Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 620 —- Sohn Israels einige Schritte gegangen, als Akil auf ihn zueilte. „Elender!" schrie er ihn an. „Du wagst noch, an einem öffentlichen Orte aufzutreten, nachdem Du mich so unverschämt meines Geldbeutels erleichtert hast!" Der Israelit war nicht wenig überrascht, als er aus dem Munde eines ihm wildfremden Menschen diese anklagenden Worte hörte und glaubte tut ersten Augenblick, daß hier eine Personenverwechslung stattgefundeu habe. In gemessener und höflicher Weise sagte er auf die schwere Beschuldigung, daß hier ohne Zweifel ein Irrtum vorliege und daß es ibm 'niemals eingefallen wäre, das Eigentum eines anderen anzutasten. Allein Akil ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. „O Du Spitzbube," schrie er wütend, „wie konntest Du es wagen, diesen Diebstahl auszuführen! Umsonst schmeichelst Du Dir, durch ein demütiges und bescheidenes^Betragen meinen Zorn zu entwaffnen und der Strafe zu entgehen. Marsch! Folge mir zu dein Kadi und rechtfertige Dich dort, wenn es Dir möglich ist!" Dabei packte der Taschenspieler den Juden (wie es in 1001 Nacht heißt: bei dem Kaftan) und schleifte ihn mehr tot als lebendig vor den Richter. Dort angekommen, sagte der listige Akil zu dem Hüter des Gesetzes: „O Herr Kadi, dieser Mann, der^vor Euch steht, ist einer der unverschämtesten Diebe von ganz Kairo, ich klage ihn an, daß er mir vor einigen Stunden eine ansehnliche Summe gestohlen; nachdem er diese Freveltat mit großem Geschick ausgeführt, halber noch die Dreistigkeit, wieder auf dem Basar zu erscheinen und ganz unbefangen umher zu schlendern, als wäre er durch und durch ein Ehrenmann. Ich bitte Euch, Herr Kadi, mir zu meinem Besitz zu verhelfen." „Ich beteure," erwiderte der Angeklagte, „daß ich mich niemals einer strafbaren Handlung schuldig gemacht und diesen Menschen hier noch nie gesehen habe. Entweder verwechselt er mich mit einem anderen, oder aber er ist verrückt." „Was, dieser Israelit hier wagt einen wahren Muselmann zu beschimpfen?" rief Akil entrüstet. „O Kadi, laßt Euch durch die falsche Versicherung des Elenden nicht betören, er lügt ebenso frech wie jener Kaufmann voll Indien, als er ein ihm anvertrautes Gut für sich behalten wollte, aber Ihr werdet seinen Ausflüchten ebenso entgegentreten wie damals der Kadi, der die Spitzbübereien des Kaufmanns entlarvte." „Und'wie benahm sich mein Amtsgenosse damals? Ich habe niemals von der Geschichte etwas gehört?" Akil erzählte nun mit großeuZungenfertigkeit die betreffende aufregende und interessante Geschichte, auf deren Inhalt ich aber hier nicht näher eingehen möchte. Akil schloß seine Erzählung mit den für den Scharfsinn und die Ehrenhaftigkeit des Kaditums schmeichelhaften Worten: „Auf solche Weise, Herr Kadi, entlarvte einst einer Eurer Amtsgenossen die Heuchelei und Zweizüngigkeit eines Schurken, und ich hoffe, Ihr werdet die Unverschämtheit dieses Ungläubigen zuschanden machen, der den Raub und den Diebstahl zu leugnen wagt, die er begangen. Ich bitte Euch, ihn durchsuchen zu lafsen,'und Ihr werdet, davon bin ich fest überzeugt, ihn bald des Verbrechens überführen können." In der Tat befahl der Kadi, an dem Jukulpaten die körperliche Visitation vorzunehmen, und es wurde bei ihm ein Beutel mit Zechinen gefunden, den er sein rechtmäßiges Eigentum nannte. Dagegen versicherte