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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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lfr die großen Erwartungen, mit denen er vor 20 Jahren sich in die Bewegung eingeschifft habe, sich nicht erfüllt haben, daß von oben, von unten und von allen Seiten ihr Gegner erwachsen seien, kurz; daß die Bewegung heute nicht nur auf dem absteigenden, sondern absterbenden Ast angekommen sei. In Anbetracht des Umstandes, daß er jetzt nicht mehr zurück kann, sondern den einmal eingeschlagenen Weg vorwärts gehen muß, kann es nicht verwundern, daß er.seine Freunde zum Ausharren ermahnte und ihnen die Aussicht auf künftige bessere Tage eröffnete. Siegeszuversicht sprach aber nicht aus seinen Worten, und das geringe Aufsehen, das diese Versammlung macht, beweist am besten, daß die Stöckersche Partei sich nicht von den schweren Schlägen erholt hat, die sie und ihr Führer in den letzten Zeiten erhalten haben. Die anderen Reden enthielten nichts Beachtenswerthes, man müßte es denn als beachtenswerth ansehen, daß ein Geistlicher in begeisterter Taktlosigkeit Herrn Stöcker, den Hofprediger a. D., als den „Hofprediger aller Deutschen" pries. So hart sind bisher auch die schlimmsten Feinde nicht mit Herrn Stöcker verfahren, wie dieser Freund, der ihn mit seinen Worten dem „Rektor aller Deutschen," dem großen Ahlwardt, an die Seite zu stellen scheint. Wie sagt doch der große Brite: „Es hat ein jeder Mann, er sei auch, was er mag — dereinst sein letztes Glück und seinen letzten Tag." * Die Affäre Dreyfus hat in der letzten Woche, wie es scheint, eine günstigere Wendung genommen. Man fängt schon in Frankreich an, sich zu schämen. Die Veröffentlichung der Anklageakte scheint diese Wendung herbeigeführt zu haben. Emile Zola, der unermüdliche Streiter, hat eine neue Flugschrift: „Ein Brief an Frankreich", verfaßt, die wiederum sehr kräftig und geistvoll ist. Zola sieht hinter der Dreyfus-Affäre drei Krankheiten, an welchen Frankreich momentan leide, die Sehnsucht nach dem Säbel, die antisemitische Reaktion und den parlamentarischen Egoismus. Der Antisemitismus sei der Urheber der beiden großen Skandalaffären der Republik, der Panama- und der Dreyfus-Affäre. Zola wendet sich noch heftiger als bisher gegen die schamlose Presse, welche das Volk vergifte. Die Schmutzblätter seien in ihrer Rolle, aber daß Blätter wie das „Echo de Paris", das „Petit Journal" in das Geheul einstimmten, sei ein Verbrechen. Er hofft, daß das Volk erwachen werde. „Findest du nicht," sagt er ihm, „daß das alles nach einem Leichnam duftet, daß man viel zu verbergen haben muß, wenn man sich von dem ganzen Gesindel von Paris vertheidigen läßt, während die anständigen Leute um den Preis ihrer Ruhe Licht verlangen?" Für jetzt sei das Wort den Richtern gegeben, aber nach ihrem Urtheilsspruch werde die Affäre erst recht beginnen, denn man werde sprechen, da schweigen hieße, mitschuldig werden. Welche Tollheit sei es, zu glauben, daß man verhindern könne, daß die Weltgeschichte geschrieben werde. „Sie wird geschrieben werden, und jede Schuld, so klein sie sei, wird gebüßt werden." Wer die antisemitische Presse verfolgt, und zwar nicht nur in Deutschland, wird erstaunt sein über die eigenthümliche gleichartige Berichterstattung, welche diese Presse im Fall Dreyfus beobachtet. Selbstverständlich ist für die antisemitischen Zeitungen der ganzen Welt Dreyfus der elende Verräther, als den ihn die französischer Antisemiten, voran die „Libre Parole", hinstrÜen, aber die Einmüthigkeit geht viel weiter.' Mit einer frappirenden Gleichzeitigkeit erscheinen die antisemitischen