Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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iv/: * 'T..-■:--y?y?s^ yy ■^■^ ^,, 14 Außer einigen Logen hoben die Berliner Logen unter Führung von Ad. Meyer in umfassender Weise in sorgfältiger, verständnißvoller Verwaltung gearbeitet. Nahe an 3000 Kinder haben die Wohlfahrt dieser Einrichtung genoffen. Am wohlthuendsten berührt der Umstand, daß es durch unausgesetzte Bemühungen des Oberkantors Sarasohn- Stettin ermöglicht wurde, 1064 Kinder in die Familien als Freistellen unterzubringen. Die Krone dieser menschenfreundlichen Schöpfung bildet das von Eugen Rosenstiel und seiner Gattin in Elmen errichtete Heim für erholungsbediirftige Kinder, das nach den besten Erforderniffen der Neuzeit ausgerüstet wird. Aber auch nach einer anderen Richtung nahmen sich die Logen der Kinder an. Auf Anregung der Allem ania-Loge wurden Mittel hergegeben, um den Kindern an kleinen Plätzen mit geringer jüdischer Bevölkerung durch Wanderlehrer oder sonstige Organe Religionslinterricht ertheilen zu lassen; auch wurde Kontrole und Aussicht geübt; die Erfolge waren geradezu überraschend. — In engem Zusammenhänge mit der Fürsorge für Kinder stehen die Bemühungen der Logen um die Förderung des Handwerks und des Allerbaues unter den Juden. In den Konferenzen zu Köln wurde der Grundsatz aufgestellt, daß die Erziehung zum Handwerk schon in das Kindesalter zu verlegen sei, und die Logen wurden ausgerufen zur Anregung von Vereinen, wo keine bestehen, zur Unterstützung und Mitarbeit bei schon bestehenden, Logen-Verbände zu schaffen, um eine intensive Zusammenfassung der Kräfte herbeizuführen. Dahin zielen die Beiträge von verschiedenen Logen für den Düsseldorfer Verein, badische und andere Handwerkvereine, Einführung eines Handfertigkeitsuntcrrichts in Köln und Hamburg, Subventionirung des Lehrlingsheims in Pankow. Vor allein ist dieser humanitären Idee die Anstalt in Ahlem gewidmet, begründet von Konsul Simon, mit einer namhaften Summe von der Groß- Loge unterstützt, in der Knaben lediglich in der Bodenkultur unterrichtet werden. Man geht nicht fehl, wenn man an dieses Institut die Hoffnung knüpft, daß von ihm aus die künftige Kolonisation ausgehen werde, nachdem die Kinder praktisch gelernt haben, den Boden in rationeller Weise zu kultiviren. Eben dahin sind die Bestrebungen der Henry Jones-Loge zur inneren Kolonisation zu rechnen, Glaubensgenoffen an die heimische Scholle zu feffeln, einen Stamm von jüdischen Ackerbauern zu schaffen. Bis jetzt befindet sich die Sache in den ersten Anfängen. Es versteht sich von selbst, daß überall eine offene Hand für die Armen und Dürftigen herrschte, sei es, daß die Armen unterstützt wurden, sei es, daß man die Kranken mit Pflege- und Stärkungsmitteln bedachte. Von ungleich höherem Werthe waren die Bemühungen vieler Logen, mit den Organen der Gemeinde in systematischer Weise eine Organisation zu schaffen, daß aus der regellosen Armenspende in eine geordnete, zielbewußte Armenpflege eingetreten, daß eine Erziehung zur Arbeit das leitende Motiv wurde. Eine weitere Folge war die Einrichtung von Arbeitsnachweisstätten. Der Frankfurt-Loge gebührt das Verdienst, zuerst damit ausgetreten zu sein. Im Verlauf der Zeit ging sie dazu über, Gelder zu beschaffen für den Ankauf von Maschinen und Werkzeugen für Handwerker. In Halberstadt, Kaffel, Köln. Hamburg hat man sich ebenfalls für Schaffung von Arbeit interesstrt. In jüngster Zeit haben die Berliner Logen einen Arbeitsnachweis gegründet, der nach dem letzten Ausweis in einem Jahre 661 Personen Arbeit und Anstellung verschafft hat.; Auch die Frauen haben von Anfang an dieser neuen Erscheinung der Logen gegenüber nicht theilnahmlos gestanden. So bildeten sich denn in den verschiedenen Logen Frauenvereine nsit mehr oder weniger umfassender Thätigkeit. Wie