Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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- 10 - Gutes mochte es nicht sein, dos Jener zu hören bekäme, denn auf des Cäsars Stirn zeigten sich drohende Falten, und das Ungewitter mußte jeden Augenblick losbrechen und den Schuldigen zermalmen. Mochte es nur ihn treffen, den scheinheiligen, kriecherischen Propheten, der den Untergebenen ein solch grausamer Herr war, und der doch die Unterwürfigkeit so gut zu zeigen verstand, wenn es galt, vor dem allmächtigen Cäsar zu erscheinen, ihn, den sie alle haßten und fürchteten wie die Pest. Aber wo er nur sein mochte? Nirgend eine Spur von dem Verhaßten, dessen bloße Anwesenheit ja den meisten von ihnen schon so oft verderblich gewesen, und den sie dennoch jetzt herbeiwünschten. Wo mochte er nur wieder seine verderbenbrütenden Pläne ausführen. und welch schnöde That hielt ihn gerade jetzt vom Kaiserpalaste fern, ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit? In den Morgenstunden zeigte er sich sonst stets in den Hallen des Schlosses, da es häufig der Fall war, daß der Cäsar ihn gleich nach Tagesanbruch vor sein göttliches Angesicht berief. „Noch nichts, Glaukos? Noch keine Spur von dem alten Gaukler?" „Keine," kam es athemlos aus dem Munde des vorbeieilenden Dieners, „keine Spur von dem Verhaßten!" „Stille, Du weißt, es ist nicht gut, hier so laut zu sprechen, er könnte Dich hören, und dann wehe Dir." „Mag ihn der Orkus verschlingen und Jupiters Blitz treffen." „Die Götter stehen uns bei! Wenn er doch hörte! — Da ist er!" Der Manu jedoch, der da langsamen, bedächtigen Schrittes herbeikam, hatte die haßerfüllten Worte des Sklaven nicht gehört. Gesenkten Hauptes schritt er einher, den Blick zu Boden geheftet, leise, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Ab und zu blieb er stehen, fuhr sich mit der mageren Hand über die Stirn, als gälte es, seine Gedanken zu sammeln oder einen Entschluß zu faffen, dann schüttelte er unwillig das Haupt, und ein böser Zug umspielte seine fahlen Lippen. Es mochte, wohl nichts Erfreuliches sein, das durch seine Seele ging, und wehe Denen, denen es galt. Aengstlich sahen die kaiserlichen Boten ihn näherkommen. Wie durften sie es wagen, den Gefürchteten in seinem Nachdenken zu stören. Sie wußten es: solches Unterfangen hatte ihresgleichen schon des Oefteren harte Strafen gebracht. Allein, was thun? Es galt des Kaisers Gebot, und nur zu lange hatte die Jagd nach dem Gesuchten bereits gewährt. Sie durften nicht länger zögern, und rasch entschlossen machten sie dem Zögern ein Ende, und der Muthigste ging raschen Schrittes auf den langsam Daherschreitenden zu. „Dank den Göttern, o edler Ascletarion, daß ich Dich finde! Du mögest doch gleich zum Cäsar kommen!" Der Zvrnesausbruch, der bei der unerwarteten Anrede im Antlitze des Erwarteten aufblitzte, und sich unfehlbar auf das Haupt des armen Sklaven entladen hätte, wich einer Miene des Erstaunens. „Der Cäsar, sagst Du, und zur Stelle?" Und er wandte ihnen den Rücken und eilte, so rasch es sein von Natur aus schleppender Gang ermöglichte, den Sklaven voraus in die Gemächer des Kaisers. Er wurde sofort Vorgelaffen. „Erhabener Cäsar . . ." „Schweig!" unterbrach ein zorniger Ausruf die wohlvorbereitete Rede des Eiutretenden. Erschrocken war Jener in sich zusammengezuckt, und kaum wagte er, den Blick vom Boden zu erheben. Eine Minute bangen Schweigens herrschte in dem Raume, während Ascletarion kaum zu athmen wagte, dann ließ sich wieder die Stimme vernehmen, diesmal jedoch etwas milder, was den zu Tode erschreckten Ascletarion allmälig wieder seine Fassung gewinnen ließ. Jetzt wagte er auch, das gesenkte Haupt zu erheben, und suchend schweifte sein Blick durch den von der Sonne durchflutheten Raum, bis sein Auge an den Purpurvorhängen des Lagers haften blieb, die jetzt mit heftigem Rucke auseinandergeriffen wurden und die ruhende Gestalt des Kaisers sehen ließen, der mit einer Handbewegung dem Eingetretenen näher zu treten winkte. „Tritt näher, so — nicht gar zu nahe, Du weißt, ich liebe das nicht; erhebe Dich und wiederhole mir Wort für Wort genau, hörst Du, was Du, über alles weiser Prophet, mir für diese Nacht geweiffagt." In Ascletarions Antlitz zuckte es, und tödtlicher Schreck fuhr durch seine Brust. „Gestatte Deinem Sklaven, o erhabener Cäsar, zuerst die Frage, ob die Götter Dir einen holden Schlaf verliehen und . . ." „Mit Nichten, weisester aller Weissager Roms, ich habe nicht geruht, der Schlaf floh mein Lager — und statt der süßesten Wonnebilder, die Du zu erschauen mir zugesagt, haben häßliche Bilder meine Seele gequält und schreckhafter Spuk den Schlaf aus meinen Augen verscheucht." Zornerfüllt hatte der Kaiser die Worte hcrvorgestoßen, jetzt aber, als er von der zusammengesunkenen Gestalt des weisen Mannes blos deffen weiße Glatze sah, überkam ihn das Komische dieses Anblickes, und er lachte kurz auf. Muthig gemacht durch diesen Ausbruch kaiserlicher Laune, erhob Ascletarion das Haupt und wagte es, dem Herrscher in das vom Lachen geröthete Antlitz zu blicken. Der Kaiser saß jetzt halb aufgerichtet auf seinem Lager. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt, und über seine schöne, von jugendlicher Fülle strotzende Gestalt ergoß sich ein Lichtstrom der in das Gemach dringenden Sonne. Nun kam auch Ascletarion langsam die Sprache wieder, und mit all der schmeichlerischen Beredtsamkeit, die ihn auszeichnete, und durch die er sich ebenso zum Freund der Mächtigen machte, wie ihn seine kalte Bosheit Niedrigen gegenüber zum gefürchtetsten Günstling stempelte, versuchte er alsbald, die für einige Minuten verloren geglaubte Gunst des Herrschers zu erlangen, und bald war ihm dies denn auch aufs Glänzendste gelungen, der Kaiser glaubte seinen Worten, und nach Verlaus von einer Halden Stunde war er felsenfest von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Schuld an der gestörten Nachtruhe einzig und allein die, Senatoren träfe, die dem Cäsar mit ihren langweiligen Reden und noch langweiligeren Gesichtern stets Aergerniß bereiten, die Sonne der kaiserlichen Huld lächelte ihm von Neuem, und Ascletarions Antlitz strahlte vor innerem Vergnügen, als ihn Domitian zum Zeichen seiner Gnade aufforderte, sich ein reiches Geschenk verabreichen zu lassen. „Ich will Dir's auch nicht mehr gedenken," sagte der Kaiser, indem er dem vor ihm Knieenden huldreich die Hand zum Kusse reichte, „daß Deine Prophezeiung diesmal eine irrige gewesen, ich weiß, Du dienst in treuer Ergebenheit Deinem Herrscher, Du hast mir ja bereits Beweise Deiner Unterwürfigkeit gegeben, darum vertraue ich Dir auch wie keinem Zweiten an meinem Hof." „Mein erhabener Kaiser," kam es von den Lippen des Knieenden, „macht mich zum Glücklichsten der Sterblichen; mein Leben, ja jeder Athemzug meines Lebens gehört meinem göttlichen Cäsar. . ." „Schon gut, ich weiß," unterbrach ihn, ungeduldig werdend, der Kaiser, „ich habe Dich vor mein Angesicht beschieden, weil ich