Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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läge möchte ich die Anregung geben, daß nicht die Geschichte des letzten Jahrhunderts, wie es leider auch in den großen Geschichtswerken der Fall ist, lediglich eine Geschichte der preußisch-deutschen Judenheit bleibe. Schließlich zählt ^die deutsche Judenheit bloß etwa 600 000 Köpfe, sie bildet somit ungefähr den zwanzigsten Teil des gesamten jüdischen Volkes. Da das Buch nicht nur für die Schulen bestimmt ist, so müßte es eben nach der angedeuteten Richtung hin mehr bieten. S. B. * — Dr. A. Ackermann, Geschichte der Juden in Brandenburg a. H. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen dargestellt und mit urkundlichen Beilagen. Berlin, Verlag von Louis Lamm, 1906. VIII und 224 Seiten, wovon 42 Seiten urkundliche Beilagen und Register. Mit vier Abbildungen. — Erfreulicherweise mehren sich in letzter Zeit die lokalkundlichen Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland. Allmählich werden hierdurch die soliden Grundsteine geschaffen, auf denen sich eine zuverlässige, konjekturfreie Darstellung einer Gesamtgeschichte der deutschen Juden mit der Zeit wird ausbauen lassen. Das Verdienstliche dieser Art von Arbeiten kann kaum über Gebühr hervorgehoben werden; handelt es sich doch hierbei um Studien, welche, so sehr sie auch die Kenntnis der allgemeinen Geschichte fördern, im großen und ganzen die Allgemeinheit vorderhand doch wenig interessieren und somit von dem Verfasser eine große Dosis von Selbstverleugnung, eine Verzicht auf Anerkennung seitens der Menge verlangen. Wie der mikroskopierende Naturforscher muß der Lokalhistoriker das Gesichtsfeld seiner Forschungen aus eigenem Willen einengen, um dem Kleinen und Kleinsten seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Spannung, welche die Ergründung des Zusammenhanges bedeutender Ereignisse, des Wirkens großer Persönlichkeiten den Historiker in ständiger innerer Erregung erhalt und es ihm gestattet, seine Darstellung mit einem berechtigten, auf einen großen Leserkreis wirkenden Pathos zu begleiten, wird dem Lokalgeschichtsschreiber nicht zuteil; in kleine Verhältnisse, in den engen Rahmen alltäglicher Erscheinungen muß er sich hineinbegeben, mühevoll die einzelnen lückenhaften Nachrichten zusammenstoppeln, um sein anspruchloses, von bunten Farben nicht belebtes kleines Genrebild zu malen. Dennoch darf er, will er nicht wirklich nur eitel Kleinkram bieten und aus dem Kleinen ins Kleinliche verfallen, den Zusammenhang mit dem Ganzen nicht vergessen, wie der Mikroskopiker auch beit Makrokosmos nicht aus dem Auge lassen. Um das Lokalgeschichtliche verständnisvoll gestalten zu können, muß er auch in der Landesgeschichte zu Hause sein, er muß die Fäden verfolgen können, die aus dem Oertlichen ins Weite führen, und von dort wiederum Zurück in das lokale Gebiet hinüberleiten. Mit den soeben gekennzeichneten Eigenschaften ausgestattet, die einen guten Lokalhistoriker anszeichnen müssen, hat der Verfasser der oben angezeigten Schrift uns ein Bild der Geschichte, der Juden in Brandenburg an der Havel entworfen. Er hat augenscheinlich keine Mühe gescheut und keine Opier an Zeit gespart, um die in Druckschriften und in Archiven verstreuten Nachrichten zu sammeln. Er hat in den Akten der dortigen jüdischen Gemeinde, des Magistratsarchivs und des Geheimen und Staatsarchivs in Berlin geforscht, er hat von der einschlägigen Literatur kaum ein Werk unbeachtet gelassen, um ein möglichst vollständiges Bild der Schicksale der Juden in Brandenburg, der Entstehung, Begründung und Entwicklung der dortigen jüdischen Gemeinde zu schaffen. Wenn es dennoch lückenhaft geblieben ist, so liegt dies nicht an dem Verfasser, sondern an der Mangelhaftigkeit des vorhandenen Materials. Die Quellen für die innere Geschichte der Juden fließen leider zu spärlich. Um so dankbarer müssen wir dem Verfasser dafür sein, daß er bei wichtigeren, urkundlichen Nachrichten sich nicht damit begnügt hat, dieselben bei der Darstellung zu verarbeiten, daß er vielmehr einen Teil von ihnen, der eine ganze Menge noch anderweitig zu verwendender Details enthält, in den Beilagen ausführlich