Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 auf Dein Wort vertraue, und weil ich Deinen Rath heische. Sieh, Ascletarion. ich bin der Cäsar, der göttergleiche Domitian, meine Stirn schmückt die Krone des Weltalls, die ganze Menschheit ist mir linterthan, die Sonne des Lebens leuchtet mir in ihrer Fülle, durch meine Adern rinnt das Feuer der Leidenschaft, und mein siegreicher Arm unterjocht den gewaltigsten Feind — und dennoch bin ich nicht glücklich zu preisen: eine unnennbare Angst — nein, nicht Angst! wovor hätte Domitian jemals Angst empfunden — nicht das — ein unerklärliches Grauen beschleicht meine Seele — mir ist, als ob mir Unheil drohte, als sollte sich eine Wolke über meinem Haupte entladen, und als sollte das Verderben mir nahen in seiner grausigsten Gestalt." Er stockte, und über sein Antlitz flog eine jähe Röthe, dann, nach einigen Augenblicken, fuhr er fort: „Sprich nicht, Ascletarion, ich weiß, was du mir sagen würdest, aber hilf, rathe mir! Sieh, der große Cäsar fleht Dich, einen gemeinen Sterblichen, den nur die göttliche Huld Domitians emporgehoben, um Rath und Beistand an. Du verstehst geheime Kunst. Geh' befrage die Gestirne, erkunde, was meinem Haupte droht, beschwöre die finsteren Mächte, die den Glanz meines Daseins verdunkeln, durch Deine Zauberkünste, geh', eile und lasse Deinen Cäsar aufs Neue gesunden durch Deine magische Kunst." Lautlos hatte Ascletarion das Gemach verlaffen, in dem nun wieder wie vor seinem Eintritt Todesstille herrschte. Hämischen Blickes folgten die Augen der in den Vorhallen versammelten Höflinge dem davoneilenden Günstling. Die Sklaven neigten sich zur Erde, als er hocherhobenen Hauptes an ihnen vorbeischritt. „Sieh ihn nur an," flüsterte Glaukos dem neben ihm stehenden Menander zu, „da geht er wieder und reckt das Haupt empor, als wäre er der Cäsar, und wir alle hofften, daß sein Kopf ihm heute vor die Füße gelegt werde. Sahst du den Zorn des Cäsars? Und nun ist's wieder nichts! Ich möchte aber doch gar zu gern wiffen, was unseren göttlichen Domitian zu diesem Gaukler hinzieht." „Das kann ich dir erzählen," lautete die im Flüstertöne gegebene Antwort des Anderen. „Als der Herrscher noch ein Jüngling war, und der nun Gott gewordene Vespasian eben erst in Palästina zum Kaiser ausgerufen worden war. da suchten sich die Feinde unseres Kaiserhauses des jungen Domitian zu bemächtigen, um ihn zu tödten. Er schien verloren, kein Ausweg stand offen, die Menge schrie nach seinem Blute, und Niemand war da, der den Unerfahrenen vor der entfesselten Mordgier der erbitterten Römer hätte retten können. Da verkleidete Ascletarion, der um jene Zeit Hüter des Tempels der großen Göttin Isis war, den kaiserlichen Jüngling als Isis-Priester, verbarg ihn in den der Göttin geweihten Räumen und rettete ihm so das Leben. Dankbarkeit ist's demnach, die aus dem Tempelhüter einen allmächtigen Günstling machte." „Ah, Dankbarkeit der Herrscher!" lachte Glaukos, nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgesehen hatte. -,Hat je ein Sterblicher darauf fest gebaut?" (Forts, folgt.) Fitterarische Mitteilungen. Rippners vaterländische Reden?) Der Rabbiner in Altpreußen hat eine beneidenswerthe Stellung. Seine absolute geistliche Freiheit und Unabhängigkeit ist ein Gut, das alle angeblichen Bor- *) Eine Auswahl vaterländischer Reden des Herrn Rabbiners Dr. Rippner. Gesammelt und herausgegeben bei Gelegenheit der Feier feiner 25 jährigen Amtsthätigkeit in der Synagogengemeinde zu Glogau. 