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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Jüdische Grüße. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann. r?^n jüdischen Kreisen sind, besonders an religiöse Feste und Er- T$ eignisse geknüpft, eigenthümliche Gruß- und Beglückwünschungs- (J!& Worte theils üblich gewesen, theils noch in Brauch. Sie allesammt sindZeugniß und Ausfluß einer jedenfalls rühmlichen Herzlichkeit, Antheilnahme und Mitleidenschaft. Ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu machen, will ich hier sowohl derjenigen Worte und Formeln gedenken. die sich, bei uns in Deutschland wenigstens, nur noch als geschichtliche Erinnerungen erhalten haben, als auch der noch dann wann, ja häufig gebräuchlichen. Der alte, schöne Willkommruf: Scholem alechem des Eintretenden, alechem scholem des Besuchten (Friede mit Euch, mit Euch Friede), der in dem türkischen Salem aleikum seinen Nachklang findet, wird auf deutschem Boden kaum oder selten noch gehört. Auch das sonst in Synagogen bei Empfang von Ehrenbezeugungen vielgehörte Wort schkaucli, die Danksagung, wird — hoffentlich dort wenigstens — kaum mehr vernommen. Es ist die Zusammenziehung der beiden Worte Jejaschir Kauach — Gott möge Deine Kraft mehren, Gott möge Dich segnen — also jedenfalls ein sinniges Dankeswort. Die Wünsche: Grit Schabbes, Gut Woch' — am Freitagabend und Sonnabend — erklären sich von selbst u»d sind jedenfalls sinniger als viele neuerdings mit dem Eigenschaftswort „gut" gebildete Begrüßungsformeln, z. B. „Gut Holz!" der Kegler. Bedenklicher, weil geschmackloser, ist schon der Feiertagswnnsch: Gut Jom tow, d. h. Gut Gut-Tag. Noch bedenklicher ist die hebräische Glückwunschform Masel tow — guten Stern — weil sie erinnert und anknüpft an persische und arabische Astrologie. Vollends veraltet und in hohem Grade fragwürdig erscheinen aber die Gruß- und Glückwunschformeln, welche sich an das Neujahrsfest anschließen, und die sich ebenso allgemein forterhalten haben und ebenso bevorzugt werden, wie dieses Fest vor den anderen. Der an den alten Bräuchen hängende Glaubensgenosse ebenso wie sein in modernen Anschauungen sich ergehender Nachbar glauben eine Unschicklichkeit zu begehen, wenn sie sich nicht zum Neujahrsfest mündlich oder schriftlich mit leschonoh tauwo tikossew — zu einem guten Jahre mögest Du eingeschrieben werden — begrüßen. Eine ganze ergiebige Neujahrskarten-Fabrikation stützt sich auf diesen weitverbreiteten Brauch. Die Feinheiten der hebräischen Grammatik und des alten Gebetbuchs, das diese Grußworte ausgenommen, jedoch richtig bemerkt, daß Frauen gegenüber dem tikossew ein i, Mehreren gegenüber ein u hinzlizufügen, mehreren Frauen gegenüber tikossewin zu sagen ist, Werden hierbei meist übersehen. Bei Vielen, namentlich Frauen, stehen die deutschen Neujahrsglückwunsch- Worte in Werth: Mögen Sie sich alles Gute ausgebeten haben. So wohlgemeint diese Glückwünsche sind, wohlüberlegt und wohlaufrechthaltbar sind sie nicht. Der hebräische Neujahrsglückwunsch beruht auf der Annahme früherer Zeiten, die sich den lieben Gott wie einen Kaufmann bezw. Richter vorftellte, der Buch führt, Urtheile, Urkunden — altdeutsch Brief lind Siegel — vollzieht. So heißt es in dem so ergreifenden — auch ohne seine mythische Entstehungsgeschichte als posthume Dichtung eines Märtyrers — herrlichen Unsane taukef: „Am Neujahrsfest wird geschrieben, am Versöhnungsfest wird besiegelt" das Schicksal über Leben und Tod, Reichthum