Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 622

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228743--63173-3290385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Sie leidet," fuhr er schluchzend fort, „und nur für mich. Aber Ihr habt mir gesagt, daß Ihr sie retten könnt! Warum überlaßt Ihr sie nun den Händen der Elenden, die sie vernichten?" „Nur noch kurze Zeit.. „Enriquez, Ihr sagt mir nicht die reine Wahrheit.. ." „Du vertraust mir nicht mehr, mein Sohn?" „Ach, immer; doch ich kenne Dich, Du willst mir mein Unglück verschweigen; Du willst mich wenigstens retten, mich, denn für sie ist alles verloren!" „Noch nicht, Fernando." „Aber, mein Gott, wozu denn das Warten, warum zögern?" „Weil ich nichts überstürzen will. Es genügt nicht, daß ich sie aus dem Gefängnis befreie, wir müssen aus Spanien fliehen, und der Weg ist weit und gefährlich, denn die Inquisition ist allgegenwärtig." „Das weiß ich nur zu gut," entgegnete Fernando. „Also muß ich noch warten! Und wenn sie sie wieder foltern werden?" „Habe Mut, mein Sohn, vertraue auf den Gott Israels! Seine Gnade hat uns bis auf diesen Tag geleitet, sie wird auch in Zukunst uns beschirmen. Und nun lebe wohl." Als der Mönch sich entfernt, versank Fernando in dumpfes Brüten. „Wer weiß," dachte er, „ob Enriquez' Hoffnung nicht trügerisch ist. Sonst hätte er sie nicht von den elenden Henkersknechteru niartern lassen." Juanita, seinetwegen gefoltert! Der schreckliche Gedanke trieb ihn zur Verzweiflung. Er konnte ihn nicht ertragen. „Nein," rief er plötzlich, „nein, das kann ich nicht zugeben. Ich soll mich hier verstecken, während sie sie töten. Nein! Ich will mich lieber dem heiligen Offizium übergeben. Uebrigens was verliere ich dabei? Wer weiß, ob ich seinen Schergen entgehen werde? Und wozu soll ich auch noch leben? Mein Wohltäter ist tot! Juanita ist rettungslos verloren! Wozu zögere ich? Ja, ja! Und da ich einmal unterliegen muß, will ich lieber durch Henkers Hand sterben, als sie für mich leiden sehen. Was kommt's auch darauf au! Ich werde alles eingestehen, was man von mir verlangen wird. Uebrigens läßt die Inquisition denen, die sich ihr freiwillig übergeben, in gewissem Sinne Gnade zuteil werden. So sei es denn! Ich will sterben, und da ich meiner teuren Juanita feinen andern Liebesbeweis geben kann, so will ich ihr wenigstens ihre Martern abnehmen." In derselben Nacht stellte sich ein junger Manu in der Aljaferia als Gefangener: es war Fernando. XIV-. Indessen hatte die Inquisition geglaubt, es sei endlich der Zeitpunkt gekommen, mit ihren lange gehegten Absichten hervorzutreten. An demselben Tage, au welchem Juanitas erstes Peinliches Verhör abgehalteu worden war, hatte der Großinquisitor Molina de Modrano im Namen des allerheiligsten Tribunals dem weltlichen Gerichte die Weisung zugehen lassen, den Angeklagten Antonio Perez sofort in das geistliche Gefängnis abzuliefern. Aber das heilige Offizium hatte sich verrechnet. Als die Nachricht von der versuchten Ueberführung in die Oeffentlichkeit drang, brach der von den Aristokraten längst geschürte Aufstand aus, und zum erstenmal mußte die Inquisition zurückweichen. Man hatte sogar den Versuch geinacht, die Aljaferia zu stürmen und die Insassen derselben zu befreien. Dadurch war im Gefängnis eine unsägliche Verwirrung eingetreten, und als sich Fernando freiwillig den Händen des unversöhnlichen Gerichtshofes überlieferte, wurde er in der allgemeinen Bestürzung in eine Zelle gebracht, die bereits besetzt war. Welche Feder vermöchte die Szene zu schildern, als er in seinem Mitgefangenen die Geliebte, die seinetwegen gefolterte Geliebte erkannte! — — — Aber auch Enriquez war nicht untätig. Die Empörung konnte seinen Fluchtplänen dienen. Er kannte den Großinquisitor genau und wußte, daß er nach den heftigen Aufregungen der letzten Tage in seinem unbändigen Zorne niemanden vorlassen würde. Das hatte er bei anderen Anlässen zu erfahren Gelegenheit gehabt. Deshalb konnte er die Ueberzeugung haben, daß er mindestens in den nächsten drei Tagen nicht zu ihm gerufen werden würde. Dazu kam noch die Erwägung, daß es sicherlich einiger Zeit bedürfe, bis die Zustände im Gefängnis wieder in das alte Geleise kommen würden. Der Moment war also günstig, die nötigen Vorkehrungen waren getroffen, und es galt nur, mutig und mit Gottvertrauen ans Werk zu gehen. Er gab dein Schließer den Befehl, ihm die Zelle Juanitas zu öffnen, da er den Auftrag habe, sie zu einem zweiten Verhör in das Sitzungszimmer der Inquisition abzuholen. Dieser Befehl konnte den Gefangenwärter nicht befremden, da der Mönch als Geheimschreiber des Großinquisitors häufig dergleichen Aufträge zu vollführen hatte. Der Mönch trat mit einer Laterne in der Hand ein. Fernando und Juanita erbleichten, als sie den Neuangekommenen bemerkten, den sie im ersten Augenblick nicht erkennen konnten. Was brachte er ihnen? Enriquez selber war einen Augenblick überrascht, als er eine zweite Person im Kerker bemerkte. Indessen hatten beide Gefangene, deren Augen an das helle Licht nicht mehr gewöhnt waren, die Züge des Mönches erkannt. „Enriquez!" riefen sie. Das Erstaunen des Mönches wurde noch größer. Er bückte sich mit dem Licht herab, um dem Unglücklichen, der ihn ebenso wie Juanita kannte, ins Antlitz zu schauen. „Ich bin es, Fernando," sagte der junge Mann. „Fernando!" erwiderte der Mönch schreckensbleich. „Fernando hier? Wartet." Er ging hinaus. Der Schließer war an der Tür stehen geblieben. Er war ein Zeuge, der in einer Lage, die der Mönch nicht erwartet hatte, gefährlich werden konnte. „Ich habe die Gefangene zu verhören, ehe ich sie äbführe," sagte er zum Schließer. „Ihr könnt indessen anderen Geschäften nachgehen, bis ich Euch rufe. Uebrigens ist der zweite Gefangene gefesselt, es hat also keine Gefahr." Der Schließer entfernte sich und Enriquez kehrte in die Zelle zurück. Der Mönch hatte schnell den Zusammenhang der Ereignisse erfahren. Aber was war nun zu tun? Beide konnte er auf keinen Fall retten. Ev hätte den sofortigen Verrat des Schließers fürchten müssen. Denn das heilige Offizium hatte es so eingerichtet, daß es jeden einzelnen Beamten zum Spion für die Handlungen des anderen benutzte. Der habsüchtige ' Schließer hätte ihn ohne weiteres denunziert. Und Juanita allein wollte nicht gerettet sein, wenn sie den Geliebten in den Händen der Inquisition wußte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.