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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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' ^'t-- '-^~\wy'-“?c; >'""* ,s’-^ . r ' -» o - 5 - licher Urkunden aus dem Mittelalter und der neueren Zeit, durch Aufstellung einer vollständigen Regestensammlung vom ersten bis zum dreizehnten Jahrhundert und durch Bearbeitung älterer litterarischer Erzeugnisse nach den neuesten Methoden moderner Forschung die Wissenschaft bereichert.*) Aber schon auf dem Gemeindetag des Jahres 1886 zeigte es fich, daß ihre Thätigkeit nicht ganz den Erwartungen entsprach, die ein großer Theil der deutschen Judenbeit auf ste gesetzt hatte. Sie war von einer zu fachmännischen Wissenschaftlichkeit, als daß ste rechte Fühlung mit dem größeren Publikum gewinnen konnte. In die Lücke, die sich durch diesen Umstand bemerkbar machte, traten nun die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur. Sie werden sich erinnern, verehrter Herr Präsident, welche Begeisterung Sie in uns erregten, als Sie uns eines Tages mit der Nachricht überraschten, in einer Versammlung sei am Tage vorher — ich glaube, nur ganz gelegentlich — die Idee zur Gründung eines solchen Vereins in Berlin angeregt worden. Sie gingen dann eifrig an die Arbeit, und schon nach einigen Wochen konnten wir in einem Saale in der Beuthstraße eine Versammlung abhalten, in der der Berliner Verein für jüdische Geschichte und Litteratur konstituirt, die Satzungen angenommen und der erste Vorstand gewählt wurde. Freilich, daß die dadurch angefachte geistige Bewegung einen solchen Umfang annehmen, daß ste sich über ganz Deutschland fortpflanzen und daß schon nach wenigen Jahren ein mächtiger Verband solcher Vereine bestehen würde, das hat damals wohl Keiner von uns ahnen können. Meine Herren! Die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte und Litteratur hat eine Besonderheit, welche eine große Schwierigkeit in sich schließt. Auch in der Geschichte anderer Rassen giebt es Epochen von verschiedenem Werthe; auch in der Litteratur anderer Stämme unterscheiden sich klassische und minder bedeutende Perioden. Aber bei der jüdischen Geschichte und Litteratur ergiebt sich folgendes Bild: Wir haben eine antike Geschichte, wie sie bedeutender und großartiger nicht gedacht werden kann. Aus ihrem mythischen Halbdunkel leuchten jene heroischen Gestalten in scharf umrissenen Charakterzeichnungen zu uns herüber — riesenhaft selbst in ihren menschlichen Schwächen. Die Litteratur, welche sie schildert, ist zur wichtigsten Grundlage der modernen Bildung geworden, welche sich schon heutzutage nicht mehr auf Europa beschränkt, sondern den ganzen Erdball zu umspannen im Begriff steht. Diese Litteratur, die mit Recht allgemein als die „Bibel", das heißt „das Buch" bezeichnet wird, das Buch der Bücher ist der Leitfaden für die Erziehung des Menschengeschlechts geworden. Gegen den Inhalt dieses biblischen Kreises nun steht die spätere Geschichte der Juden und die nachbiblische sogenannte rabbinische Litteratur weit zurück. Der Unterschied ist, als wenn man eine Hügelkette mit den Alpen oder einen kleinen Teich mit dem Ozean vergleichen wollte. Und hierin liegt die gedachte Schwierigkeit. Fast das ganze Interesse wird von jenem alten Schriftthum mit seinen typischen Gestalten angezogen und absorbirt, und immer wieder stößt man auf die Frage: „Lohnt es denn überhaupt, sich mit der späteren jüdischen Geschichte und Litteratur zu beschäftigen? Ist das nicht eine Sache, die man den Fachmännern und den Lokalforschern überlassen sollte?" Aber diese Anschauung ist unrichtig, und die Aufgabe Ihrer Vereine, meine Herren, ist es, den Beweis hierfür zu erbringen. Das Judenthum kann nur als ein Ganzes betrachtet werden, als etwas noch Lebendes und Lebensfähiges. Und wenn kein Berständniß der Zwischenglieder gewonnen wird, die die heutigen Juden mit den Gestalten der Urzeit verbinden, so entsteht in den Köpfen die größte Verwirrung, zum Unheil nicht nur der Juden selbst. Lassen Sie mich auf das obige Bild zurückkommen. Die moderne Wissenschaft beschränkt ihre Thätigkeit nicht auf die Untersuchung der Alpen und der Meere. Sie hat gelernt, auch die minder