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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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S£ä Berlin, 2. Januar. Der hiesige „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt am Donnerstag seine siebente. General - Versammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Dr. Gustav * Karpeles, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und ertheilte den Rechenschaftsbericht, dem wir entnehmen, daß dem Verein 100 Mitglieder neu beigetreten sind, und die Zahl derselben auf 625 gewachsen ist, daß zwölf Vorträge und Referate gehalten wurden, die sich eines überaus regen Besuches erfreuten. Die Einnahmen betrugen 4796 Mark, die Ausgaben 4172 Mark. Bei den Vorstands - Wahlen wurden die Herren Dr. Gustav Karpeles, Kommerzien - Rath Julius Jsaac, Prediger Dr. M. Levin, Albert Katz, Max Heymann, Benas Levy, Professor Philippson, W. Bambus, Oberlehrer Dr. Schäfer, Dr. Hirsch Hildesheimer wieder- und Herr Rabbiner Dr. Maybaum neugewählt. Ein Antrag des Herrn Dr. Kaftan, „ein Preisausschreiben zu erlassen für die. Abfassung einer populären Geschichte der Juden, und zwar einen Preis für eine ausführlichere Geschichtsdarstellung und einen anderen Preis für eine knappere, den Bedürfnissen der Jugend entsprechende", findet nach sehr angeregter Debatte ungetheilte, freudige Zustimmung. Der Vorstand wurde beauftragt, die Ausführung des Antrages zu prüfen und in einer Vereins-Versammlung innerhalb dreier Monate darüber Bericht zu erstatten. 2£g Berlin, 3. Januar. Am 25. Dezember, fand wie alljährlich, in der israelitischen Taub stummen- Anstalt zu Weißensee die Chanukahbescheerung statt. Gegen 5 Uhr Nachmittags fanden sich eine beträchtliche Anzahl von Freunden und Gönnern der Anstalt sowie auch Angehörige der Kinder ein, um an der Feier des Chanukahfestes Theil zu nehmen. Die Feier wurde durch einen Gottesdienst eingeleitet, und nach jeder Strophe der Chanukahhymne, welche die Versammlung sang, trat ein taubstummes Kind vor und wiederholte die Strophe mit deutlich vernehmbarer Stimme. Herr Direktor Reich dankte in einer Ansprache den Erschienenen und betonte die Bedeutung, welche Kinderfeste gerade für taubstumme Kinder haben. Nach dem Gottesdienst nahmen die Kinder reichliche und praktische Geschenke in Empfang, während die Gäste die Gelegenheit benutzten, sich an der Freude der unglücklichen Kleinen zu erfreuen. L2 Berlin, 31. Dezember. Am 27. d. Mts. starb hier nach kurzer Krankheit im 86. Lebensjahre der frühere Antiquar Emanuel Mai, einer der ältesten und ehrwürdigsten Bürger unserer Stadt, in der er seit feinem 13. Jahre gelebt hat. Er besuchte das Gymnasium Zum grauen Kloster und erwarb sich eine gediegene wissenschaftliche Bildung, die er später in seinem praktischen Beruf gründlich verwerthen konnte. Mehrere Jahre gehörte er als Lehrling und Gehilfe der einst berühmten antiquarischen Buchhandlung von Finke an, bis er 1837 im Hause der Polnischen Apotheke, Mittelstraße, selbst ein Geschäft unter der Firma seines Namens errichtete. Er hatte zwei große, uralte Bibliotheken, eine Bülow'sche und eine Wolkenstein'sche, aufgekauft, und diese bildeten den starken Grundstock seines Lagers, das sich von Jahr zu Jahr vergrößerte. Er kaufte das Haus Unter den Linden, in dem sich jetzt das Aquarium befindet, und fiedelte von da später nach der Mauerstraße über, wo das Geschäft, seit 1868 von seinem Sohne Max geleitet, noch blüht. Es gab in Deutschland keinen Liebhaber und Sammler alter oder seltener Drucke, der nicht mit Ernanuel Mai in Verbindung gestanden hätte; jeder wußte in ihm nicht nur den Händler, sondern auch den Kenner und Rathgeber zu schätzen. Aus seiner reichen, nahezu vollständigen Sammlung von Flugblättern und anderen Schriftstücken, die sich auf die achtundvierziger Bewegung beziehen, hat er vieles seinen Zeitgenossen ins Gedächtniß zurückgerufen und späteren Generationen zur guten Lehre gegeben. Was er unter den Ueberschriften „Die Berliner Straßenlitteratur des Jahres 1848", „Welke Blätter des Märzsturms", „Die Parlamente", „Der Prinz von Preußen", „Gedenkblätter aus der Zeit Friedrich Wilhelms IV.", „Berliner Momentbilder", „Zum Jubiläum des Vereinigten Landtags", „Polens Kämpfe" in der Bossischen Zeitung veröffentlichte, entspricht nicht der wissenschaftlichen, historisch-kritischen Methode; er gab keine zusammenhängende Darstellung der Ereignisse, keine Charakteristik der handelnden Persönlichkeiten, sondern etwas willkürlich legte er Blatt an Blatt und suchte so den Eindruck jener Tage wieder lebendig zu machen. Er trug sich zuletzt mit dem Plane, diese