Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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züglich ausgestatteter Schiffe nach Aegypten und Palästinas) der ausgebildete Handel der Republik mit der Levante bildeten für die Juden Italiens einen steten Antrieb, die natürliche Sehnsucht ihres Herzens nach den Stätten des heiligen Landes zu befriedigen. Ein Ausfluß ihres gebildeteren Sinnes, ihrer mehr als in anderen Ländern gepflegten Kenntniß und Beherrschung der hebräischen Sprache, in der sie eine fließende und reine Prosa entwickelt hatten, war es dagegen, ihr eigenes Verdienst also, wenn sie ihre Wahrnehmungen und Eindrücke entweder in ausführlichen Reiseberichten oder in Briefen nach der Heimath festhielten, wodurch für uns über Länder und Zeiten, von denen uns jede Nachricht gefehlt haben würde, ein werthvolles geschichtliches Material sich erhalten hat. Die Neugier, mit der man in der Heimath den Berichten ans dem Morgenlande entgegensah, verwandelte jeden Pilger in einen Geographen, jeden Reisenden in einen Schriftsteller. Kaufmann oder Gelehrter, Heiliger oder Weltkind, ein Jeder schrieb Berichte, die zu Hause herumgezeigt oder auch in Abschriften verbreitet wurden. Auf diese Weise haben wir z. B. die kostbare Reisebeschreibung erhalten, die Meschullam b. Menachem* 2 3) bi SSoItem8) im Jahre 1481 über seine Erlebnisse auf seinem Wege nach Aegypten und Palästina niedergeschrieben hat. Es scheint, daß der Handel mit Edelsteinen den florentinischen Kaufmann zu wiederholten Malen nach dem Orient führte 4 5 * *). Als Obadja von Bertinoro Ende 1487 seine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande.antrat8), war Meschullam auf dem Schiffe, das er freilich unterwegs verließ, um mit einem anderen aus Rhodus auslaufenden Fahrzeuge nach Chios zu gehen8). Der Brief, den R. Obadja an seinen Vater aus Jerusalem schreibt, ist eine der klassischsten jüdischen Reisebeschreibungen, die je unternommen wurden. Der ungenannte italienische Auswanderer, der, vielleicht von R. Obadjas Beispiel angezogen, am 5. August 1495 Venedig verläßt, nimmt nicht den Weg über Aegypten, sondern direkt nach Beiruth'). Wenn etwas hierbei zu beklagen ist. so ist es der Umstand, vaß wir dadurch um eine Reihe werthvoller Beobachtungen und Zeugnisse gekommen sind, die wir durch ihn hätten erhalten können. Als durch David Reübeni und andere Berichterstatter aus dem Orient das Interesse der italienischen Juden wieder einmal in verstärktem Maße den zehn Stämmen und dem Sambationflusse sich znwandte, hatte die Korrespondenz aus dem heiligen Lande nach Italien einen neuen Antrieb erhalten. Der Kabbalist Abraham Lewi in Jerusalem hatte schon 1524 an Mardochai Modena und Ascher Lewi einen Brief gerichtet8). 1528 sehen wir ihn über die zehn Stämme berichten8). Sein Kollege Israel, wohl Israels i) Bergl. die Angaben über diese Reiserouten in M. Steinschneiders Hebräische Bibliographie, XXI, 136. -) Vielleicht ist der Schreiber von cod. Günzbourg 166 Menachem b. Aron b. Joab aus Bolterra Meschullams Vater. Er nennt sich nach Sen. Sachs' Katalog am Schlüsse dieser Handschrift: nm rma D’p'icarr nan ’jea v'a'rr u-i ran rna' “iap mra n"r6i asv Yaaa rfaxjn nns -i"naaa nma vm rrn mm ">a wb lmwipi imnanm lmroroi xmabi rwan mir -w ttk annb oa1 new mn-ixa inabm .[1433 =] nan nwm n«ai a’abx 3) Herausgegeben von D.Castelli in M.Luncz, Jerusalem 1,166 ff.' *) Id. 186. 