Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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pppgs 62. Äatsrgailg. Ur. 1. Gerlm. 7. Januar 1898. Werkage zur „Mkgemeinen Deitung öes DuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. Januar. In dem festlich geschmückten Operationssaale des jüdischen Krankenhauses fand heute Vormittag unter zahlreicher Betheiligung die Feier des 25jährigen Jubiläums von Professor Dr. James Israel statt. Der Vorstand des Krankenhauses war in corpore erschienen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde war durch Herrn Justizrath Meyer und Geh. Sanitätsrath Boas vertreten, von Repräsentanten sahen wir den Vorsitzenden, Herrn Landsberger, ferner die Herren Justizrath Tiktin, Geheimrath Senator, Geh. Sanitätsrath Mareuse, Manheimer und Loewenberg. Nach dem Eröffnungsgesang des Chores („Gott grüße Dich!") nahm zunächst der Vorsitzende des Krankenhausvorstandes, Herr Louis Sachs, das Wort, welcher den Tag als einen bedeutsamen in der Geschichte des Krankenhauses feierte. Er ging auf die Zeit vor 25 Jahren zurück, erzählte von der Bewerbung Israels und hob hervor, wie bewunderungswürdig der Scharfblick der Geheimräthe Traube und v. Langenbeck, welche zur Zeit der Bewerbung besondere Empfehlungsschreiben beigaben, gewesen sei, da sie bereits in dem 25 jährigen jungen Mann das hervorragende Talent entdeckt hätten. Der Vorstand habe geglaubt, verpflichtet zu sein, in dankbarer Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen für alle Zeiten den Namen Israels zur Erinnerung der Anstalt zu verewigen, damit die Kenntniß seiner hervorragenden Persönlichkeit noch spätesten Geschlechtern erhalten bliebe. Es fei deshalb eine „Professor Dr. James-Jsrael-Stiftung" für die armen Kranken ins Leben gerufen worden mit einem eisernen Fonds von 10 000 Mark. Ueber die Revenüen der Stiftung solle der Jubilar zeitlebens das Berfügungsrecht besitzen. Zum Schluffe gab Herr Sachs dem Wunsche Ausdruck, den Jubilar noch lange der Anstalt, der Wissenschaft und dem Wohle der Menschheit erhalten zu sehen, damit es ihm beschieden sein möge, beglückend und beglückt noch lange weiter wirken zu dürfen als eine Leuchte der, Wissenschaft, als ein Stolz für das Krankenhaus und für die ganze Stadt. In tiefer Rührung bedankte sich dann Professor Israel für die ihm erwiesene Ehre. Das, was er sei, sei nur ein Produkt des Krankenhauses. An der hervorragenden Bedeutung der Anstalt trage das gemeinsame Wirken von Vorstand und Aerzten Schuld, und er hege die feste Zuversicht, daß bei dieser gemeinsamen Bethätigung das Krankenhaus zu einer weiteren Blüthe sich emporschwingen werde. In längerer Rede feierte dann in begeisterten Worten einer der Assistenten den Lehrer und Meister der Chirurgie und wies auf das wohlgetroffene Bronzerelief-Porträt des Jubilars hin, welches die Assistenten zum Zeichen ihrer dauernden Dankbarkeit als Schmuck des Operationssaales gewidmet haben. Nach herzlichen Dankesworten des Jubilars überbrachte der Leiter der inneren Station des jüdischen Krankenhauses, Herr Sanitätsrath Lazarus, seine Glückwünsche. Auch hier erwiederte der Jubilar sofort und machte insbesondere auf die Beziehungen zwischen innerer und äußerer Medizin aufmerksam, welche jetzt im Verhältnis zu früheren Zeiten sehr gute geworden seien. Als letzter Redner sprach alsdann Herr Geh. Sanitätsrath Boas, welcher Namens des Gemeindevorstandes die herzlichsten Glückwünsche abstattete, daß es dem Jübilar bis ins höchste Alter vergönnt sein möge, in ungetrübter Gesundheit sich seinem edlen und schönen Berufe widmen zu können zum Segen für die Kranken und zum Wohle der Menschheit.