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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1898-01-07 · Heft 1 (7.1.1898) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
62 (1898)
Issue
Heft 1 (7.1.1898)
Date
1898-01-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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62. Jahrgang. Ar. 1. rv -\v--, ■ Berlin, 7. Januar 1898. eitung öes Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redncterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner U*. Ludwig Philippson-Korm. Verlags-Crpedition: löerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Zu neuen Ufern. — Die Woche. — Drei Reden. Von Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, Rabbiner Dr. S. Mäh bäum und Syndikus Dr. Georg Minden. — Der Fall Drehfus im Lichte des jüdischen Gesetzbuches. I. Von Dr. Kohn. — Jüdische Grüße. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann. — Ein Brief David dei Rossi's aus Palästina vom Jahre 1534:. Von Pros. Dr. David Kaufmann. — Feuilleton: Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. — Litterarische Mittheilnugen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Posen, Frankfurt a. M., München, Wien, Budapest, Stockholm, Kiew, Algier. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. In neuen Ufern. Berlin, 3. Januar. fas alte Jahr ist dahingegangm „mit seinem Jammer", wie es in dein bekannten Gebetstück heißt, möge nun das neue Jahr „mit seinen Segnungen" beginnen. Der größte Segen, den wir zu erflehm haben, wäre aber der, daß in Israel eine Erhebung des Geistes sich rege, die den Sinn wieder erwecke für unsere große Vergangenheit, für unsere traurige Gegenwart und für unsere gottverheißene Zukunft. Die Anzeichen mehren sich ja, daß gerade in unserer Jugend, auf die wir alle unsere Hoffnungen bauen, eine solche Erhebung sich anbahne. Wir aber wollen mit den Jungen und Alten zugleich gehen, wie es im Schriftwort heißt. Und unser Sinnen und Trachten muß darauf gerichtet sein, den Jndifferentismus zu überwinden, der auf breiten Schichten unserer Glaubensgemeinde noch wie ein Mehlthau liegt, der Unkenntniß vorzubeugen, die die Quelle alles Unheils ist, das über uns gekommen, und dem Abfall entgegenzutreten, der immer mehr um sich greift und nicht nur die welken Blätter, sondern auch die hoffnungsvollen Blüthen mit sich fortreißt. Die Aufgabe ist wahrlich keine kleine, und wir dürfen uns nicht vermesten, zu hoffen, daß es an uns liegt, diese Wünsche zu erfüllen Und die ersehnten Ziele zu erreichen, aber es genügt, in großen Dingen Großes gewollt zu haben, und ein künftiger Historiker wird unser Geschlecht nicht nach dem Maße des Erreichten, sondern nach dem des Erstrebten zu beurtheilen haben. Dieser Prüfung gegenüber hoffen wir aber Stand zu halten, denn es zeigt sich, was wir schon im Rückblick auf das vergangene Jahr hervorgehoben, auf allen Gebieten des deutschen Judenthums ein ernstes, von sittlichen Zielen getragenes Streben, ein neues Leben, das für die Zukunft die besten Hoffnungen erweckt. Auf religiösem Gebiete haben die Streitigkeiten innerhalb der Gemeinden immer mehr dem festen Grundsatz Platz gemacht, daß innerhalb der jüdischen Gemeinde Raum für alle religiösen Ueberzeugungen sein müsse. Niemand soll in seiner religiösen Ueberzeugung beschränkt und vergewaltigt werden! Das muß auch fernerhin der oberste Grundsatz aller jüdischen Gemeinden bleiben. Die Vertreter des Althergebrachten haben genau dasselbe Recht und denselben Anspruch auf Gemeindeinstitutionen in ihrem Sinne und auf ihre religiösen Anschauungen wie die Vertreter des Fortschritts und der Reform. In großen Gemeinden ist eine friedliche Entwickelung sehr leicht zu erzielen, und auch selbst in mittleren Gemeinden wird bei einigermaßen gutem Willen eine Verständigung um so leichter zu erzielen sein, als ja die religiösen Gegensätze gegenwärtig nicht mehr so heftig aufeinanderplatzen wie in früheren Jahren und ein gemeinsamer Boden gefunden worden ist. auf dem beide Parteien friedlich Zusammenwirken können. Die Roth wird endlich das Verständniß dafür schärfen, daß der Weg des Friedens zugleich der Weg der Gerechtigkeit und daß er für alle Theile der vernünftige ist. Der deutsche Rabbinerverband hat hier eine schöne Aufgabe; hoffen wir, daß es ihm im neuen Jahre beschieden sein wird, seine Thätigkeit in erfolgreichem Sinne zu eröffnen. Die wichtigste Frage bleibt auch fernerhin die Gestaltung des Religionsunterrichts. Wir glauben, daß die Ansichten darüber nunmehr ziemlich geklärt sind, und daß man endlich aus dem Stadium der Diskussionen, Anregungen und Meinungsverschiedenheiten zu einem festen Ziele gelangen niüffe. Der Augenblick ist günstig, da die Regierungen eine Regelung des jüdischen Religionsunterrichts wünschen und fördern. Versäumen wir diesen günstigen Augenblick nicht; die Frage der religiösen Heranbildung unserer Jugend ist die wichtigste und brennendste, sie muß vor allem gelöst werden, und zwar in einem Sinne gelöst werden, der allen berechtigten Erwartungen entspricht, um die Zukunft des deutschen Judenthums sicher zu stellen. Was die Religionsschule für die Jugend, das sind die Litteraturvereine für unsere Männer und Frauen. Sie sollen den Unterricht in einem höheren Sinn fortsetzen und ergänzen; sie sollen die Kenntniß unserer Geschichte und unseres Schriftthums in weite Preise tragen, sie sollen auch unseren nichtjüdischen Mitbürgern diese Kenntniß vermitteln und innerhalb unserer Kreise alle noch herrschenden Vorurtheile beseitigen. Unser Streben muß dahin gehen, daß in jeder jüdischen Gemeinde ein Litteraturverein bestehe. Aber von diesem Ziele sind wir noch weit entfernt. Wir haben noch große Gemeinden, in denen bis jetzt trotz aller Bemühungen keine Litteraturvereine begründet wurden. Wir nennen nur Danzig, Posen, Gnesen, Wiesbaden, Trier, Nürnberg, Fürth, Bamberg, Dresden, Stuttgart, Darmstadt, Mainz u. a. m., dazu kommen noch mindestens hundert Mittelgemeinden und viele kleinere, für die gerade die Existenz eines Litteraturvereins ein unabweisbares Bedürfniß ist. Nun denn, wir werden nicht ruhen noch rasten, bis auch dieses Ziel erreicht ist, und wir hoffen, daß unsere Bemühungen auch fernerhin von Erfolg begleitet sein werden.

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