Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 62 (1898)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1898)
- Date
- 1898-01-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- 4 —- uns mit dem Stolz unserer Geschichte, unseres Wissens, unseres Glaubens, und an dem Felsen des Judenthums wird der Antisemitismus, der im philosophisch-ethischen Gewände einherschreitet, ebenso abprallen, wie der Antisemitismus der Gasse. Seien wir fest und stark; der Gedanke, daß das Judenthum aufsteigt, wenn Menschlichkeit, Bildung und Wahrheit Triumphe feiern, muß uns mit froher Zuversicht und unverfieglichem Optimismus erfüllen. Unsere Hoffnungen sind nicht geringer als unsere Wünsche. Weihevoll ist die Zeit! Noch sind die Lichter nicht verglommen, die an der Hasmonäer Glaubenstreue erinnern. Zwei Jahrtausende sind seit ihrem Opfermuth und ihren Siegen vergangen. Wieder wendet sich das Jahr dem Lichte zu. Möge Ihre Arbeit gesegnet sein und dem Lichte dienen! Das walte Gott! H. ochverehrte Anwesende! Von meinen Kollegen im hiesigen Rabbinate, welche dem diesbezüglichen Ansuchen Ihrer verehrlichen Verbandsleitung gern stattgegeben, ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, Sie, hochverehrte Anwesende, Namens des hiesigen Rabbinatskollegiums zu begrüßen und in unserer Mitte willkommen zu heißen. Meine Kollegen waren hierzu nicht blos darum so bereitwillig, weil sie in dem Ansuchen Ihrer verehrlichen Verbandsleitung eine Ehrung für das hiesige Rabbinat erblicken zu dürfen glaubten, sondern vielmehr, weil es ihnen symptomatisch zu sein schien für das innige Berhältniß, das zwischen den Rabbinern überhaupt und den Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland besteht, und weil es gut ist, daß dieses Berhältniß aus dem Stadium des Symptoms heraustrete und sich vor aller Welt als thatsächliche Wirklichkeit erweise. Oder besteht etwa dieses Berhältniß nicht in Wirklichkeit? Sind die Rabbiner nicht in den meisten Gemeinden Deutschlands die Hauptstützen der Vereine, ihre Begründer, ihre Leiter und ihre unermüdlichen Förderer? Sind sie es nicht, von denen die meisten Borträge gehalten werden, und die sich auch zu Vorträgen in auswärtigen Vereinen stets bereit finden lassen? Kein Zweifel, das innige Berhältniß besteht thatsächlich, und wie könnte es auch anders sein! Sind ja die Zwecke, welche die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur verfolgen, genau dieselben, die jeder Rabbiner in seinem Wirkungskreise erstreben muß, wenn er anders eine seiner wichtigsten Berufspflichten nicht versäumen wiL Durch die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur soll itt unseren Glaubensgenossen vor allem jener edle Stolz wieder erweckt werden, der ihre Vorfahren erfüllte im Hinblick auf den hehren, mit allen Anforderungen der Sittlichkeit und mit allen Aufstellungen der Vernunft übereinstimmenden Lehrinhalt ihrer Religion; es soll ferner das ebenso nothwendige wie berechtigte Selbstgefühl in ihnen genährt werden durch den Nachweis, daß unser Stamm zu allen Zeiten und in allen Ländern, in denen er geweilt, nicht blos durch seinen Einfluß auf das religiöse Leben der Völker, sondern auch durch seine bedeutsame Mitarbeit auf allen Gebieten menschlicher Kultur und Bildung wesentlich zur Hebung der allgemeinen Wohlfahrt und Gesittung bei? getragen hat und in gleicher Weise noch heute diese seine providentielle Sendung erfüllt; es soll endlich das Bewußtsein des äußeren und inneren Zusammenhanges und das Streben nach Einigkeit in ihney gestärkt werden durch die Erwägung, daß wir uns nur durch jenes Bewußtsein und dieses Streben in dem fast überall gegen uns entsesselten Kampf zu behaupten und unsere auf Wahrheit und Menscheryliebe gerichteten Ziele zu erreichen vermögen. > Das sind, soweit ich sehe, die Zwecke, welche die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur verfolgen. Sind das nun nicht auch die Zwecke, die jeder Rabbiner in seine Wirksamkeit einbeziehen muß? Schon bei der ersten Versammlung unseres gegenwärtigen Rabbinerverbandes in Deutschland im Jahre 1884 wurde von dem Referenten zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung: „Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes re." — es war Herr Dr. Vogelstein gewesen — ist der feinen Ausführungen beigegebenen „Begründung" unter anderes folgendes „als dringende Forderung der Gegenwart und als heiligste Aufgabe jedes Rabbiners" aufgestellt: * C. Veranstaltungen zur