in der Natur der Frau gelegen, galt ihr Arbeitsfeld der allgemeinen Wohlthätigkeit. So wird es in Berlin, Mainz gehalten; in Beuthen pflegt der Frauenverein die Geselligkeit und die Krankenpflege; in Posen überwachen die Frauen den Nachhilfe-Unterricht der Kinder; in Mannheim pflegt der Frauenverein vornehmlich die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit und Aufhilfe. In Breslau hatte man ein noch höheres Ziel ins Auge gefaßt. Dort gründete der Frauenverein ein Mädchen-Heim mit eigenem Hause, wo junge Mädchen als Lehrerinnen oder aus kaufmännischem Berufe Unterkunft unter Aufsicht der Frauen finden. Auch nach einer anderen Richtung wurde ein Stück Frauenfrage in geradezu epochemachender Weise gelöst, wir meinen das Institut zur Ausbildung von jüdischen Krankenpflegerinnen; und da war es wiederum die Frankfurt-Loge, die dieses bisher für unmöglich gehaltene Problem in glänzender Weise gelöst hat. Und nun sehen wir, daß in Berlin sich ein Verein mit gleicher Tendenz seit drei Jahren gebildet hat mit ungeahntem Erfolge. Ein Gleiches strebt die Henry Jones- Loge an, und auch in München will man sich der Sache widmen. Der Orden hat selbstverständlich niemals zurückgestanden, wo es galt, Wohlthätigkeit in großem Stile zu üben, sowohl für die russischen Juden, wie bei großen Landeskalamitäten, Ueberschwemmungen und verheerender Seuche in Hamburg. Große Sumnien sind von den Logen allein aufgebracht und an die betreffenden Staatsbehörden oder Komitees abgeführt worden. Werfen wir nunmehr einen Blick auf das geistige Leben und Treiben in den deutschen Logen. Ueberall trat das Bemühen hervor, nicht nur die innere Logenarbeit auf eine hohe Stufe zu bringe», sondern auch für die Hebung des sozialen Bodens zu wirken, eingehend sich mit solchen Aufgaben zu befassen, welche auf die sittliche Hebung unserer Glaubensgenossen hinzielen, mit der Abstellung von Mängeln und Uebelständen sowie der Stärkung des moralischen Gefühls und des ethischen Empfindens. Die Henry Jones-Loge hat in Bezug auf die sozial-ethischen Fragen viel gearbeitet, eine eigene sozial-ethische Abtheilung eingerichtet, ein vollständiges Programin aufgestellt und Gutes gestiftet. Sehr groß ist die Zahl der Vorträge, die im Distrikte veranstaltet wurden; über 1000 Vorträge find außer von Brüdern und von fast allen bedeutenden Gelehrten und Schriftstellern der Judenheit gehalten worden. Wie es in der Natur der Sache gelegen ist, nahm die jüdische Geschichte den breitesten Raum ein, aber auch Kunst, Litteratur, vaterländische Geschichte, Naturwiffenschaft, Philosophie, Medizin, Rechtswissenschaft, Volkswirthschaft lieferten Stoffe zu gemeinverständlichen Vorträgen. Nicht nur die Kenntnisse in unserer eigenen Geschichte sind erweitert, gefestigt, sondern auch die Liebe zum Judenthum und die Verehrung für die Altvorderen ist geweckt worden. Nächstdem ist zu verzeichnen, daß mehrere Logen, namentlich in \ Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg, Bibliotheken angelegt haben, die zwar noch in den Anfängen stehen, aber bei der Aufmerksamkeit der Logen hierfür bald größeren Umfang annehmen werden. Das vaterländische Gefühl ist in den jüdischen Logen tief ausgeprägt und hat sich nicht nur Jahr für Jahr anläßlich der Geburtstage der Herrscher, während der Krankheit des edlen Dulders, Kaiser 1 Friedrichs, des Todes desselben und des ersten Kaisers bekundet, sondern auch bei der Jubelfeier der Gründung des Deutschen Reiches und der Centenarfeier für Kaiser Wilhelm I. Der Orden hat als Grundsatz aufgestellt, daß er auf ethischer % Grundlage ruhen, wesentlich auf sozialem Boden sich entwickeln solle, daß seine Thätigkeit nicht ihm selbst, sondern der gesammten Judenheit zu gute komme. Darum unterstützt und fördert er alle Bestrebungen, welche eine körperliche, sittliche und geistige Erstarkung