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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Die Arbeit des Gemeindelebens wird durch den Deutsch- Israelitischen Gemeindebund schon jetzt in einer Weise geleitet, die allen berechtigten Wünschen vollauf entsprechen kann. In den meisten Provinzen sind bereits Bezirksverbände begründet, und es ist lebhaft zu wünschen, daß diese nunmehr an die Lösung aller ihrer Aufgaben herantreten möchten. Daneben bleibt für den Gemeindebund selbst und auch für jede einzelne Gemeinde noch genug zu thun übrig. Tausend Vorkommnisie beweisen während eines Jahres, wie nothwendig eine definitive Regelling der Gemeindeverhältnifle überhaupt ist, und wir glauben, daß es auf die Dauer kaum möglich sein wird, diesem dringenden Bedürfniß aus dem Wege zu gehen; da heißt es denn mit dem Dichter: „In Bereitschaft sein ist Alles." Ein nicht geringes Interesse dürfte gerade im kommenden Jahre die Stellungnahme gegenüber der antisemitischen Bewegung in Anspruch nehmen, die ohne Zweifel in den nächsten Monaten wieder ihr Gorgonenhaupt erheben wird. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", das „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" und der allgemeine „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", diese drei Vereine sind berufen, unser gutes Recht zu schützen und für dieses einzutreten. Aber an uns vor allem liegt es, diese Vereine thatkräftig zu unterstütze», damit sie ihren großen und schweren Aufgaben immer mehr gerecht werden können. Ein reiches und wie man sieht übergroßes Arbeitsfeld liegt vor uns im neuen Jahre. Möge es Alle auf dem rechten Platze finden, möge die schwere Zeit ein kampfbereites und glaubensfreudiges Geschlecht erziehen. Wir brauchen Männer, ernste, tapfere Männer, nicht solche, die, wenn der Sturm alle Mann an Bord ruft, sich vorsichtig in die Kajüte verkriechen. Vor uns liegt ein neues Jahr, ein neues Arbeitsfeld und „zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag!" Vre Woche. Berlin, 5. Januar. erade zur rechten Zeit, um den nichtswürdigen Ausstreuungen der konservativ-antisemitischen Preffe und ihrem Schlagworte: „Jüdisch-freisinnige Flottengegner" entgegenzutreten, ist in dieser Woche eine Broschüre erschienen, die den Titel führt: Die deutsche Flotte und die jüdischen Reichstagswähler" (Berlin 1898. Verlag von Albert Katz). Der anonyme Verfasser ist ein tüchtiger Politiker, der die Verhältnisse kennt und nicht mit Phrasen, sondern mit Argumenten auftritt, die eine sachliche Prüfung wohl verdienen. Er schildert das Verhältniß der Juden zu den fortschrittlichen Parteien mit Sachkenntniß und kommt zu der Ueberzeugung. daß der Jude nicht dem Liberalismus und nicht der liberalen Partei untreu werde, „wenn er bei der Beurteilung, welche Rüstung Deutschland brauche und ertragen könne, den Generalen lieber folge als dem Führer der Volkspartei Eugen Richter." In der schwebenden Frage selbst faßt er seine Darlegungen in folgenden Schlußsätzen zusammen: „Die Juden selbst haben für ihre Glaubensgenossen im Osten Europas allerhand koloniale Pläne in Kleinasien; einige Anfänge find schon gemacht worden, und einige Tausend Juden find in Palästina angefiedelt worden, aber alle diese Gründungen hängen gleichsam in der Lust, weil dort eine geordnete Landesverwaltung fehlt. Was nützt das Wohlwollen des Türken, wenn er durch seine Mißverwaltung jedes Land, über das er sein Szepter hält, ruinirt, wenn er friedlicher Arbeit gegen räuberische Angriffe keinen Schutz gewährt? So können wir uns nur mit Zittern freuen, wenn über das Gedeihen der jüdischen Kolonien gute Botschaft kommt. Ueberdies, wie lange wird diese türkische Herrlichkeit dauern! Diese Frage ist freilich schon ein Jahrhundert alt und darüber, aber fle kann doch an einem Tage entschieden werden, und der Russe rückt dann vor, und die eben erst der rusfifchen Geißel entronnen find, fallen ihr aufs Neue anheim. Als jüngst in französtschen und englischen Blättern Theilungspläne, die das gegenwärtige türkische Reich betrafen, besprochen wurden, fanden wir Frankreich, Rußland