5) Seine zwei Briefe hat A. Neubauer herausgegeben und übersetzt; s. Jahrbuch für die Geschichte der Juden II <1863), 195 ff. , 8) Ib. 199. ') Ebenfalls von A. Neubauer edirt und übersetzt; id. 273 ff. 8) Cod. 624 der Günzbourg'schen Sammlung in St. Petersburg' [nach Senior Sachs' handschriftlichem Katalog). o) Herausgegeben von A. Neubauer -p b& w;jp IV (1888), 24. S. Jewish Quarterly Review I, 196 s. Aschkenasi aus Perugia, der Freund des in Jerusalem in Dürftigkeit seine Tage beschließenden ägyptischen Nagid Jsak Cohen Scholal, verzeichnet in regelmäßigen Briefen nach der Heimath an seinen Gönner Abraham von Perugia die Zeichen der Zeit und die Nachrichten von den zehn Stämmen'8). An Abraham aus Perugia hatte auch Rafael b. Asriel Trabotto44) über dieses Thema berichtet. Vorher hatte schon Juda b. Salomo di Blaues43) in Castello alles, was ihm an Briefen aus dem Orient über diese Fragen erreichbar war, zu sammeln angefangeu43). So erklärt es sich, daß auch ein schlichter Handelsmann, David dei Rossi aus Cesena, den ursprünglich nur geschäftliche Jntereffen nach dem Morgenlande führten, einen litterarisch gehaltenen Reisebericht nach der Heimath erstattet, in dem auch die Frage aller Fragen, die zu Hause seine Glaubensbrüder bewegt, die Frage der zehn Stämme, berührt wird. Abraham Joseph Salomo Graziano,") der unermüdliche Sammler von Modena, hat diesen Brief in einem der Sammelbände, in denen sein Fleiß und sein wissenschaftlicher Sinn so viel Dokumente jüdischer Geschichte und Litteratur gerettet hat, der Aufbewahrung mit Recht für Werth gehalten. Aus dieser jetzt in meinem Besitze befindlichen Quelle möge er hier zum ersten Male ans Licht treten! David dei Rossi, wie der Name seines Sohnes Elia zeigt, zur Familie des Menachem b. Elia aus Cesena48) gehörig, war im Jahre 1534 nach dem Orient gezogen. Sein Sohn Elia scheint in Gefangenschaft, vielleicht von Seeräubern, gerathen zu sein, aus der er jedoch, wie der Vater ans Famagusta auf der Insel Cypern bereits erfuhr, befreit wurde. Safed in Galiläa wurde der Wohnsitz Davids, von wo aus er in Handelsgeschäften seine Reisen unternahm. Eine Schwester Hanna und deren Gatte Jsak Baruch hatten mit David zusammen die Fahrt nach dem heiligen Lande angetreten, aber die schwache Gesundheit Jsaks war dem Wege zur See nicht gewachsen, so daß ein Unfall, ein Sturz aus der Thür in Sidon, genügte, um vor der Zeit sein Leben abzuschneiden. Seine Wittwe, Davids Schwester, mochte jetzt nicht weiter im Orient verweilen und kehrte nach kurzem Aufenthalt nach der Heimath Cesena zurück. Aber auch sie wollte nicht wiederkommen, ohne ein frommes Denkmal ihrer Orientfahrt mitgebracht zu haben. So nahm sie ein Verzeichniß der Gräberstätten im heiligen Lande mit, das ihr in Jerusalem, wo sie mit ihrem Gatten zwei Monate geweilt und von wo sie mit ihm auch Hebron besucht hatte, mitgegeben worden war48). Aber wie viel auch David dem mündlichen Bericht seiner Schwester überläßt, ohne eine Mittheilung über die zehn Stämme will er seinen Brief nicht abgehen laffen. Seine Erkundigungen hatten bis dahin nur ergeben, daß in sehr weiter Entfernung von Palästina in der Wüste, wo die Karawanenstraße nach Mekka zieht, ein Reich freier jüdischer Stänime sich befindet, die mit den Arabern im Ausplündern der Vorbeiziehenden gemeinsame Sache machen, Juden aber, die ihnen begegnen, reich beschenken und unter sicherem Geleit bis an die Grenze ihres Gebietes bringen. Es ist dieselbe Kunde, die auch Abraham b. Jsak Halewi Jbn Megas, der Leibarzt 4°) Id. 25 — 32. 44) Ib. 32 ff. 42) Vergl. D. Kaufmann in Revue des etudes juives IV, 93 n. 1. ,8) m bv pap iv, 36 f. 14) Bergl. D. Kaufmann, Monatsschrift 39, 351 n. 1. 15) Hebr. Bibliogr. XII, 107 f.; vgl. Kaufmann in der Steinschneider-Festschrift, S. 229 n. 5. 16) Jsak Baruch kann nicht der Verfasser der von Zunz, Ges. Schriften I, 179, Nr. 72 erwähnten Schrift sein, da diese im Jahre 1521 und 1522 verfaßt wurde.