Märchen, mit denen die Vertheidiger des jüdischen Offiziers diskreditirt werden sollen, in den antisemitischen Zeitungen in Berlin wie in Wien und in Paris selbst. Und auch das ganze kleine antisemitische Preßgestndel ist ausgezeichnet informirt, so daß nur der eine Schluß übrig bleibt, daß ein Preßsyndikat, welches mit bedeutenden Mitteln arbeitet, und dem die antisemitische Presse aller Länder Gefolgschaft leistet, am Werk ist, die Wahrheit zu verbergen. Es ist nicht uninteressant, dieses internationale Treiben der antisemitischen Preßklique zu konstatiren, bei dem keinerlei Nationalität in Frage kommt, wenn es gilt, den Juden eins zu versetzen. Die Radaublätter lassen die unglaublichsten Geschichten über eine angebliche Verschwörung des Dreyfus-Syndikats los, dessen Pariser Centralkomitee vom Köln, Frankfurt, Brüssel und Genf seine Weisungen erhalte. Ein Pastor Günther-Berlin sei Vertreter Deutschlands im Syndikat und dessen Chef. Die Beschaffung der für das Syndikat nöthigen Quellen habe selbstverständlich die Alliance Israelite Universelle übernommen. Alle Rabbiner Frankreichs und Deutschlands hätten Subskriptionslisten erhalten, und jede jüdische Familie mußte einen Beitrag leisten. Bis zum 1.- Oktober seien auf diese Weise 4 Millionen Francs zusammengekommen. Das Dreyfus- Syndikat selbst sei aber auf dem Zionistenkongreß in Basel begründet worden. Das ist die neueste „Enthüllung". * In Rußland ist gerade eine gute Woche. Mindestens deuten darauf zwei Nachrichten aus Petersburg hin. Die eine besagt, daß die Spezialkommission zur Revision der bestehenden Gesetze über die Juden den Beschluß gefaßt, dem Reichsrath die Aufhebung der prozentualen Beschränkung der Anzahl der jüdischen Zöglinge an höheren Lehranstalten Rußlands vorzuschlagen. Die andere berichtet, daß zum Nachfolger des verstorbenen Unterrichtsministers der bisherige Kurator des Warschauer Lehrbezirks, Geh. Rath Ligin, ausersehen sein soll. Ligin, ehedem Professor an der Universität Odessa, gilt als ein vorurtheilsfreier und den Juden wohlgesinnter Mann. Briefe aus Galizien. „christliche Volk von Wien" hat den polnischen Grafen Baden! aus seinem Ministerium förmlich vertrieben. Sonst waren die Herren Christlich-sozialen verhältnißmäßig recht sanft geworden während der zweiten Hälfte der Badeni'schen Ministerpräsidentschaft. Man munkelte sich sogar allerlei von gewissen Abmachungen zwischen Badem und Lueger. Aber wer kann wissen, was in der „hohen" Politik hinter den Kulissen vorgeht?! Als der einzige Beweis für das wirkliche Vorhandensein gewisser bindender Versprechungen an die Regierung, — als Preis für die Bestätigung des Bürgermeisters, — kann nur der Umstand angesehen werden, daß der unermeßliche, ewigwahre Dr. Lueger diesen und ähnlichen in der Presse aufgetauchten Behauptungen und Andeutungen gegenüber das ganze schwere Geschütz des berüchtigten Berichtigungs- Paragraphen 19 hat auffahren lassen. In letzter Stunde, hart vor dem Fall, hat sich aber doch in der Brust der Christlich-sozialen ihr deutsches Stammesgefühl zu regen angefangen, und so haben sie sich denn dem großen Triumphzug der deutschen Obstruktionssieger mit christlich-sozialer Unverfrorenheit angeschloffen. Indessen ist das Verhältniß des Grafen Badem zu den großmächtigen Antisemiten nicht immer von ungetrübter Freundschaftlichkeit gewesen. Wir kennen Badeni von Galizien aus, wo er lange Zeit als Statthalter regiert hat. Nein, er ist kein Antisemit in des Wortes pöbelhafter und wienerischer Bedeutung. Er hat sich hier im Lande sogar sehr gut mit den „führenden" Juden ver-

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