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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-14 · Heft 2 (14.1.1898) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 2 (14.1.1898)
Date
1898-01-14
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 der Heranwachsenden Jugend bezweckt. Das weibliche Geschlecht, der engen Klause seines Gesichtskreises entrückt, für weitgehende Entfaltung der Humanität begeistert, soll für wirklich gute Berufe erzogen werden. Der Orden ist sich bewußt, daß er keine große, weltbewegende Aktion entfalten kann und darf, aber er soll eine ethische geistige Mission ausüben, er soll das geistige Centrum der deutschen Judenheit werden, in dem die geistige Arbeit und Bewegung vor sich geht, von dem die Strählen fruchtbringender Anregung ausgehen, er soll anspornend die Geister wecken und erleuchten. Hoffen wir, daß die deutschen Logen sich immer mehr bemühen werden, diese großen Aufgaben würdig zu erfüllen, dann wird der Orden der Bundesbrüder ein Segen werden für das Judenthum in Deutschland. Vie Woche. Berlin, 12. Januar. in süddeutscher Politiker, der bei einem der letzten Aufenthalte des Fürsten Bismarck in Kissingen die Ehre hatte, in der oberen Saline zur fürstlichen Tafel gezogen zu werden, hat sich Aufzeichnungen über die damals geführten ^kteräinner-Gespräche gemacht und hat einem Wiener Blatte daraus den folgenden Passus überlassen, der Aeußerungen des Fürsten Bismarck über den Antisemitismus wiedergiebt: Das Gespräch kam auf die antisemitische Agitation und auf die Judensrage überhaupt. Der Fürst beschränkte sich zunächst auf einige kurze Bemerkungen, die durchblicken ließen, daß ihm die Stöckerei unsympathisch und politisch unbequem gewesen sei, ging aber dann, als ein Herr der Tafelrunde ein hartes Urtheil über die Juden und ihre Eigenschaften fällte und die Frage streifte, ob es doch nicht zweckmäßig gewesen wäre, wenn der damalige Reichskanzler den ihm in den achtziger Jahren überreichten antisemitischen Resolutionen irgendwie Folge gegeben hätte, eingehender auf das Thema ein und äußerte sich dabei nach meinen Notirungen, die, wenn auch nicht den Wortlaut, so doch den Sinn mit einiger Genauigkeit wiedergeben, folgendermaßen: Er halte die Beimischung des jüdischen Elements zu dem germanischen für nützlich. Es stecke in den Juden etwas drin, was wir nicht hätten. Sie gäben der Bevölkerung, namentlich der großen Städte, ein Mousseux, das sonst fehlen würde, Antriebe und Beweglichkeiten, die sonst kaum in dem Maße vorhanden wären. Und dann sehe er auch, abgesehen von allen Erwägungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, keinen Weg, auf dem die Ziele der Antisemiten zu verwirklichen wären. Wenn man sie nach der Ausführung ihrer Pläne in der Wirklichkeit fragt, so ginge es ihnen ähnlich wie den Sozial-Demokraten, sie wüßten nichts praktisch > Ausführbares vorzuschlagen; ihre Rezepte seien im heutigen Staatsorganismus nicht anwendbar. Was könne man überhaupt machend Maßregeln wie die Bartholomäusnacht oder die fizilianische Vesper würden die Antisemiten kaum selbst in Vorschlag zu bringen wagen. Ausweisen könnten wir die Juden auch nicht, ohne unseren Nationalwohlstand schwer zu schädigen. Andere Maßregeln, wie etwa die Ausschließung der Juden von richterlichen und anderen Staatsstellen, würde das Uebel, das die Antisemiten beseitigen zu müssen glaubten, nur verschärfen; denn dann würde sich diejenige jüdische Intelligenz, welcher sich die staatliche Karriere verschlösse, auch noch auf diejenigen Gebiete werfen, auf denen das Uebergewicht der Juden von den Antisemiten schon jetzt als unerträglich bezeichnet werde, nämlich aus die geschäftlichen. Der Fürst führte dann aus, daß seiner Anficht nach die Judenbewegung in der Hauptsache weniger religiösen und auch nicht so sehr Rasseinstinkten entspränge, sondern doch mehr wirtschaftlichen Gründen. Er bezeichn ete es als Thatsache, baß die Juden im Gelderwerb anderen Elementen der Bevölkerung vielfach überlegen seien. Die Ueberlegenheit beruhte auf Stammeseigenschaften, die, ob fie uns nun gefielen oder nicht, durch staatliche Mittel nicht zu beseitigen seien. Die Juden wären infolge natürlicher Veranlagung in Geldsachen meist klüger und geschickter a s die Christen. Auch wären sie, wenigstens so lange