Belehrung der Erwachsenen: 1. durch Bezugnahme auf hervorragende Personen und bedeutsame Ereignisse aus der jüdischen Geschichte in den gottesdienstlichen Vorträgen; 2. durch Vorträge außerhalb des Gotteshauses über das Judenthum und seine Geschichte nicht nur in der eigenen Gemeinde, sondern auch in den Nachbargemeinden IWandervorträgej; 3. durch Herausgabe geeigneter unterhaltender und zugleich belehrender Schriften fLitteraturvereinej." *) Sie sehen daher, hochverehrte Anwesende, daß der Rabbinerverband schon vor der Gründung der gegenwärtigen Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur alle Zwecke derselben als heilige Aufgabe jedes Rabbiners bezeichnet hat, womit selbstverständlich das hohe Verdienst Ihres geschätzten Vorsitzenden um die Gründung dieser Vereine nicht im Geringsten geschmälert werden kann. Denn ein Anderes ist es, etwas als eine wichtige Aufgabe hinstellen, und ein Anderes wiederumdiese Aufgabe ihrer Lösung entgegenzuführen. Die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur bilden, davon bin ich überzeugt, einen Markstein in der Geschichte des modernen Judenthums. Sie sind ein vollständiges Novum in unserer Geschichte, denn der von Ludwig Philippson um die Mitte der fünfziger Jahre gegründete Litteraturverein war bei allem Segen, den er für seine Zeit gestiftet hat, doch mehr eine Art Berlagsanstalt zur Verbreitung von Schriften über die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. Es schafft sich eben durch die gnadenreiche Vorsehung Gottes jede Zeit das geeignete Mittel zur Erhaltung und Mehrung ihres überlieferten heiligen Erbgutes. Sachlich ist nun das Mittel, daß Sie ergriffen haben, genau dasselbe, was unsere Vorfahren zu dem gleichen Zwecke angewandt haben. Früher war es das sogenannte „Lernen", die Verbreitung der Thora und aller auf das Religionsgesetz bezüglichen Wissenschaften, was edles Selbstgefühl geweckt hat; heute ist es auch nur die Thora, aber die Thora in all den mannigfachen geistigen und sittlichen Ausstrahlungen, die aus ihrer Lichtquelle im Laufe der Zeiten in Litteratur und Geschichte hervorgegangen sind. Formell nur ist das Mittel ein anderes, ich meine den edlen, allen ästhetischen, logischen und rhetorischen Anforderungen entsprechenden Bortrag. Die Anregung hierzu konnte freilich nur voll Deutschland ausgehen, wo das Vortragswesen allgemein auch auf den anderen Gebieten des Geisteslebens in hoher Blüthe steht, was,, nebenbei bemerkt, wiederum ein Beweis ist, wie sehr wir Juden uns selbst in den auf die Wahrung unserer religiösen Interessen gerichteten Maßnahmen den Uebungen und Gewohnheiten unserer nichtjüdischen Landesgenossen anfchließen. Ja, hochverehrte Anwesende, jede Zeit hat, wie ihre besonderen, von Gott geordneten Führer, so auch ihre eigenen Bildungs- und Vereinigungsmittel. Möge Gott der Herr, der die Zeiten regiert, beide segnen, die Führer, daß sie von jener Begeisterung erfüllt seien und bleiben, die alle Hindernisse überwindet, und die Mittel, daß sie sich als zweckentsprechend erweisen und die Herzen der Glaubensgenossen zu heilvollen Werken entflammen. Möge Gottes Segen auf Ihrer Versammlung und Berathung ruhen, damit Ihre Beschlüsse unserer Gesammtheit zum Heile gereichen für und für! Amen! III. Meine sehr geehrten Herren! cjjxm Namen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes beglückwünsche ich Sie zu den schönen Erfolgen, die Sie in den wenigen Jahren des Bestehens Ihrer Vereine errungen haben, und spreche Ihnen die Hoffnung aus, daß Sie auch in Zukunft in gleich glücklicher Weise vorwärts schreiten mögen. Der Gemeindebund hat, entsprechend dem Geiste, in dem er begründet war, schon früh die Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur in den Kreis seiner Aufgaben gezogen. Im Jahre 1885 wurde auf seine Veranlassung und mit seiner Unterstützung die „Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland" gegründet. Diese Kommission wurde aus neun Männern zusammengesetzt, drei Historikern jüdischen Bekenntnisses, drei Historikern christlichen Glaubens und drei anderen Universitätslehrern, welche vom Ausschuß des Gemeindebundes aus seiner Mitte abgeordnet wurden. Es war Fürsorge getroffen worden, daß diese Kommission in voller wissenschaftlicher Unabhängigkeit wirken konnte; sie hat denn auch durch Herausgabe wichtiger geschicht- *) Vergl. Verhandlungen und Beschlüsse der Rabbinerversammlung zu Berlin am 4. und 5. Juli 1884. Verlag von Walter & Bpolant. S. 94.