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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 muß die antisemitische Bewegung verkümmern, im Sande verlaufen. Damit zeigt sie am deutlichsten ihren negativen, unfruchtbaren Charakter, in diesem Sinne ist auch sie gewissermaßen eine Schmarotzerpflanze, ein Lebewesen, das sich von den wirklichen oder eingebildeten Missethaten des Judenthums nährt. Als weiterer Grund zu dem Nachlassen der ausgesprochen und in erster Linie antisemitischen Strömung kommt der Umstand hinzu, daß die feiner besaiteten Antisemitenführer schließlich auch der fortgesetzten geisttödtenden Behandlung der Judenfrage überdrüssig werden mußten, daß sie müde wurden der unausstehlich abgedroschenen, keinen neuen Gedanken mehr bietenden Judenriecherei." Von der geistigen Armseligkeit des Antisemitismus entwirft der gut orientirte Verfasser ein richtiges Bild: „Es giebt in der antisemitischen Partei außer den paar Führern, die wenigstens Klugheit, Redegewandtheit, Routine in ihrer Person vereinigen, so gut wie keine geistige Elite. Die meisten ihrer Anhänger find geistig Arme. . . Die Partei hat sich ihr geistiges Grab selbst geschaufelt, als sie auf die Bethätigung einer den wirthschaftlichen und technischen Fortschritt zur Grundlage nehmenden, vor den Forschungen der Wissenschaft und den Ergebnissen der praktischen Volkswirthschaftslehre Stand haltenden Sozialpolitik verzichtete unv sich in die Agitation für rückständige, kleinkrämerische Anschauungen einfangen ließ, die von der Wissenschaft und von der Erfahrung gleichmäßig verworfen werden und daher einen irgendwie erheblichen Theil von gebildeten Männern der Partei nicht zuführen konnten — ganz abgesehen von der antisemitischen Agitation, die alle feiner empfindenden Personen auf die Dauer unbefriedigt läßt oder direkt abstößt." Die antisemitische Gefolgschaft im deutschen Lande mag aber ihre Abgeordneten über folgende Stelle in der Schrift Erdmannsdörffers um Auskunft bitten: „Antisemitische Abgeordnete des Reichstages scheuen sich nicht im geringsten, mit jüdischen Parlamentsjournalisten geschäftliche Beziehungen derart zu unterhalten, daß sie ihnen interessante Nachrichten gegen Entgelt zugehen lassen." * Welcher Kurs herrscht jetzt in Rußland gegen die Juden? Das ist in der That eine Preisfrage, deren Lösung aber wohl kaum einem Menschen gelingen würde. Stellt man auch nur die Nachrichten einer Woche aus dem Zarenreiche zusammen, so ergiebt sich das verwirrendste Kunterbunt, ein Chaos, das nicht einmal der größte Politiker zu entwirren vermöchte. Heute wird von einer günstigen Entscheidung des landwirthschaftlichen Ministeriums betreffs der jüdischen Ackerbauschulen, morgen von einer ungünstigen Antwort des Ministeriums des Innern hinsichtlich des Aufenthalts von Juden in den Bädern der Krim berichtet. Auf Auszeichnungen hervorragender folgen unmittelbar Ausweisungen armer Juden. Der Eine berichtet von Gnadenakten, des Zaren gegen unglückliche Verfolgte, der Andere weiß dagegen zu melden, daß der Selbstherrscher aller Reußen seine volle Zustimmung zu den Beschränkungsmaßregeln des Ministers des Innern, der sich gerade nicht als besonderer Judenfreund erwiesen, gegeben habe. Man kann sich denken, in welcher Lage sich unsere Glaubensgenoffen in Rußland unter der Herrschaft dieses richtigen Zickzackkurses befinden. Sie wiffen thatsächlich nicht mehr, was Rechtens ist, und die Gesetzgebung über die Juden in Rußland ist ein wahres Monstrum geworden von Grausamkeit und Fanatismus, von Jrrthümern und falschen Vorstellungen. Und was das Allerschlimmste ist: Es ist leider so gut wie gar keine Aussicht vorhanden, daß sich diese traurigen Zustände in absehbarer Zeit ändern, geschweige denn beffern. Wann und von wo wird Rettung und Hilfe den russischen Juden kommen? Jk Drei Reden. Bon Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, Rabbiner Dr. S.. Maybaum und Syndikus Dr. Georg Minden. n dem Bericht über die Generalversammlung der jüdischen Litteraturvereine haben wir bereits der drei Reden gedacht, mit denen der Vorstand der jüdischen Gemeinde, das Berliner Rabbinat und der Deutsch - Israelitische Gemeindebund die Delegirten begrüßten. Wir freuen uns, heute, vielfach ausgesprochenen Wünschen entsprechend, die drei Reden im Wortlaut mittheilen zu können. Zuerst sprach Herr. Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs Namens des Gemeindevorstandes, hierauf Herr Rabbiner Dr. Maybaum im Aufträge des Rabbinats und zum Schluffe Herr Syndikus Dr. Minden für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. I. l§M^ir ist von den Nettesten der Gemeinde der ehrenvolle Auftrag geworden. Sie, meine hochverehrten Herren, zu begrüßen, und herzlich heiße ich Sie in den Mauern Berlins im Namen der jüdischen Gemeinde zu Berlin willkommen. Lassen Sie mich zuvörderst den Herren danken, die das verdienstvolle Werk unternommen haben, die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur zu begründen und zu gemeinsamer Tagung und gemeinsamer Arbeit zu vereinen. Daß Ihr Wirken der Wissenschaft, in deren Dienst Sie sich gestellt haben, zum Segen und Ihnen selbst zur Erhebung gereichen werde, deß bin ich gewiß. Aus dem Gewühl des Alltagslebens, aus dem Staub des Marktes und der Gasse in das Reich der Ideen und Ideale zu führen und geführt zu werden, an dem Weben und Walten der jüdischen Geschichte und an dem Urquell jüdischer Poesie Erholung und Jugendkraft zu schöpfen, ist Lohn, der reichlich lohnet. Wenn es uns, den Aeltesten der jüdischen Gemeinde, obendrein Bedürfniß war. Ihnen zu danken und Sie willkommen zu heißen, so leitet uns noch ein anderer Gedanke als die bloße ideale Freude an der Wissenschaft und die Sympathie für ihre Jünger. Wir find uns bewußt, daß die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur eine hohe und heilige Mission zu erfüllen haben, und daß ihr Wirken und Schaffen nicht blos der Wissenschaft und den Bereinsmitgliedern, sondern der Religionsgemeinschaft, dem Judenthum selbst zu gute kommen soll. Heilige Satzung ist dem Juden die Kenntniß der Geschichte. In dem Schlußgesang, den der große Stifter unserer Religion als sein Testament dem Volke Israel hinterlassen hat, heißt es: „Gedenket der Tage der Vorzeit, Erwäget die Jahre vergangener Geschlechter." Heute, in sturmbewegter Zeit, wo antisemitischer Haß und neophytischer Berrath an den Besten des Judenthums rütteln, da bewährt sich der Scharfblick des großen Propheten. Geschichte ist Bewußtsein und Wissen, und Wissen ist das Leben. In der Welt der sinnlichen Genüsse und der Daseinsfreude mag der Dichter Recht haben, der da sagt: „Nur der Jrrthum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod." Wer wird des Heute sich freuen, wenn er des qualvollen Gestern und des ungewissen Morgen gedenkt! — Aber in der Welt der Ideen und der Pflichten gilt der Satz nicht. Wer wird im Kampfe der Ideen und der Ueberzeugungen bestehen, wenn ihn das Wissen nicht stark macht? Seid stark und fest! Sollen wir Treue bewahren und Haß abwehren, so müssen wir uns mit dem Geiste unserer Geschichte, mit der Wahrheit und Reinheit unserer Lehre erfüllen. Unsere Lehre zwingt uns kein Opfer des Intellekts auf; unser Glaube fängt nicht an, wo das Wissen aufhört. Unsere Religion, die der Welt den Dekalog, das Sittengesetz, das Pflichtgefühl, die Nächstenliebe gegeben und von falschen Idealen der Lebensentsagung und Selbstverleugnung stch fern gehalten hat, kann und muß uns mit Stolz erfüllen, der einzige Gott und das Gesetz! weshalb sollten wir das Wissen fürchten? Unsere Geschichte, eine Geschichte wechselvoller Leiden und unvergänglichen Duldens, sie läßt uns inne werden, daß der Gedanke des Judenthums werth ist, daß wir um seinetwegen leiden, daß er erhaben ist über der Mächtigen Gunst und der Menschen Haß. Erfüllen wir

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