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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-12-28 · Heft 52 (28.12.1906) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 52 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 621 (sequence 9)
Language
German
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621 sehen: Assimilation, die alles Jüdische vernichtet, die nur an sich selbst, an das eigne Glück denkt, ohne der Pietät, ohne dem Glauben die erforderliche Pflicht zu zollen. Der Autor aber blieb auf der Oberfläche. Seine Juden sind eigentlich schon lange keine Juden mehr. Sie sind nur — Nicht-Christen. Das heißt: sie haben noch ein stumpfes Gefühl des Gegensatzes. Ausschlaggebend ist für sie die Geldfrage. Das Mädchen, das ihr Sohn heiratet, ist arm, eine Pastorstochter. Und im Hintergründe steht der Schadchen und spricht von „300 000 Mark, die sicher 200 000 Mark sind". Das ist ein Winkelzug, vielleicht ein dramatischer. Sicher aber wirkt er nicht menschlich, nicht wahr. Gewiß begreift man, daß diese Eltern, die sich ein ganzes Leben für ihr Kind geplagt haben, auf seine Unterstützung int Alter hoffen, zumal noch zwei Töchter ihres Eheglücks harren. Gewiß denken sie, ihr Sohn wird ihnen helfen, das Geschäft (das im Niedergang ist, der Gerichtsvollzieher ist ständiger Gast) zu heben und in Frieden leben zu können. Aber dieser rein egoistische Konflikt gewinnt die Oberhand. Man vergißt, daß hier ein jüdisches Problem aufgegriffen ist. Es sind starre Eltern, denen wir wenig Sympathie entgegenbringen. Der Vater und Pastor als Vertreter des christlichen Prinzips kommt besser dabei weg, viel besser. Er ist liberal, hat nichts gegen die Ehe, ist voller Milde und Güte, aber er bleibt erst recht ein Schema. Zu sehr oberflächlich in seinem Liberalismus, zu sehr salbungsvoll in seiner Güte. Er kennt die Rechte des Herzens an, will seine einzige Tochter nicht unglücklich machen, gibt sie dem Manne, der sie liebt; das ist gewiß schön und gut und rührend. Aber dieser Mann sollte wohl wisse«, daß diese wichtige Tat nicht ein Einzelfall ist, daß er hier ein Problem für sich löst, etwas' zu gütig, sehr leicht und oberflächlich, ohne zu überlegen, daß tausend Fragen einstürmen, daß die Zukunft fragt: Was soll aus den Eltern werden? Welche Kämpfe stehen den Kindern bevor? Ist eine Assimilation möglich? Können sich Temperamente unterordnen? Können Gewohnheiten abgelegt werden? All diese Fragen und Zweifel meidet der Pastor in seiner liberalen Güte. All diesen Fragen ) und Zweifeln weicht der Verfasser des Schauspiels aus. Und so ist ein Stück entstanden, ein Theaterstück, geschickt aufgebaut, tüchtig komponiert, aber oberflächlich und gedanklich unwahr gestaltet. Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. XVIII. ls der Inquisitor sah, daß Juanita zu keinem Geständnis zu bewegen war, gab er den beiden hinter ihm stehenden Männern einen Wink. Der eine von ihnen packte das junge Mädchen brutal arn Arme, während der andere ihr das Kleid von den Schultern riß. Juanita stieß vor Schreck und Schmerz einen gellenden Schrei aus. „Gestehe!" wiederholte der Inquisitor. „Ach!" rief Juanita bittend, „ach, ich weiß ja nicht „Tut Errre Pflicht!" sagte der Inquisitor zu den Henkern. Der eine der Folterknechte ergriff einen dicken eisernen Ring, der inwendig mit scharfen Spitzen besetzt war und den man durch eine Schraube zuziehen konnte. Er steckte Jnanitas Hand in das furchtbare Marterwerkzeug und stieß es bis in die Mitte des Armes; dann blickte er den Inquisitor fragend an. „Weiter!" sagte dieser. Der Henker gab der Schraube eine Drehung, so daß das Armband den schönen weißen Arm des jungen Mädchens heftig zusammenpreßte. Dieses stieß einen tiefen, stummen.Seufzer aus. „Gestehe!" fing der Inquisitor wieder an. „Ich weiß nicht," murmelte Juanita mit vor Schmerz gepreßter Stimme, „aber wenn ich es wüßte, würde ich es jetzt gesagt haben," setzte sie unwillig hinzu. Der Inquisitor gab ein Zeichen. Der Folterknecht gab der Schraube eine zweite Drehung. Juanita schrie furchtbar auf; das unglückliche Kind hielt eine doppelte Qual aus; die eisernen Spitzen drangen ihr ins Fleisch und zugleich wurde die Quetschung heftiger; sie bebte am ganzen Körper. „Gestehe!" wiederholte der Inquisitor kalt undungerührt. Juanita antwortete nicht mehr. Der Folterknecht drehte noch einmal die Schraube um. Die Adern des Armes schwollen schrecklich auf; bläuliche, blutunterlaufene Streifen zeigten sich auf dem Arme rings um das eiserne Band; Juanita befiel ein konvulsivisches Zittern; ihre bleichen, farblosen Lippen zogen sich schrecklich zusammen, ihre Zähne schlugen aufeinander und ein kalter Schweiß benetzte ihr Haar. Sie wandte ihre Blicke instinktmäßig auf den Arm; dann ließ sie das Haupt znrücksinken; Tränen benetzten ihre Wangen. Der Henker hielt an. „Fahrt fort!" sagte der Inquisitor. „Das Armband ist zu," sagte der Folterknecht. „Fangt mit dem andern Arm an," antwortete der Inquisitor. Der erste Henker öffnete die Schraube, während der zweite den andern Arm Juanitas ergriff. Aber das Mädchen siel rücklings zu Boden. Sie war ohnmächtig. „Wir werden das Verhör eilt anderes Mal fortsetzen," sagte der Inquisitor. „Bringt sie wieder zur Besinnung." Und er verließ das Gefängnis, Juanita den Händen der beiden Folterknechte überlassend. — Es ist tief iil der Nacht. Fernando und Enriqilez haben sich wieder in den „Ruinen" eingefunden. Stumm und verzweifelt stehen sie einander gegenüber. Endlich unterbricht der Möilch die peinliche Stille. „Ein wenig Geduld noch," sagte er traurig, „uoch ein klein wenig Geduld, ich bitte- Dich." „Und Juanita? Sie haben sie gefoltert, nicht wahr?" Du antwortest nicht! Ach, es ist also doch wahr? O, die Unmenschen!" „Es ist lvahr," antwortete Enriquez, „aber ihr Prozeß ist eigentlich noch nicht eingeleitet, wir gewinnen dadurch Zeit." „Zeit!" rief Fernando, „aber sie werden sie töten! Vielleicht ist sie schon tot?" „Gott sei Dank, nein! Ich muß es wissen, denn ich war anwesend. Gott hat mir diese schwere Prüfung auferlegt. Der Protokollführer war anderweitig beschäftigt und ich mußte ihn vertreten. Mein Gott, mein Gott, was habe ich gelitten!" „Und sie?" „Sie ward ohnmächtig vor Schmerz." Fernando barg sein Haupt in den Händen und weinte bitterlich.

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