auffallenden Phänomene zu erklären. Sie versteht es, nachzuweisen, daß da, wo wir heute nur eine Ebene sehen, vor Zeiten ein hohes Gebirge seine gletscherbedeckten Zinnen emporstreckte oder ein Ozean seine Fluthen wälzte, und zieht hieraus ihre wichtigsten Folgerungen. So verhält es fich auch mit der jüdischen Geschichte und Litteratur seit der Zeit der Zerstreuung. Sie will ftudirt sein, um ihre Schätze zu erschließen. l) Der Historischen Kommission gehörten bis jetzt an die Professoren Stobbe, Wattenbach, Weizsäcker, Breßlau, Geiger, Gierke, Dümmler Lazarus, Steinthal, Direktor Baerwald, Geheimer Sanitätsrath Kristeller. Es wäre gewiß unrichtig, zu sagen: die Weltgeschichte ist nur die Geschichte Israels. Aber es ist ebenso unrichtig, zu sagen: Die nachbiblische Geschichte und Litteratur der Juden spielt keine Rolle mehr in der Weltgeschichte und Weltlitteratur. Die spätere jüdische Geschichte und Litteratur fließt allerdings nur jn schmalen Rinnsalen; aber diese haben dieselbe Struktur wie der große Strom der Weltgeschichte und machen alle seine Windungen und Biegungen mit. Die Geschichte des Judenthums ist im innersten Kern nichts als die Geschichte des monotheistischen Gedankens. Und die Weltgeschichte selbst — mag es auch bezweifelt werden, ob sie andere Kulturfortschritte der Menschheit aufweist — das Eine ist doch unbezweifelbar: Sie beweist die fortschreitende und sich immer mehr ausbreitende Macht des von einem einzelnen Ursprungsort ausgegangenen monotheistischen Gedankens, der, ob auch verdunkelt, immer wieder in vollster Folgerichtigkeit durchbrechen wird. Meine Herren! Tragen Sie in Ihren Vereinen fleißig die einzelnen Bausteine zusammen; aber vergessen Sie auch nicht, den Blick von Zeit zu Zeit auf das Ganze zu richten. Verbinden Sie wissenschaftliche Tiefe mit populärer Klarheit, dann werden Sie der gesammten Glaubensgenoffenschaft große Dienste leisten und unserer Jugend vieles von Demjenigen geben können, was ste seit Generationen vermißt hat! Mer Fall Mreyfirs im Lichte des jüdischen Gesetzbuches. Von Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw. I. fie jüdische Gesetzgebung räumt dem „Errare humanum est“ den breitesten Raum ein und betrachtet es als etwas Selbstverständliches, daß die Richter bei der sorgfältigsten Prüfung, bei der peinlichsten Gerechtigkeit, bei der strengsten Unparteilichkeit irren könen. „Irren ist menschlich!" Der Jrrthum der Richter ist ein Faktor, mit dem die Halacha fortwährend rechnet, und Mischnah und Talmud werden nicht müde, theoretisch gesetzlich festzustellen, was denn in jedem einzelnen Falle solch gerichtlicher Jrrthümer zu geschehen habe, und praktisch wieder die Fälle aufzuzählen, wo sich seine größten Lehrer, Gesetzgeber, entweder irregeführt durch falsche Zeugen oder geblendet, hingeriffen von Vorurtheil, Uebereifer, Parteieifer, geirrt, im Jrrthum unschuldiges Blut vergosien und diesen Jrrthum dann ihr Lebelang bereut und beweint haben. Jn großartiger, in rührender Weise offenbart sich in diesem Theile der Gesetzgebung der Geist der Humanität, des Edelmuths, der Schonung und Barmherzigkeit auch gegen die schwersten Verbrecher. „Bedenket," riefen die Richter den Zeugen, bevor sie ihr Zeugniß abgelegt, zu, „Bedenket! Wer auch nur einen e innigen Menschen zu Grunde richtet, der versündigt sich so, als ob er eine ganze Welt zu Grunde gerichtet hätte." (Synhedrin, 37 a) Mott hat bei der Schöpfung nur einen Menschen geschaffen, von dem alle Menschen in gleicher Weise abstammen, das soll Euch daran mahnen und erinnern, daß alle Menschen gleich sind und das Leben des einen so theuer und kostbar wie das des anderen." (Ibidem.) Von solchem Geist beseelt, gingen die Richter an ihr schweres, verantwortungsvolles Werk. Und wenn die Richter trotzdem, durch Zeugen irregeführt, sich geirrt und ein falsches Urtheil gefällt, den Unschuldigen schuldig gesprochen, was geschah dann?! Nun, je nachdem! Handelte es sich blos um Geldangelegenheiten, dann wurde die Sache noch einmal geprüft und noch einmal — von Neuem — das Urtheil gefällt. . . Der früher Schuldige, der jetzt unschuldig befunden, wurde freigesprochen, und der früher Un-

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