Eine alte jüdische Kolonie in China. Bon E. M. Köhler in Gera. hina und seine Beziehungen zum Auslande in verflossenen Jahrhunderten bieten dem Forscher ein weites Feld. Gerade die strenge Abgeschlosienheit. die das Volk gegenüber anderen Nationen bewahren zu wollen gesucht, ist es. die uns solche geschichtliche Thatsachen interessant macht, nach denen diese streng beobachtete Politik durch höhere Fügung zeitweise gebrochen zu sein scheint. Jetzt sind wir Dank den Forschungen gelehrter Sinologen über manche Erscheinungen dieser Art aufgeklärt. Dunkel bleibt nur noch ein Ereigniß, das wohl mit zu den interessantesten gerechnet werden darf. Es ist dies die Einwanderung einer größeren Anzahl von Israeliten in das Herz des damaligen chinesischen Reiches vor nunmehr fast 2000 Jahren. Schon längst ist die Existenz einer solchen jüdischen Kolonie in China bekannt gewesen, aber wenige genaue Angaben über ihre frühere Kopfzahl, ihre Lebenslage und ihre Wohnsitze sind vorhanden. Was wir darüber in den Schriften früherer Reisenden finden, ist zu unvollständig, um ein klares Bild zu geben. Nach der Ansicht eines Engländers, Mr. Finn, muß die Einwanderung nach der Wiedererrichtung von Chaldäa stattgefunden haben, denn sie hatten die seleucidische Zeitrechnung angenommen, beobachteten viele rabbinische Sitten, und ihre mitgebrachten heiligen Bücher enthielten die Schriften des Maleachi und Sacharja bereits. Höchstwahrscheinlich kamen sie auf der Nordwestroute nach China, einer Straße, die auch von anderer Seite zu Einwanderungen benutzt worden ist. Es liegen keine Gründe vor, daran zu zweifeln, daß dies unter der Han-Dynastie (regierte von 200 vor bis 25 nach Christi) geschehen sei, wie sie auf Grund mündlicher Ueberlieferung selbst angeben. Interessant ist diese Erscheinung alsdann auch insofern, als in jener Zeit der Buddhismus in China eingeführt wurde. Seit den letzten drei Jahrhunderten haben sie alle in Kai-fong-fu, der Hauptstadt der Provinz Honan (Nordchina), gelebt. Früher sind sie auch in anderen Städten des Reiches zu finden gewesen. Jedoch fehlen uns in dieser Beziehung, wie bereits gesagt, zuverlässige Angaben. Der bekannte Marco Polo erwähnt ihr Vorkommen in Cambaluc, wie er Peking nennt, indem er den damaligen mongolischen Namen dieser Stadt, Khan-baligh, d. h. Stadt des Königs, etwas verstümmelte. Seine Zeitgenosien Johann von Montecorvino und Marignolli thun daffelbe. Ebenso finden wir diese Thatsache in den Schriften des Abu-Abdullah Mahomed erwähnt, der im Anfänge des 14. Jahrhunderts seine großen Reisen in Asien machte, und der schon zu seinen Lebzeiten den Namen Jbn-Batuta, d. i. „der Reisende", erhielt. In den Annalen der sogenannte Auen- oder mongolischen Dynastie (1280 bis 1368 regierten die Nachkommen Ghingis-Khans in China) werden sie zuerst im Jahre 1329 erwähnt. Im Jahre 1354 wurden sie laut dieser Quelle von dem Herrscher aufgefordert, nach Peking zu kommen, um ihn und seinen schwankenden Thron gegen die Rebellen, die die Fremdherrscher vertreiben wollten, zu unterstützen. Sie wurden damals Shu-hwu oder Jehudi genannt. Ihre Anzahl muß damals groß gewesen sein. Denn einmal stellt man sie den Muhamedanern gleich, die man ebenfalls um Hilfe anging. Andererseits konnten sie nur dann eine erwähnenswerthe Hilfe an Streitern und Geldmitteln stellen. Weitere Forschungen in den offiziellen Geschichtsbüchern der Chinesen werden ohne Zweifel noch weitere Angaben über dies« Juden zu Tage fördern. Die jüdische Gemeinde war den Chinesen unter dem Namkn Tiao - chin - chiao oder Sekte, die die Sehne auszieht" bekannt. de Guignes sagt an einer Stelle seiner Memoiren, sie wurden auch