und Armuth, Erhebung und Fall. Im Stein'schen Gebetbuch ist dieser Satz mit gutem Grund beseitigt. So enthalten im jüdischen Vater-Unser „Owinu malkenu“ fünf auf die Bitte „Koswenu“: „schreibe uns ein" in das Buch des glücklichen Lebens, der Verdienste, der Nahrung und Verpflegung, der Erlösung und Befreiung, der Verzeihung und Vergebung. Im Schlußgebet am Versöhnnngstage verwandelt sich das fünfmalige Koswenu in ehosmenu „siegle uns ein". Bedarf es besonderer Darlegung, um diesen Anthropomorphismus als störend, als den biblischen Quellen zuwiderlaufend, ja trotz tausendjährigen Herkommens als unjüdisch und beseitigenswerth zu bezeichnen? Wie herrlich stellen andere an diesen Festen vorgetragene Gebete das Verhältniß des Menschen zu Gott dar: wie Kinder zum Vater, wie die Heerde zum Hirten, wie der Thon zum Töpfer, wie der Schützling zum Beschützer, wie der Irrende zum Allerbarmer. Wie sehr betonen die weisen Väter in ihren Sprüchen, daß der Mensch nicht zu Gott stehe wie der Knecht zum Herrn, wie der Sklave zum Sultan, sondern wie das Kind zum Vater, daß Gottesfurcht nicht Angst vor Gott, sondern Ehrfurcht und Liebe bedeute. Es liegt ja nahe, am Jahreswechsel sich besonders ergriffen zu fühlen von dem Ernst und der Bedeutung des Lebens, der Rückblick auf die wechselnden Schicksale des ablaufenden Jahres, der Ausblick ins Dunkel des kommenden führen von selbst mahnende Erwägungen herbei. Dazu bedarf es aber dieser allzudick aufgetragenen Verwandlung des liebenden, erbarmungsvollen Gottes in einen Urtheil schreibenden und besiegelnden Richter nicht. Damit ist auch dem Wunsch leschono tauwo tikossew feine Bedeutung ertheilt. Er ist — wo er sich nicht zur Phrase verflüchtigt — wohlgemeint, aber in seiner Anknüpfung an jene Neujahrsurtheilsausfertigung hinfällig wie diese. Noch schlimmer steht es um den deutschen Neujahrswnnsch: Alles Gute sollen Sie sich ausgebeten haben. Er ist gewiß wohlgemeint. Denkt man aber über ihn nach, so muß man finden, daß er weder vom Gebet überhaupt, noch vom Neujahrsfest insbesondere, noch endlich vom Begrüßten eine richtige Auffaffung wiederspiegelt. Vom Gebet nicht — denn dessen Zweck ist wahrlich nicht, sich Gutes von Gott auszubitten; sein Zweck ist Erbauung, Herzenserguß, Läuterung. Gottinnigkeit, Seelenfriede. Vom Neujahrsfest nicht — es ist nicht, wie jener Gruß veranschaulicht, zu dem Zwecke da, daß der Mensch — gewissermaßen so wie der Kauflustige sich in einem Handelsgeschäft Maaren auswählt — vor feinen Gott hintritt, um diesen und jenen Wunsch auszusprechen. Endlich dem so Begrüßten wird mit jenem Wunsche nichts Angenehmes gesagt, denn ihm wird angesonnen, daß Eigennutz der Zweck seines Gebetes sei. Der Glückwunsch: Alles Gute wünsche ich Ihnen, hat einen guten Sinn, der: Alles Gute mögen Sie sich ausgebeten haben — ist widersinnig, unjüdisch, ob er auch seit noch so langer Zeit althergebracht sei. Grn Brief David dei Rosst's ans Palästina vom Jahre 1534. Von Professor Dr. David Kaufmann. fn einem corpus geographorum, einer der Ehrenpflichten der jüdischen Wiffenschaft, in dem die in hebräischer Sprache erhaltenen Reisebeschreibungen in kritisch gesicherten Texten vorzulegen sein werden, wird für das Ende des fünfzehnten wie für die erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts den Italienern die erste Stelle gehören. Die außerordentlich günstige Verbindung Venedigs mit dem ganzen Orient, der regelmäßige Verkehr vor-

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