mitgeteilt hat. Die historische Darstellung selbst zerfällt in fünf, dem Umfange nach ungleichmäßige Abschnitte. Der erste schildert auf Grund bereits veröffentlichten Urkundenmaterials und anderer Schriften eine Schilderung der ältesten Zeiten, des 14. und 15. Jahrhunderts. Der zweite Abschnitt behandelt den Hostienschändungsprozeß von 1510 und seine Folgen, der dritte die Anfänge der Gemeinde (1671—1728), der vierte die Entwicklung der Gemeinde und ihrer Institutionen (1729—1855). Der letzte Abschnitt ist der neueren Geschichte der Synagogengemeinde (seit 1855) gewidmet. Die ersten beiden Kapitel reichen über den engen Rahmen der Brandenburger Gemeindegeschichte hinaus und behandeln zum Teil die Geschichte der Juden in der Mark überhaupt. Das interessanteste und bisher fast unbekannte Material bieten die Abschnitte III und IV. Der Verfasser versteht es, die geschilderten Ereignisse richtig zu würdigen und ihren Zusammenhang mit den Ereignissen aus der weiteren Geschichte aufzuklären, auch ist ihm im großen und ganzen die oft schwierige Sprache der alten Urkunden nicht fremd, wiewohl gerade hier ihm das Einholen fachmännischen Rates manchmal von Nutzen gewesen wäre. Auch durch eine größere Kenntnis der mittelalterlichen Rechtszustände und Einrichtungen würde besonders das erste, die ältere Geschichte der Juden in der Mark behandelnde Kapitel gewonnen haben. Der Verfasser hätte aus den dort zitierten Urkunden manches präzisere Resultat erreichen können. Der Hauptwerk des Buches besteht ' allerdings in den späteren Kapiteln, zu denen die zwei ersten Abschnitte gewissermaßen nur als Einleitung zu betrachten sind, und in diesem Hauptteil hat der Verfasser uns des Interessanten und Neuen so viel geboten und das Gebotene mit einem so kritischen Verständnis zusammengestettt und erläutert, daß man im Interesse der Wissenschaft des Judentums wünschen darf, daß noch folgende lokalgeschichtliche Arbeiten das Niveau der Ackermannschen Geschichte der Juden in Brandenburg erreichen. - Dr. E. Zivier. SArrchsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! or etwa zwei Jahrzehnten brachte ich in Ihrer geschätzten Zeitung eine Mitteilung, welche ich, im Hinblick aus den sehr interessanten und lehrreichen Vortrag in Nr. 47 und 48: „Stiftungsbestimmungen" hier wieder auffrischen möchte. Vor Jahren hatte ein Jude ein Legat zur Unterstützung Studierender ohne Unterschied der Ko nfes sion an der Berliner Universität hinterlassen. Die Verteilung der Stipendien lag dem jeweiligen Dekanat ob. Die Unterstützung wurde nach dem Sinne des Testators jahrelang an jüdische wie an christliche Studierende abgegeben. Da aber kam ein gelehrter Herr auf Grund seiner Sprachforschung zu dem Ergebnis, die Juden seien nachdem „ausdrücklichen" Willen des Testators hier zweifellos ausgeschlossen, denn „ohne Unterschied der Konfession" könne sich lediglich nur auf die Christen beziehen — die Juden hätten keine Konfession, sondern eine Religion. Quod erat demonstrandum! Selbst heutzutage, wo soviel von konfessionellen Schulen die Rede ist, will man darunter nur die evangelischen und katholischen verstanden wissen, während die jüdischen Schulen hier nicht mitzählen sollen. M. Grünseld-Schwersenz. * Lrirkkstten drr HrdsKtwn» N. N., Kokmo. Ueber Maimonides Religionsphilosophie und ihre Terminologie ist eine ganz umfangreiche Literatur vorhanden. Indessen ist es irrig, wenn Sie annehmen, daß die Verwendung der Bezeichnung „jaebid" statt „echad“ um die Einheit Gottes auszu- ^rücken, von Maimonides herrühre. Das haben schon frühere Religionsphilosophen getan. Da es dargus ankam, den Begriff der Einheit Gottes auch sprachlich genau zu definieren, so zogen sie die Bezeichnung „jaebid" deshalb vor, weil „echad“ nicht nur eins, 'sondern auch der erste heißen kann, und somit auch die Möglichkeit zulätzt, daß auck ein zweiter gedacht werden könnte. Hingegen bedienten sie sich des Ausdruckes „achadat“, um die Einheitlichkeit des göttlichen Wesens zu bezeichnen. Daß die Bibel in der populären Redeform auf derartige sprachliche Definationen keine Rücksicht nahm, kann gegen unsere Religionsphilosophen nicht eingewendet werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.