Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 tragen. Ein polnischer „Schlachziz" mit allen Tugenden und Fehlern dieser Rasse. Bevor Badeni nach Wien gefahren ist, hat er einer ihn beglückwünschenden Deputation der jüdischen Kultusvorstände in aller Form das Versprechen gegeben, daß er Lueger nie und nimmer zum Bürgermeister bestätigen wird. Er warf sich stolz in die Brust und versicherte: „Ich werde mit dieser Bande schon fertig werden!" Ipsissima verba! Nun, er ist mit dieser Bande nicht fertig geworden. Aber ihn trifft die Schuld nicht. Seine polnischen Landsleute haben gleich gegen ihn zu wühlen angefangen. Die Zaleskis waren zu sehr mit den Lueger und Liechtenstein befreundet, als daß sie ihnen diesen Freundschaftsdienst hätten - verweigern können. Und so wurde es dem Grafen Badeni unmöglich, die messianischen Hoffnungen zu erfüllen, die die Juden, voreilig, wie sie sind, in ihn gesetzt haben. Aber einen Vortheil hatten die Juden doch von der Regierung Badenis: sie bekamen, — wie die deutsch-nationalen Antisemiten es in alle Lande hinausposaunt haben, — eine kurze „Schonzeit". Die tschechischen Sprachenverordnungen ließen den Deutschen keine Zeit und keine Muße, sich auch mit den Juden zu beschäftigen. Freilich war diese Schonzeit nur von kurzer Dauer und übrigens auch nur einseitig. Sobald die Christlich-sozialen nur freie Hand bekamen und dem Grafen Badeni hart an den Leib rücken durften, suchten sie sofort den jüdischen Sündenbock heraus. Sie suchten und fanden den einzigen Juden, — natürlich einen getauften, — der sich innerhalb des Gesichtsfeldes befand — den Sektionschef Halban- Blumenstock. Mit einem Satz war der Jude an allem schuld, was an Unbill den Deutschen zugefügt wurde.... Cherchez le juif! ... So fanden die Deutschen, daß die Jude» den verhaßten Badeni gegen sie aufhetzen, während die Tschechen ihrerseits den Juden die Schuld zuschrieben, den Sturz des Ministeriums Badeni verursacht zu haben. Die Tschechen, als ein Volk der That, haben auch dafür blutige Rache genommen, — siehe die Zeitungsberichte über die grausamen Pöbelexzeffe der civilisirt sein wollenden tschechischen Nation. Allenfalls, der Jude ist der Prügelknabe — eine alte Geschichte. Auch in der „hohen" österreichischen Delegation, wo ein etwas vornehmerer Ton und etwas urbanere Umgangsformen herrschen, als es sonst in den österreichischen gesetzgebenden Körperschaften üblich ist, versuchte der streitbare Pfarrer aus St. Pölten, Msgr. Scheicher, einen rüden antisemitischen Ton anzuschlagen. Freilich nicht mit demselben Erfolg, wie er ihn gewöhnlich in seinen Versammlungen zu erreichen pflegt. Es handelte sich da nämlich um die Budgetpost für das Verwaltungsgebiet Bosnien und Herzegowina. Da soll es s»rchtbar hergehen, meint der wahrheitsliebende Herr Pfarrer. Und wer trägt an diesen trostlosen Verhältnissen die Schuld? Nun, natürlich die Juden. Minister Kallay war merkwürdigerweise auf diese Anzapfung vorbereitet. Woher? Er kennt eben seine Pappenheimer. . . Er ließ einfach die Zahlen sprechen. In dem ganzen Lande sind kaum 8000 jüdische Einwohner, also kaum Vs pCt. der Gesammtbevölkerung. Davon sind über 5000 Spagnolen, die also zu den ältesten Bewohnern des Landes gehören. Von den etwas über 2000 jüdischen Einwanderern soll also das Land verjudet sein. Und doch spricht der Herr Pfarrer die Wahrheit, denn er ist ja ein Priester und verkündet seinen Schafen Lehren des Heils. Ach, die Juden! Wie sie alles vernichten oder doch mindestens verderben. Nicht einmal das bischen Idealismus lasse« sie in der Jugend aufkommen. So klagte bitter die akademische Jugend hier zu Lande. Da haben die Universitätshörer in Krakau ein Manifest an die Menschheit erlaffen, in dem sie die Sozialisten und natürlich besonders die Juden beschuldigen, daß sie