und England als lachende Erben am Bette des kranken Mannes, an Deutschland dachte Niemand. Wie rasch würde sich dies ändern, wenn es eine stattliche deutsche Flotte gäbe! Jetzt liegt für uns Kleinasien wie in einer fremden Welt; es wäre uns sehr nahe gerückt, und wir könnten daran erinnern, daß wir auch da sind, wenn deutsche Schiffe in achtunggebietender Zahl und Größe im Mittelmeere vorhanden wären. Hat der Russe nicht auch ohne Kleinasten genug? Welch ein glänzendes Neu-Deutschland könnte sich auf diesen Stätten einer uralten Kultur erheben! Von diesem Boden wissen wir, daß auf ihm nach einer Erfahrung von Jahrtausenden eine Kultur möglich ist, während in den Wildnissen Afrikas jedes Kolonisiren ein unsicheres Experimentiren ist. Dann wäre den Russen ein Halt geboten, und die jüdischen Kolonien brauchten die gefährliche Umarmung durch die Macht des Zaren nicht zu fürchten. Kleinafien unter deutschem Szepter würde auch größere Mengen russisch-jüdischer Ansiedler aufnehmen, die dort sicherer wohnten als irgendwo. Denn der Deutsche würde die Bürgschaft der Ordnung in diese Lande bringen; was ist aus Bosnien geworden, seitdem Oesterreich dort das Regiment führt, und Vorderasien ist doch noch in ganz anderer Weise von der Natur gesegnet. Die glücklichsten Aussichten für das deutsche Volk eröffnen sich, wenn es ihm vergönnt wäre, ein so nahe gelegenes Land der Kultur zurückzugewinnen, und für den Strom der jüdischen Auswanderung gäbe es dort ganz andere Hoffnungen als unter dem Regiment der Türkei, dem jede Kraft, sei es zu nützen, sei es zu schaden, fehlt. Aber nur wenn Deutschland auf dem Meere herrscht, sind solche Pläne mehr als Luftschlösser. Wir wissen, wie unser Kaiser seine ganze Kraft einsetzt, um diesen Plan, eine mächtige Flotte herzustellen, zu verwirklichen; es wird ihm zweifellos gelingen; sollen wir deutschen Juden zu den vielgeschmähten Nörglern gehören und bekritteln, statt zu helfen? Diese Flotte soll kein Paradestück werden, sondern ein starker Faktor in der Entfaltung des deutschen Volkes, das jetzt bei allem Ruhme wirthschaftlich leidet. Uns Juden kann es gar nicht gleichgiltig sein, wenn die wirthschaftliche Lage des Landes sich zum Vortheil verändert. Wir sind nicht nur als deutsche Bürger bei diesen Erwägungen betheiligt, sondern auch als Israeliten; denn das Mißbehagen, das durch den erschwerten Erwerb entsteht, wendet sich zuerst gegen die Juden. Aber der deutsche Israelit spielt auch, wenn er sich in einer so wichtigen Angelegenheit in schroffe Opposition zu den kaiserlichen Plänen setzt, um einen weit größeren Einsatz als die deutsch-freisinnige Partei. Wir sind schon jetzt vielfach bedrängt, viele rohe Patrone in den sogenannten höheren Ständen warten nur auf ein Zeichen von oben, um uns unser Judenthum nur noch härter fühlen zu lassen. Es geht oft nicht anders, daß wir um Rechts und Gewissens willen einzelnen Maßregeln der Regierung entgegentreten müssen. Aber die Frage, wie groß unsere Flotte sein muß, gehört in das Gebiet der Technik, und das Gewissen braucht sich nicht beschwert zu fühlen, wenn wir hier uns der höchsten staatlichen Autorität, die von den tüchtigsten Sachverständigen berathen ist, unterordnen. Wir sollen als Staatsbürger zuvörderst an das deutsche Vaterland denken; aber wir können doch unser Judenthum nicht ganz vergessen; wir dienen beiden am besten, wenn wir die Freunde der deutschen Marine so viel als möglich unterstützen. Eine interessante Streitschrift gegen die deutsche Antisemiten Part ei von einem ihrer früheren Anhänger macht augenblicklich einiges Aufsehen. Der Verfasser, G. H. Erdmannsdörffer, geht in seiner Broschüre: „Dem Abgrunde zu" mit seinen ehemaligen Parteigenossen scharf ins Gericht. Er will nicht einen „Kampf gegen das Judenthum", sondern Gesetze gegen die wirthschaftlichen Schäden. Die Antisemiten dagegen verlangen immer nur ihre „Judengeschichten" zu hören: „Ohne einen gehörigen, saftigen Agitationsstoff, den die Juden oder „verjudete" Menschen mit irgend einer „Schandthat" selbst liefern.

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