Aufsätze, durch andere vermehrt, in einem Buch zu sammeln. Da befiel ihn, ihm selbst kaum merkbar. ein schweres, unheilbares Magenübel, und nun gehört auch er nicht mehr zu den wenigen Ueberlebenden, sondern zu der großen Heerschaar „alter Achtundvierziger", die der Hügel deckt. Noch bis vor wenig Wochen konnte man ihn, auf seinen Stock gestützt, rüstig durch die Straßen der Stadt schreiten sehenden kurzen, stämmigen Körper leicht vornüber zur rechten Seite gebeugt, das schöne klare, kluge Auge nachdenklich vor sich hin gesenkt und unter dem großen schwarzen Schlapphut, von Haar und Bart lang und dunkel umwallt, ein prachtvolles Patriarchenhaupt, das den Neid und die Freude Rembrandts erregt hätte. Die Beerdigung fand am 29* d. Mts. in Weißensee statt. Cgj Posen, 2. Januar. Der Kaufmann Salomon Unger in Ostrowo beging kürzlich das 25jährige Jubiläum als Mohel in der dortigen Gemeinde; aus diesem Anlasse sind demselben zahlreiche Ehrungen zu theilgeworden. — Zu Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Schneidemühl sind jüngst die Herren Kaufmann Ansbach, Dr. Mislowitzer, Kaufmann Jacob Hirsch, Handelsmann B. Lippmann, Kaufmann M. Baumann, Cigarrenfabrikant Wolfram und Kaufmann Samuel Götze gewählt worden. — Rentier Jtzig Wolf in Schubin feierte vor Kurzem das Fest der diamantenen Hochzeit. SS Frankfurt a. M., 2. Januar. Der „Israelitische Hilfsverein (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels)" versendet seinen fünfzehnten Jahresbericht, welcher abermals ein Bild erfolgreicher Thätigkeit darbietet. Mit Genugthuung wird darauf hingewiesen, daß der lästige Wanderbettel abermals abgenommen hat, was neben anderen Momenten namentlich die seitens des Vereins geübte Kontrole, welche viele zweifelhafte Elemente fernhält, bewirkte. Es erschienen insgefammt 1465 Petenten (gegen 1575 im Vorjahre), von denen 1180 (1301 im Vorjahre) mit 3946,31 Mark (4378,15 Mark) unterstützt wurden. Im Ganzen wurden seit Bestehen des Vereins 27 402 Personen mit 103815,95 Mark bedacht. Das hiesige „Hilfskomitee für die russischen Juden" hat auch im abgelaufenen Jahre eine Subvention von 1000 Mark zur Verfügung gestellt. Die Mitgliederbeiträge (10 786 Mark) haben sich aüf gleicher Höhe gehalten; als Geschenke zur sofortigen Verwendung wurden 5334,84 Mark (595,61 Mark weniger als im Vorjahre) zugewiesen. Vereine und Private haben 22 493,49 Mark für den Spezialfonds gespendet, welcher außerordentlich gute Früchte trägt, daraus Familien und Personen unserer Stadt und deren Umgebung in dringenden Fällen bedacht werden. Wie seither, wurden erwerbslose Personen und Familien anderwärts angesiedelt. Kranken Badereisen oder bessere Pflege ermöglicht (wofür allein ea. 2500 Mark verausgabt wurden), jungen Leuten Unterricht und Unterhalt beschafft, Darlehen gegeben rc. Im Aufträge des „Rosch-Chodesch-Bereins" wurden ca. 7000 Mark, meist in monatlichen Gaben, vertheilt. Die Verwaltung erneuert die Bitte an die Mitglieder, keinem Bittsteller, der ihnen nicht persönlich als würdig und unterstützungsbedürftig bekannt ist, ein Almosen zu verabreichen, sondern denselben direkt an den Hilfsverein zu verweisen oder erst bei letzterem Erkundigungen einzuziehen. Die Verbindung mit den Nachbarvereinen gleicher Tendenz ist eine sehr rege geblieben, und das Bedürfnitz eines gemeinschaftlichen Wirkens, wie die Verwaltung es längst vorschlug, scheint sich auch in weiterer Entfernung fühlbar zu machen. So haben sich neuerdings die Vereine zu Nürnberg und Fürth i. B. den hier getroffenen Einrichtungen angeschlossen, und es ist dadurch ein ersprießliches Zusammenwirken mit ihnen entstanden. Je mehr Unterstützungsvereine an dem Austausch von Erfahrungen theilnehmen, desto fruchtbringender wird deren Thätigkeit sich natürlich entfalten können. o. München, 3. Januar. Im Sezirsaale des hiesigen pathologischen Instituts spielte sich kürzlich zwischen zwei z. Z. im Staatsexamen stehenden Studirenden eine Szene ab, die ein gerichtliches Nachspiel haben wird. Nach vorausgegangenem Fixiren soll nämlich der Eine seinem Kollegen israelitischer Konfession den Rauch seiner Cigarette mehrmals ostentativ ins Gesicht geblasen haben. Nach dem Kolleg kam es zu einem Wortwechsel, in dessen Verlauf der provozirende Theil dem anderen erklärte: „Wenn Sie Jude sind, muß ich Ihnen erklären, daß Sie in meinen Augen satisfaktionsunfähig find, unter den obwaltenden Umständen aber bin ich genöthigt. Ihnen meine Adresse zu geben." Der Angegriffene schickte nun dem Kollegen keine Forderung, sondern ging gegen ihn auf dem Privatklagewege vor. Der Beklagte wollte

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