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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 Aber die Zeit drängte, denn ein Verhör der Inquisition dauerte nicht lange. ' . Es mußte demnach ein kurzer Entschluß gefaßt werden. Der Mönch überlegte eine Weile schweigend, und die beiden jungen Leute harrten erwartungsvoll seiner Worte. Endlich begann er: „Ich kann nur Dich mitnehmen, Juanita . . ." „Ich soll fliehen, " unterbrach ihn Juanita, „und er? Mein Gott! Mein Gott!'" „Für ihn ist noch nicht alles verloren. Du, mein Kind, bist reich, man wird Dir niemals verzeihen. Er aber, er ist arni, man wird sich vielleicht gar nicht so sehr um ihn kümmern. Die Inquisitoren haben genug andere Sacher, zu tun. Die kurzsichtigen Leute glauben, daß die Angelegenheit mit Antonio Perez jetzt zu Ende und die Inquisition besiegt ist. Ich aber weiß, daß sie ebensowenig wie der König je nachgeben wird, und ich hoffe, daß das Volk von Saragossa bald seine Drohung, diesen Schreckensort vom Erdboden zu vertilgen, wahr machen wird. — „Das ist meine Hoffnung," fuhr der Mönch, zu Fernando gewandt, fort. „Nimm diesen Schlüssel, ich habe ihn mitgebracht, um Juanita von ihren Fesseln zu befreien, er wird Dir dazu dienen. Dich der Deinigen zu entledigen, wenn der passende Moment da sein wird. Hier hast Du Gold, Du wirst es Deinem Schließer geben, sobald meine Flucht bekannt sein wird. Der Mann ist habsüchtig, daß weiß ich. Sage ihm, daß ich ihn, diese Summe zurücklasse, und daß ich ihm das Dreifache zukommen lassen werde, wenn es Dir zu entkommen gelingt. Verlange nicht, daß er Deine Flucht begünstige, nur daß er Dich nicht verrate. Er hat mir vertrauen gelernt und zweiselt nie an meinem Wort. Sei also immer bereit, mein Sohn; Du bist jung und kühn, wenn die Gelegenheit da ist, wirst Du sie benutzen; übrigens setze Deine Zuversicht in den Herrn." Bei diesen Worten hatte er Fernando ein Zeichen gemacht, und ohne daß es Juanita bemerkte, ließ er ein kleines Fläschchen in die Hand des jungen Mannes gleiten. Es enthielt ein starkes, schnell wirkendes Gift. „Und nun komm, mein Kind," sagte der Mönch zu Juanita, „die Zeit drängt; die Reise ist lang und gefährlich. Aber wer weiß, vielleicht werden wir alle noch eines Tages glücklich sein!" Der Mönch faßte Juanita bei der Hand und öffnete die Tür. Das unglückliche junge Mädchen wandte sich noch einmal um, um Fernando ein letztes Lebewohl zuzurufen. Die Stimme versagte ihr; aber sie legte ihre ganze Seele in den letzten Blick, den sie dem Geliebten zuwarf. Enriquez zog sie schnell hinaus und mußte selber die Tür hinter dem armen Fernando zuschließen. Dann rief er den Schließer und übergab ihm ruhig den Schlüsselbund. Er durchschritt die öden Korridore des unterirdischen Gefängnisses und stieg die zahlreichen Stufen, die zun, Sitzungssaal führten, hinauf. Aber anstatt hier einzutreten, nahm er die Richtung nach seinem eigenen Kabinett. Hier holte er ans einem Kleiderschrank ein einfaches Handwerkerkostün, hervor, das Juanita anziehen mußte, und schlug ihr den Mantelkragen über das Gesicht; er ergriff daraus ein anderes Fläschchen mit Gift, steckte einigen Mundvorrat uyd eine Flasche Wein zu sich, ging mit dem jungen Mädchen-hinab, und beide' verließen ohne Schwierigkeit die Aljaferia. In der Tat hätte niemand daran gedacht, daß der Handwerksmann, der Enriquez begleitete, eine Gefangene des heiligen Offiziums wäre, die durch den Geheimschreibcr des Großinquisitors selber befreit werden sollte. In einigen Stunden brach die Nacht an; trotzdem wollte Enriquez nicht in Saragossa bleiben, er schlug sofort den Weg ins Gebirge, der nach Frankreich führte, ein. Vor dem französischen Tore auf der Brücke