Akil, er erkenne durchaus den ihnl gestohlenen Beutel. Nun fragte der Richter beide Parteien, ob sie ihm sagen könnten, was die Börse enthalte. „Es sind 200 Zechinen darin." erwiderte der Israelit, „die ich erst diesen Morgen gezählt habe." „Du lügst, frecher Schelm, es sind nur 190, und auch ein Trauring muß dabei sein, wenn du ihn nicht schon herausgenommen hast." Diese Beschuldigung machte den ^verleumderisch Angeklagten ganz verwirrt, ja noch bestürzter wurde er, als er sah, daß sein Ankläger recht hatte. Alle Beteurungen, die er vorbrachte, waren vergebens, der Kadi zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit der Beschuldigung Akils, er ließ dein angeblichen Räuber und Dieb die Bastonade geben und händigte dem Taschenspieler die von ihm verlangte Börse ein. (Schluß folgt.) Lin Lchaulpiel von Inden. Von A. Halbert-Breslau. er Lieblose", Schauspiel in fünf Akten von Fritz Selten, hat im Breslauer Lobe-Theater seine Uraufführung erlebt. Reinhardt aus Berlin und noch einige andere Theaterdirektoren wohnten der Uraufführung bei. Nun soll konstatiert werden, ob es ein Erfolg war. Das ist schwer zu sagen. Jedenfalls hat das Drama nicht gepackt, nicht ergriffen. Und doch war die Tendenz so interessant, konnte dem Thema einen guten Hintergrund geben, wenn es ein jüdisches Schauspiel geworden wäre, das Welten aufgezeigt und aufgerührt hätte, die Jahrtausende im Kampf, im Zwiespalt liegen und so viele Opfer gefordert hat an Kraft und Seele und Glück. Der Autor schuf aber nur ein Schauspiel von Juden, ein Schauspiel, in dem zwei Welten sich berühren, aber kaum ineinander verweben oder gar miteinander kämpfen. „Der Lieblose" ist ein Jude, der mit Generationen Abrechnung hält. Sozusagen: ein Tendenz-Drama. Allerdings in ganz modernem Sinne. Ohne Tiraden, ohne Toleranzreden. Einfach: der Autor stellt zwei Welten auf. Hier der Sohn, der eine Pastorstochter liebt und heiratet. Dort die Eltern, die ihre Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt haben und nun nichts anderes zu tun wissen, als die Kluft zwischen sich und dem Kinde immer breiter zu machen. Der Vater geht zugrunde. Und als die Mutter zum Sohne kommt, steht er betroffen da, fremd, lieblos. Ich irre mich kaum in der Annahme, daß der Verfasser sein Drama grade nach dieser Szene getauft hat. Aber hier liegt auch die Schwäche, wurzelt die Ohnmacht seiner Gestaltung nicht allein, sondern auch seiner Weltanschauung. Es ist jedenfalls eine ehrliche, ernste Arbeit, und es verlohnt sich der Mühe, sie näher zu betrachten. Ich sagte schon, die Schwäche wurzelt im Menschlichen des Charakters, besser im Charakter seines Helden. Er ist in einem Hause ausgewachsen, das unreligiös im Handeln, nur dem Namen nach jüdisch war. Das merkt man deutlich. Nur der Großvater ist der Vertreter der Religion, der Typ..des Fanatikers. Aber dieser Großvater ist zu sehr Egoist, um als Fanatiker zu beeinflussen, ja nur wirken zu können. Einmal sagt er ein Wort (im vierten Akt), das wie ein Schlaglicht die Situation erhellt: „Wenn man keine Religion im Hause gesehen hat, wie soll man glauben" — so ungefähr. Auf dieses Argument mußte die Handlung den Konflikt basieren. Daß dieser Sohn gar nicht begreift, wo der Widerspruch liegt, daß er sich im Rechte weiß, weil sei» Herz gesprochen hat; hingegen dort düstere Vorurteile, starre Dogmen. Oder wie die Alten es