— Dem Gemeindevorstand müsse er, führte Professor Israel in seiner sehr interessanten Gegenrede aus, doppelt dankbar sein für die Gratulation, da er in Gömeindeangelegenheiten wenig thätig gewesen sei, ohne deshalb ein weniger warmes Herz für seine jüdischen Mitbrüder zu haben als irgend Jemand in der Welt. Dennoch glaube er, dem Judenthum etwas durch seine Thätigkeit genützt zu haben. Er habe es als vornehmstes Ziel betrachtet, das Haus nach besten Kräften zu fördern und es aus den früheren Zuständen auf das Niveau der mit Recht berühmten Berliner Krankenanstalten zu heben. Je mehr wir zeigen können, daß wir in ethischer, wissenschaftlicher und organisatorischer Thätigkeit nicht hinter unseren christlichen Mitbürgern zurückstehen, desto wirkungsvoller werden die Pfeile der Antisemiten zurückprallen. Ein zweites Moment, dem er eine weittragende kulturelle Bedeutung beimesse, liege in der Aufnahme der christlichen Mitbürger, welche im jüdischen Krankenhause Hilfe suchen. Die Kranken, welche die Pflege dieses Hauses genossen hätten, würden gleichzeitig von einem großen Theil ihrer antisemitischen Gesinnung geheilt. Ein drittes für die Allgemeinheit wichtiges Moment scheine ihm endlich in der Erziehung möglichst tüchtiger Aerzte zu liegen. Mit dem Chorgesang: „Hell ertöne froher Reigen rc." schloß die würdige und erhebende Feier. Möge der Jubilar noch lange seinem hohem Berufe erhalten bleiben! £2 Berlin, 2. Januar. Der Verwaltungsbericht des Krankenhauses der jüdischen Gemeinde für die Jahre 1887—1896/97 ist ein Zeugniß für das ausgezeichnete Wirken dieses Institutes innerhalb der letzten zehn Jahre. Man kann aus demselben ersehen, in welcher Weise die Verwaltung bemüht ist, den an sie herantretenden Ansprüchen gerecht zu werden; doch wachsen diese naturgemäß durch die Steigerung der Mitgliederzahl unserer Gemeinde und besonders auch infolge der zahlreich von auswärts hierher kommenden armen Glaubensgenossen, welche in dieser Anstalt Heilung suchen. Obwohl die Gemeindebehörden in liberaler Weise Mittel für das Krankenhaus bewilligen, kann aber die Verwaltung doch nur in erwünschtem Maße Hilfe gewähren, wenn sie durch freiwillige einmalige oder jährliche Beiträge in ihren Bestrebungen unterstützt wird. Die in dem Bericht enthaltenen statistischen Notizen gewähren eine Uebersicht über die Leistungen der Verwaltung. Mit Zahlen aber ist nicht der Umfang des Elends auszudrücken, welches die von Mitteln entblößten Kranken innerhalb unserer großen Gemeinschaft bedrückt. Gleichwohl soll es versucht werden. Die Patientenzahl hat sich während der Berichtsperiode von jährlich 1235 aus 1534 gehoben, die Berpflegungstage für Kranke haben sich von 35 752 auf 50 687 jährlich vermehrt. Die Gesammtkosten für die Erhaltung der Kranken beliefen sich einschließlich der für die Beköstigung der Angestellten erwachsenen Ausgaben im letzten Berichtsjahr auf 144406 M. gleich 2,82 M. für Kopf und Tag eines Kranken. Hierzu kommen noch die für Stadtkranke, für das pneumatische Kabinet und für fremde Kranke verausgabten 23 379 Mark, so daß die Gesammtausgaben sich auf 167 786 M. beliefen, wozu aus Gemeindemitteln 42 587 M. zugeschossen werden mußten, während der Rest von 125 000 M. durch die Zinsen der Stiftungskapitalien, durch freiwillige Beiträge und durch Büchsengelder, sowie durch die eingegangenen Verpflegungsgelder zahlender Patienten aufgebracht worden ist. An Stelle des aus dem Gemeindevorstande ausgeschiedenen Sanitätsraths Dr. Wiesenthal ist im letzten Jahre Geheimer Sanitätsrath Dr. Boas zum Kommissar des Gemeindevorstandes für das Krankenhaus abgeordnet worden. Leitender Arzt der chirurgischen Abtheilung ist nach wie vor Professor Dr. Israel, der nunmehr seit fast 25 Jahren in der Anstalt eine an Erfolgen reiche Thätigkeit ausübt. An Stelle des 1690 verstorbenen Professors Dr. Jacobson ist für die Leitung der inneren Abtheilung Sanitätsrath Dr. Lazarus gewählt worden, der bereits seit 1874, zuerst als Assistenzarzt Traubes, sich um das Krankenhaus verdient gemacht hat. Der langjährige Vorsitzende des Vorstandes, Herr M. S. Meyer, welcher der Verwaltung seit dem Jahre 1867 angehört hatte und sich um das Krankenhaus hervorragende Verdienste erworben hat, ist am 22. Dezember 1893 verstorben. Stadtverordneter Louis Sachs, der jetzige Vorsitzende, verwaltet dieses Amt mit großer Umsicht, Energie und Humanität seit dem 14. April 1891. Die Verwaltung des Krankenhauses wendet sich mit ihrem Bericht vor allem an die wohlthätigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit der Bitte, sich der Anstalt anzunehmen. Möge diese Hoffnung in Erfüllung gehen.