die patriotische Gesinnung untergraben. Aber diese künftigen Führer der Menschheit, zunächst freilich der polnischen, versichern hoch und heilig, daß sie trotz der Juden doch furchtbar patriotisch bleiben. Vermuthlich so lange, bis sie zu Abgeordneten-Mandaten und im Allgemeinen zur Schlachzizenmoral heraufgesunken sein werden. Wunderbare Perspektive das für unsere Zukunft! Und doch hat sich nur ein kleines Häuflein von jüdischen Universitätshörern gefunden, die darauf mit einem Gegenmanifest reagirten. In diesem in ebenso maßvollen wie energischen Worten abgefaßten Manifest betonen die jüdisch-nationalen Studenten, daß sie es für unwürdig halten, sich einem anderen Volke aufzuwerfen. Sie fordern Respekt für ihre nationaljüdische Gesinnung, besonders von Seiten der .Polen, die ja nicht überall dieselbe Begünstigung und Förderung ihrer nationalen Aspirationen finden. Sie wollen nur Mitarbeiten bei der Gründung und Entwickelung einer eigenen jüdischen Kultur auf europäischem Niveau. Wie wir hören, hat dieses schöne Manifest einen sehr guten Eindruck gemacht in offiziellen Universitätskreisen. Die Herren sind eben nicht sehr gewöhnt an ein mannhaftes und offenes Auftreten ihrer jüdischen Hörer. Wenn wir nun von der äußeren Lage der Juden den Blick wegwenden nach den Verhältnissen innerhalb der jüdischen Gemeinden selbst, so werden wir immer wieder an das Heine'sche: „Schlecht geschützt ist Israel" erinnert. Auch hier trostlose Oede. Man sollte meinen, daß sich die Juden doch angesichts des äußeren Feindes enger an einander anschließen müssen. Man haßt sie so herzlich, man verfolgt sie so rücksichts- und schonungslos, man sägt ihnen so systematisch in praktischem, unbenanntem Antisemitismus — der galizische Antisemitismus ist bekanntlich ohne Etiquette! — jeden noch so dürren Nahrungszweig ab, — und sie finden noch immer Zeit und Geduld, unter einander zu kämpfen, freilich um des Kaisers Bart. Da ist z. B. jetzt die Frage der Gemeindestatuten auf der Tagesordnung. Nach dem „Gesetze, betreffend die Regelung der äußeren Gemeindeverhältniffe der Israeliten vom Jahre 1891" sollen sämmtliche Gemeinden ein neues Statut abfaffen und zur behördlichen Genehmigung unterbreiten. Die Angelegenheit erhitzt nun schon jahrelang die Gemüther und erregt von Zeit zu Zeit einen lächerlich-ernsten Sturm im Glase Waffer. Nun, bis jetzt ist nur ein einziges Statut, das der Krakauer Gemeinde, glücklich über alle Klippen weg an Bord angelangt. Die übrigen treiben sich noch immer in den Fluthen von Protesten herum. Wieder der alte Kampf zwischen Fortschrittlichen und Orthodoxen, in dem sich die Letzteren an alles krampfhaft klammern, um sich nur ihren „Besitzstand" — wie der spezifisch österreichische Terminus lautet — nicht verringern zu lassen. Und während die Juden mit einander kämpfen, vereinigen sich ihre Feinde über ihre Köpfe hinweg. So haben in den letzten Tagen die Krakauer Christlich-Sozialen die Initiative ergriffen zur Begründung eines christlich-nationalslavischen Völkerbundes. Es ist immerhin noch recht tröstlich, daß der Polenklub diese Einladung offiziell nicht angenommen. Freilich haben sich manche Matadore des Polenklud-Liberalismus sehr rege an dieser Versammlung.betheiligt. Die Judenfrage ist indeß diesmal nicht auf die Tagesordnung gekommen. Mit Genugthuung muß hervorgehoben werden, daß alle jüdischen- Gemeinderäthe dem von der Krakauer Stadtrepräsentanz den Delegirten des slavisch-christlichen Nationaltages «gegebenen Festessen ohne -jede vorhergegangene Verabredung völlig spontan ferngeblieben sind. Es scheint fast, als ob in unseren Juden doch die Erkenntniß zu dämmern anfängt, daß sie. sichlnur durch «Selbstachtung die Achtung der Feinde zu erzwingen vermögen. Hohe Zeit wäre es wohl schon, daß diese Erkenntniß durchdringe. t.