zog er sein weißes Dominikanergewand, unter dem er ebenfalls Handwerkerkleidung angelegt hatte, aus, dann wälzte er einen großen Stein heran, band ihn fest in die Kleider ein und warf alles in die Fluten des Ebro. Mt dumpfem Geräusch war das Paket in die Tiefe gesunken, darauf war alles ringsumher still wie zuvor. Dann ergriff er Juanitas Arm und setzte eilig den Weg fort. (Schluß folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Leket Joscher des Joseph den Mose. Zweiter Teil. Mit erklärenden Anmerkungen von Dr. I. Frei mann, Rabbiner in Holleschau. Berlin 1905. Selbstverlag des M’kize Nirdamim. — Der erste Teil des genannten Werkes wurde von Dr. Freimann im Jahre 1903 herausgegeben und ist bereits in Nr. 34 des Jahrgangs 1904 dieser Zeitschrift besprochen worden. Der vorliegende Band, der alle die vom Verfasser im Anschluß an den Joreh Deah gemachten Aufzeichnungen enthält, ist vom Herausgeber außer den fortlaufenden, auf die Quellen verweisenden Anmerkungen auch nocfj mit einerwertvollen kultur- und literarhistorischen Einleitung versehen worden. Zn meisterhaftem Hebräisch spricht er zunächst von der Würdigung, die die in der Münchener Hof- und Staatsbibliothek vorhandene, vom Verfasser selbst gefertigte Handschrift bei Gelehrten wie Steinschneider^ Berliner, Güdemann und Brann gefunden, um alsdann recht sorgfältige biographische Angaben über denselben zu machen und den religionsgesetzlichen, literarischen und kulturgeschichtlichen Wert seines Buches darzulegen. Joseph ben Mose war kein selbstständiger Forscher. Sein Streben ging vielmehr nur dahin, die von einem berühmten Lehrer Israel Jsserlein (1427—1460) getroffenen religiösen Entscheide und Lehrmeinungen für die Mit- und Nachwelt zu erhalten. Dadurch erfahren dessen berühmte Werke eine wertvolle Bereicherung. Damit erschöpft sich der Wert des vorliegenden Buches für uns aber durchaus nicht. Es enthält auch mannigfache bedeutsame Angaben über das innere Leben der deutschen Juden im Mittelalter, ihre Beschäftigungen, ihren Handel, ihre Beziehungen zu den Andersgläubigen und dergleichen, die zur Bereicherung der Kulturgeschichte der Juden nicht unwesentlich beitragen. In sehr übersichtlicher Weise hat Herr Dr. Freimann auf alle die hier in Betracht kommenden Stellen hingewiesen und auch alle Gelehrten verzeichnet, die in dem Buche angeführt werden. Ueber deren Leben und Werke weiß er in seiner erstaunlicher: Belesenheit und seinen; durchdringenden Urteil manch erleuchtenden Lichtstrahl fallen zu lassen. So hat der Herausgeber die Benutzung und wissenschaftliche Ausbeutung des Werkes durch seine sorgfältige und fleißige Arbeit sehr erleichtert und sich dadurch einen Anspruch auf den Dank der einschlägigen Gelehrtenkreise erworben. Thorn. “ Dr. I. Rosenberg. Dr. S. Bäck. Die Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Literatur vom babylonischen Exile bis auf die Gegenwart, mit einem Anhänge: Proben der jüdischen Literatur. — Dritte verbesserte Auslage. Frankfurt a. M. 1906. I. Kauffmann. Dies Geschichtskompendium ist als Lektüre für Schule und Haus bestimmt, für die reifere jüdische Jugend, aber auch für Erwachsene, welche die jüdische Geschichte kennen wollen, ohne in der Lage zu sein, groß angelegte und streng wissenschaftliche Geschichtswerke zu studieren. Diesen Zweck erreicht das Buch, das nunmehr in der dritten Auflage vorliegt, vollkommen. Es wird auch dem Lehrer nützlich sein, der vor die Aufgabe gestellt ist, in den Elementarschule!: aus der jüdischen Geschichte das Notwendigste zu lehren. Der Anhang ans der jüdischen! Literatur ist gewiß eine dankenswerte Beigabe. Für eine neue Ans-

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