fie noch nicht zu Vermögen gelangt feien, wenn auch vielleicht nicht arbeitsamer, so doch genügsamer und sparsamer als ihre christlichen Mitbewerber, dazu komme, daß der Jude, um einen geschäftlichen Vortheil zu erlangen, leichter einmal etwas riskire und in der Anwendung seiner Mittel zum Zwecke mitunter auch wohl etwas weitherziger verfahre als fein christlicher Konkurrent. Das alles gäbe ihm.geschäftlich einen Borsprung, der sich gesetzlich nicht.beseitigen lasse. Auch die Antisemiten hätten bisher nichts vorzuschlagen gewußt, was diesen Borsprung und dessen Wirkung auf das wirthschaftliche Leben der Nation paralystre. Was sie bisher vorgeschlagen hätten, wäre unwirksam, und es würde sich keine Regierung finden, die das ausführen könnte. Es sei auch durchaus widerräthlich, dem jüdischen Triebe nach Erwerb und Vermögensbildung von staatlicher Seite Hindernisse in den Weg zu legen, denn dadurch würden die übrigen Bevölkerungselemente ebenso betroffen, und der Nationalwohlstand würde zurückgehen. Man brauche sich die Juden deshalb nicht über den Kopf wachsen zu lassen oder sich finanziell von ihnen in einem Maße abhängig zu machen, wie dies in manchen Staaten der Fall sei. Bei seinen eigenen Beziehungen zur Haute ünauee als Minister sei immer diese, niemals er der verpflichtete Theil gewesen. Nach einer Abschweifung auf ein anderes, mit der Judenfrage im Zusammenhänge stehendes Gebiet, das hier nicht interesstrt, kam der Fürst wieder auf das ursprüngliche Thema zurück und resumirte sich gleichsam selbst in etwa folgender Weise: Er halte die Juden für nützliche Mitglieder des heutigen Staates und finde es unklug, sie zu beunruhigen. Namentlich der reiche Jude pflege ein sicherer Steuerzahler und guter Unterthan zu sein. Schließlich sprach der Fürst über sein persönliches Verhältniß zu den Juden und äußerte dabei unter anderem: Eigentlich habe er Undank von ihnen geerntet. Kein Staatsmann habe mehr für ihre Emanzipation gethan als gerade er. Trotzdem hätten ihn gerade diejenigen fortschrittlichen und radikalen Blätter, die in jüdischen Händen seien, immer am heftigsten angegriffen. Aber er nehme das nicht so tragisch; das liege wohl mehr daran, daß die Eigenthümer der Blätter es ihrem Liberalismus oder Radikalismus schuldig zu sein glaubten, der Erinnerung daran, was fie als Juden ihm zu verdanken hätten, keinen Einfluß auf die Haltung ihrer Organe ihm und seiner Politik gegenüber zu gestatten. Andererseits habe er auch manchen Zug jüdischer Dankbarkeit erlebt. So habe er, als er noch in Pommern sein Gut bewirthschaftet habe, wie alle dortigen Grundbesitzer seinen Hofjuden gehabt. Eines schönen Tages sei derselbe in Konkurs gerathen und sei zu ihm gekommen, um ihn zu bitten, er möge eine Forderung, die er an ihn habe, nicht mit anmelden, dann käme er ohne Bestrafung davon. Er (der Fürst) habe es ihm versprochen und seine Forderung aussallen lassen. Der alte Mann habe seine Dankbarkeit später so geäußert, daß er, nachdem er sich in seinen Verhältnissen erholt gehabt habe, ihm alljährlich Abzahlungen gemacht hätte, zu denen er kaum noch verpflichtet gewesen sei, und dies so lange fortgesetzt habe, bis er (der Fürst) aus der Gegend weggezogen sei und ihm gesagt habe: „Nun ist es genug, streichen wir den Rest." Unzweifelhaft sind diese Aeußerungen des Altreichskanzlers von Werth und Jntereffe. Aber-sie sind langst bekannt und zum großen Theil nur wörtliche Auszüge aus dem Buche von Moritz Busch: „Fürst Bismarck und seine Leute". Gleichwohl haben wir es für zweckmäßig gehalten, sie nochmals zu publiziren. Das Gedächtniß der Zeit ist gar zu kurz. Es ist übrigens interessant, daß die antisemitische Presse gegenüber den judenfreundlichen Aeußerungen des Altreichskanzlers seine Auslassungen im Vereinigten Landtage 1847 über die Judenemanzipation wiederzugeben Veranlassung genommen hat. * Glück und Ende einer Partei, die uns Juden am härtesten bedrängte, konnte man jüngst an dem Stiftungsfest der christlichsozialen Partei beobachten. Herr Adolf Stöcker, der inmitten seiner Freunde und Gesinnungsgenossen das 20 jährige Stiftungsfest 'der christlich-sozialen Partei beging, hielt dazu eine längere Rede, die einen recht restgnirten Charakter trug. Stöcker gab offen zu, daß

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