Lan-mao-hui-tze, d. h. „Muhamedaner mit der blauen Kappe", genannt, da sie in der Synagoge eine blaue Mütze trugen. Aber der letztere der beiden Namen scheint blos ein lokaler gewesen zu sein. Hui-tzo oder auch Hui-hui ist obendrein mehr ein Schimpfwort, das der Gaffenbubr dem Muhamedaner nachruft, der leicht kenntlich ist an der Art, wie er den Schnurrbart trägt. Die erste Beschreibung dieser Kolonie haben wir von dem Jesuitenpater Gozani. Sie stammt aus dem Jahre 1700. Aus ihr geht hervor, daß damals der Tsing-chin-sse oder „Reine und wahre Tempel" ein großer Gebäudekomplex war, der aus vier großen, von einander getrennten Höfen bestand. Zahlreiche Gebäude, welche diese Höfe umgaben, dienten zum Gottesdienst, als Wohnungen der Priester und zu anderen Zwecken. Die Li-pai-sse oder Synagoge maß ungefähr 20 x 15 Meter. Bor ihr befand sich ein Portico, der aus einer Doppelreihe von je vier Säulen gebildet wurde. Hier mitten stand der „Thron des Moses", ein prächtig gearbeiteter Stuhl mit kunstvoll gesticktem Kisten, auf dem das „Gesetz" lag, während es der Gemeinde vorgelesen wurde. Diese Beschreibung Gozanis war für lange Zeit das Einzige und Letzte, was wir über die Gemeinde wußten. Da sandte der englische Bischof Smith von Shanghei zwei znm Christenthum übergetretene Chinesen nach Kaifong, um über die derzeitige Lage der jüdischen Gemeinde Erkundigungen anzustelle». Die Leute verstanden zwar nicht Hebräisch, man hatte sie aber gelehrt, die Buchstaben der hebräischen Sprache zu kopiren, so daß sie eventuelle Kopien von Inschriften zu nehmen im Stande waren. Ihren Auftrag vollführten die beiden Chinesen in einer lobenswerthen Weise. Unter Anderen brachten sie einen Theil des Alten Testamentes, das auf eine Art Pergamentpapier geschrieben war, mit nach Shanghei. Dieses Buch mußte allem Anschein nach bereits sehr alt sein. Ihr weiterer Bericht brachte weniger erfreuliche Kunde. Die Synagoge hatte durch die große Ueberschwemmung im Jahre 1849 sehr gelitten. Die Gemeinde, welche vielleicht noch 200 Seelen zählte, hatten sie in tiefster Armuth, Unwiffenheit und Niedergeschlagenheit gefunden. Keiner von ihnen verstand ein Wort Hebräisch. Viele der Gebäude, die Gozani in seinen Schilderungen erwähnte, hatte man des Materials wegen verkauft, um aus dem Erlös das Leben zu fristen. Im Februar 1866 besuchte W. A. P. Martin, der Direktor des Tung-wen-kwan, oder Institut für ausländische Sprachen (und Bildung), Peking, Kaifong und sah, daß die Verhältnisse sich in den inzwischen vergangenen 15 Jahren noch mehr verschlimmert hatten. Nachdem er vom Mollah (Priester) einer Moschee erfahrtzi, wo die jüdische Gemeinde lebe, begab er sich, gefolgt von einer Schaar Neugieriger, nach einem offenen Platz, in besten Mitte ein einzelner Stein stand. Eine Inschrift auf der einen Seite desselben nannte die Errichtung der Synagoge als in das Jahr 1183 fallend. Die andere Seite kündete einen Wiederaufbau derselben im Jahre 1488. Martin schreibt über die Ergebniffe seiner Nachforschungen: „Sind einige unter Euch aus dem Hause Israel," fragte ich die umstehenden Neugierigen. „Ich bin einer," antwortete ein junger Mann, besten Gesicht das Gesagte bestätigte. Bald traten Mehrere hervor, so daß ich schließlich Vertreter von sechs der sieben Familien, in die die Kolonie sich theilt, vor mir sah. Da auf diesem Platz, wo selbst die Grundsteine der Synagoge aus dem Boden genommen waren, so daß thatsächlich kein Stein auf dem anderen geblieben waren, gestanden sie mit Scham und Kummer, daß sie selbst ihr einst so stattliches und schönes Heiligthum niedergeristen hätten. Lange schon wäre die Synagoge in einen» ruinenartigen Zustand ■ mm m