72 Seiten. Glogau bei C. Flemming. theile einer „gesetzlichen Regelung" überreichlich aufwiegt. Gegen eine unwürdige Fesselung durch die Gemeinde und ihre Vertreter ist es seine Sache, sich bei der Vertragsschließung zu schützen. Wer sich die Gebundenheit stipuliren läßt, den macht auch die „gesetzliche Regelung" nicht frei. Dasselbe gilt von der Autonomie der Gemeinden und der Freiheit aller Religionsübung von Aufsicht. Selbst die Thorheiten, die in dieser Freiheit begangen werden, find lehrreicher, wenn sie sich selbst bestrafen, als wenn sie bestraft werden. Es giebt in Altpreußen Rabbiner, welche in ihrer Gemeinde eine Stellung einnehmen, um die fie jeder staatlich geregelte Kollege mit Titeln, Staatssubvention und polizeilicher Machthilfe beneiden könnte. Ohne jedes Gesetz stnd sie die unbestrittenen Führer der Gemeinde. Der Mann ist eben alles, der Paragraph nichts. Der Stab des Gesetzes wird nur bewirken, daß Moses auf den Stein schlägt, anstatt ihm zuzureden. Aber gerade dafür durfte er nicht ins gelobte Land. Daß es besser ist, die Herzen anzureden als zu schlagen, wie frei und rein dann Liebe und Dankbarkeit entströmen, beweist die Auswahl vaterländischer Reden von Dr. Rippner. Denn sie ist eine Veranstaltung der Gemeinde (Glogau) zur Feier der 25 jährigen Amtsthätigkeit ihres Rabbiners. Der Gedanke ist ebenso glücklich wie würdig. Er ehrt die Gemeinde nicht minder als den Rabbiner und ist die beste Apologie ihres „ungesetzlichen" Verhältnisses. Rippner ist als Prediger längst weit über die Grenzen seiner Gemeinde auf das Rühmlichste bekannt. Hier lernen wir ihn als vaterländischen Redner kennen. Viele vaterländische Redner sind sicher eine Strafe schon für den Hörer; von dem Leser nun gar verlangen sie eine Geduld und Anspruchslosigkeit, deren nur Wenige fähig sind. Aber man weiß bereits, daß Rippner zu diesen Rednern nicht gehören kann. Das Vaterland kann es an ewigem Reichthum der Töne mit der Liebe aufnehmen. Wie das Lied von dieser für den echten Dichter niemals ausgefungen ist, so das Wort vom Vaterland nie ausgeredet für den Patrioten von tiefer Einsicht, reichem Geist und warmem Herzen. Das beweisen diese Reden. Reich und voll und doch immer neu strömen sie von goldenen Worten eines kerndeutschen Patrioten, von dem Preis des Vaterlandes und seiner unschätzbaren Güter. Es ist erquicklich, zu sehen, daß die wüsteste Verunglimpfung nicht im Stande war, uns die Freude am Vaterland zu rauben. Es ist ein hohes Glück, wenn über dem Kampf der Parteien, inmitten des Kleinmuths und der Verbitterung ein Mann die Stimme erhebt und mit Wärme und Kraft uns des unendlichen Segens bewußt macht, den wir am Vaterland haben, mit Worten hoher Weisheit in dem Streite das Unbestreitbare, in dem Kampfe das Gemeinsame, in dem Wechsel das Ewige aufweist und dadurch versöhnt. Ihm fehlt nicht der Blick für die harten und groben Realitäten des staatlichen und politischen Lebens, aber er wird nicht müde, uns den Blick auf ihre idealen Höhen zu lenken. Dabei ist seine Haltung nicht loyal in dem niederen Sinne des Korrekten und Ergebensten, sondern die Reden sind durchweht von dem erfrischenden Freimuth eines unabhängigen, furchtlosen Mannes. Kerndeutsch, wie diese Reden sind, sind sie doch durchaus jüdisch. Das heißt nicht etwa, daß sie von hebräischen Citaten und Midraschim wimmeln. In dem ganzen Buche kommt nicht ein hebräisches Wort vor, wird nicht eine Stelle nach Kapitel und Vers citirt. Sie sind jüdisch, weil die Wahrheiten und Ueberzeugungen, die vorgetragen werden, ihren letzten Grund stets in dem Ouellboden der Heiligen Schrift und ihrem traditionellen Verständniß haben, soweit es ihr congenial ist. Sie sind jüdisch durch die Wärme des Tones, welche aus dem Herzen kommt, aber nicht, ohne die Instanz des Verstandes passirt zu haben. Denn das ist ja wohl jüdisch. Dennoch ist Rippners Rede durchaus modern nach Inhalt und Form. Sie ist gesättigt mit dem Reichthum der besten und edelsten Gedanken unseres gedankenreichsten Jahrhunderts. Dies soll nicht heißen, daß Rippner Lesefrüchte zum Besten giebt, sondern daß er sich durchdrungen hat mit dem Geiste besonders Goethes, der doch wohl mit seiner Tiefe und gesunden Lebensweisheit, mit seiner Klarheit und Sittlichkeit dem Geiste der Bibel am verwandtesten ist, wie es einst im Älterthum Plato war. Nur wer Geist hat, hat etwas vom Geist. Und geistvoll in hohem Maße ist die Rede Rippners. Man hat das Borurtheil, daß die Franzosen geistvoll find vor den Deutschen. Aber nur zu oft verdeckt das Pathos Hohlheit, die Kühnheit der Sprache